19.01.2022

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17.01.09 / Goebbels an jeder Tankstelle

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 03-09 vom 17. Januar 2009

Moment mal!
Goebbels an jeder Tankstelle
von Klaus Rainer Röhl

Die Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, ist besorgt. Nicht über die fortgesetzten Luftangriffe Israels auf Gaza, sondern wegen einer neuen Zeitung, die seit dem 8. Februar an allen deutschen Kiosken zu kaufen ist: „Zeitungszeugen“. Auch der „Spiegel“ regt sich auf: Pünktlich zum Jahrestag der Machtübergabe an Hitler komme eine neue Zeitschrift an die Kioske, die „Goebbels für alle“ bringe: Originalgetreue Nachdrucke von Tageszeitungen von 1933, bürgerlichen wie dem „Deutschen Tagesanzeiger“, stramm kommunistischen Parteiblättern, aber eben auch vom „Angriff“, herausgegeben von Josef Goebbels (Schlagzeile: „Reinen Tisch machen!“).

Goebbels für alle! Echt empört, liebe „Spiegel“-Redakteure? Oder kostenlose Werbung für McGee, den englischen Verleger und Geldgeber der Zeitschrift, die bald wöchentlich erscheinen will und an jedem Kiosk zu erhalten ist. Nur keinen Neid. Ausgerechnet der „Spiegel“, dem wir schon mehrmals an dieser Stelle vorgehalten haben, auf jede (auch nur gefühlte) Absatzkrise sofort mit farbigen Fotoserien oder Hintergrundberichten vom „Führer“ reagiert zu haben.

Hitler lebt, fast 64 Jahre nach seinem Selbstmord, ohnehin an allen Zeitungsständen, auf allen Fernsehkanälen. Am 20. Januar 2009 hat der ewig angekündigte Stauffenberg-Film mit Tom Cruise in Berlin seine Deutschland- und Europa-Premiere. Und was sendet das ZDF nahezu gleichzeitig? Einen eigenen Zweiteiler unter dem Titel „Stauffenberg – Die wahre Geschichte“, moderiert von dem unvermeidlichen Guido Knopp. Alle Rechten lieben Knopp für seine tabubrechenden Filme, stöhnen aber über seine an jeden Tabubruch wie bei einer Zigarettenpackung angeklebte („Rauchen kann tödlich sein!“) politisch korrekte Distanzierung von den Greueltaten des Hitler-Regimes. Klar. Das ändert nichts am Interesse des deutschen Publikums an der „schlimmen Zeit“.

War alles wirklich so schlimm? Die Antwort: Es war noch viel schlimmer, aber anders. „Spiegel“-Leser, so hieß der Slogan, wissen mehr. „Spiegel“-Leser wußten mehr vom Führer, von Göring und Goebbels und all den anderen. Eine furchtbare Zeit, diese Nazi-Zeit. Schlimm. Aber wie war es genau, das Schlimme? Hatten wir nun doch Wunderwaffen? Nein. Eigentlich nicht, aber fast. Wer war schuld an den KZ-Greueln? Wer wußte davon? Bitte melden.

Zwei ganze Generationen sind seither dazugekommen, aber dieses seltsame Interesse an Bildern von damals, man muß schon sagen, die Faszination, hat sich erhalten, und selbst die Enkelkinder der ersten „Spiegel“-Leser haben dieses Interesse an den Führerbildern und Filmen und Aufmärschen und Klatschgeschichten anscheinend im Kopf und wollen die „furchtbare Zeit“ immer nochmal sehen.

Also, liebe „Spiegel“-Redakteure, keinen Neid auf den jungen englischen Verleger McGee, der die Idee mit den Nachdrucken von Zeitungen aus der Zeit von 1933 hatte. In der ersten Ausgabe gibt es noch eine bürgerliche Zeitung (die „Deutsche Allgemeine Zeitung“) und ein Kommunistenblatt aus dem Ruhrgebiet (Die „Rote Fahne“ war am 30. Januar gerade mal – wieder – verboten). Die nächste Ausgabe behandelt den Reichstagsbrand. Dann ist Feierabend mit der freien Presse.

Der Verlag verspricht, als Ersatz Faksimiles von Tageszeitungen aus der Schweiz oder aus dem Exil zu veröffentlichen, als Ergänzung zu den NS-Zeitungen. Als nächstes kommt der „Völkische Beobachter“.

Alle Experten fanden die Idee gut oder jedenfalls diskutabel, nur der Schriftsteller Ralf Giordano und die Vorsitzende des „Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, nicht. Die riechen den Braten. Da soll ein Bedürfnis befriedigt werden, das es in der großen Masse der Deutschen – aller Generationen! – gibt. Seit die Besatzungsmächte 1945 verboten haben, uneingeschränkt über die Vergangenheit zu reden. So, als könne man dadurch die Erinnerung auslöschen und übermalen – die Erinnerung an die ganze Wahrheit. Und die bestand nicht nur in den Verbrechen der Nazi-Zeit, sondern auch aus Schlagern und Kino und der Verliebtheit in die Nachbars-tochter. Und es gab auch die Verbrechen der Besatzungsmächte. Schwere Kriegsverbrechen mit Millionen Opfern. Aber die Besatzungsmächte und später die 68er verboten den Deutschen die eigenen Erinnerungen. Das konnte nicht gutgehen. Weil es einseitig war. Und so bildete sich eine Art schwarzer Markt für die Nazi-Zeit heraus, mit einer ganz eigenen, verlogenen Sprache: „Ja, es war ein Verbrecher-Regime, aber wir wollen jetzt genau wissen, wie es war, natürlich aus rein wissenschaftlichen Gründen“. Umzüge, Aufmärsche, Lieder, Filme, Ansprachen, Führerreden – alles natürlich mit Abscheu – aber ausführlich. Schon in den frühen sechziger Jahren brachte der Jahr-Verlag eine ganze Serie von Langspielschallplatten mit Nazi-Liedern und Hitlerreden heraus – streng wissenschaftlich natürlich und mit betontem Abscheu.

Im Grunde ist das auch das Prinzip von McGee und seinen Leuten. Zeitungen als Zeitzeugen. Vergessen wir, wie die Leser, die wie eine Pflichtübung absolvierten Kommentare und die Nachdrucke eines bürgerlichen Blattes und einer kommunistischen Zeitung. Worauf es ankam, das waren in Wirklichkeit die Zeitungen der NSDAP. Da haben Frau Knobloch und Giordano schon den richtigen Riecher. In dem fotokopierten „Angriff“ ist eben alles drin, was 1933 in einer Tageszeitung drin war: Vermischtes, Kochrezepte, Theaterkritiken, Sportberichte (Eishockey, Skifahren), aber auch Artikel in der damals üblichen harten Sprache der Kampfzeit über die „jüdische Asphaltpresse“, die zum Generalstreik aufrief! Es fehlt auch nicht eine kleine Karikatur über einen jüdischen Eierhändler, der den Leuten alte Eier als „Trinkeier“ verkauft. Es ist nichts hinzugefügt, und daher fehlt auch nichts. Nichts ist hineinretuschiert oder gekürzt. Es ist ein Dokument der Zeitgeschichte, 76 Jahre alt, über dessen Veröffentlichung sich vielleicht ein paar uralte oder junge Rechtsextreme freuen. Sollten wir uns deshalb in Zukunft über die NS-Zeit nur noch durch Bücher und Filme informieren, die von Ralph Giordano oder Charlotte Knobloch  gebilligt werden? Das geht im 21. Jahrhundert einfach nicht mehr. Soll das Zeitungsprojekt von McGee verboten oder zensiert werden, weil die Nazis-Skinheads Goebbels im Original lesen können? Wird man eines Tages auch „Mein Kampf“ in Deutschland verkaufen und Propagandafilme wie „Kolberg“ oder „Jud Süß“ in jedem Kino zeigen dürfen? Denn das kommt vielleicht als nächstes, wenn dieses neue Projekt ein Erfolg wird. Vielleicht gibt es irgendwann einmal den, bisher nur als Phrase existierenden „mündigen Staatsbürger“, der selber entscheiden darf, was Propaganda und was nur lächerlich ist. Oder dürfen weiterhin ausschließlich Wissenschaftler und Journalisten mit Ausweis oder Ralph Giordano und Charlotte Knobloch die heiße Ware sehen? Das ist die Frage, die McGee mit seinem neuen Zeitungsprojekt stellt.

Gibt das Lesen der pathetisch-aufgeregten Reden von Goebbels oder das Betrachten antijüdischer Karikaturen nach fast einem Jahrhundert den Skinheads neuen Auftrieb? Wird die NPD mehr Stimmen bei der nächsten Bundestagswahl kriegen wegen der „Zeitungszeugen“? Nach zwei Generationen angestrengter „antifaschistischer Erziehung“ an Schulen und Universitäten durch vorwiegend gutmenschliche Lehrer und Dozenten? Sollte man also die „Zeitungszeugen“ verbieten und die bisher vom Grundgesetz geschützte NPD gleich mit? Das wäre unzweckmäßig, also falsch.

Die Zeit kurz vor der Machtübergabe an Hitler beschreibt Klaus R. Röhl in seinem Buch „Die letzten Tage der Weimarer Republik“, siehe www.Klausrainerroehl.de


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