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17.01.09 / Ein Lachen, von Gott geliehen / Die Großmutter war nach Kriegende der Familien-Schutzengel

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 03-09 vom 17. Januar 2009

Ein Lachen, von Gott geliehen
Die Großmutter war nach Kriegende der Familien-Schutzengel

Nur über meine Leiche!“ Großmutter stand in der Tür des Hauses, die Arme weit ausgebreitet, als könne sie ihr Eigentum auf diese Weise beschützen, und warf ihrem Gegenüber einen Blick zu, der nach meinem kindlichen Urteilsvermögen ein Heer Soldaten hätte in die Flucht schlagen können.

Wir schrieben das Jahr 1945. Ein russischer Hauptmann war es, der uns Worte entgegenbrüllte, die für uns unverständlich waren. Großmutter änderte ihre Taktik, indem sie ein naives Lächeln aufsetzte und sich ein bißchen schwerhörig stellte. Sie war ein Vorbild für mich, und mit ihrer Haltung beeindruckte sie viele Menschen. Sie schien mir trotz ihrer zierlichen Gestalt so stark, als könne sie nichts umwerfen.

Der Hauptmann war wohl genau so beeindruckt von ihr, denn er wiederholte seine Worte jetzt mit leiser, höflicher Stimme. Am Ende aber mußte sie ihm doch nachgeben.

Nach eingehender Besichtigung aller Räume erklärte uns der Hauptmann, daß er das Wohnzimmer mit dem großen Kachelofen belegen wolle, mit Matka, kapisko! Heute Abend Punkt Sechs, er zeigte auf seine Taschenuhr, werde er einziehen. Großmutter fügte sich in ihr Schicksal. Der Russe tätschelte ihre Wangen. „Du sehrrr scheenes Frau, Mütterchän!“

„Warum dürfen die das einfach so?“ wollte ich wissen. Großmutter hob die Schultern. „Sie dürfen alles tun, weil sie die Sieger sind.“ Sie stand am Herd und briet eine Gans, die man ihr gebracht hatte; leider war das Festmahl nicht für uns, sondern für den Russen und seine Begleiter. Der Bratenduft der sich allmählich bräunenden Gans umschmeichelte verführerisch unsere Nasen. Mein Magen fing an zu knurren.

Um Sechs polterte eine lärmende Gesellschaft in unser Haus: der russische Hauptmann mit Gefolge. Heimlich beobachtete ich die Frau, die ihm am Halse hing. Durch die offene Tür des Wohnzimmers sah ich dann, wie sie sich behaglich in Großmutters Plüschsofa hineinkuschelte. Ihr rotes gelocktes Haar fiel wirkungsvoll über die Lehne des alten Möbels, was mir sehr gefiel. Mit spitzen Fingern griff sie in einen Karton und warf sich eine Zuckerpraline nach der anderen in den rot geschminkten Mund, der wie eine fleischfressende Pflanze auf- und zuklappte. Die Frau sah sehr hübsch aus, aber ich haßte sie, weil sie sich auf Großmutters geliebtem Sofa so selbstverständlich rekelte. Oma nahm das Unvermeidliche achselzuck­end hin. „Für uns bleibt das Gänseschmalz!“ Ihre Stimme klang zuversichtlich. „Der Hauptmann hat es mir versprochen.“

Im Wohnzimmer ging es den ganzen Abend laut und lebhaft zu. Mehrere Male wurden Weinflaschen nachgeliefert, und es dauerte nicht lange, da begann man nebenan zu gröhlen. Mutter bekam ihren angstvollen Blick, aber Großmutter klopfte laut an die Tür des Zimmers und forderte energisch Ruhe. Tatsächlich ging es danach leiser zu.

Später kam der Russe herausgetorkelt und stellte uns einen Karton mit Pralinen ohne Überzug hin; schon im voraus schmeckte ich die Süße der Fondants auf der Zunge, aber als der Mann mich derb, aber doch liebevoll an seine breite Brust drückte, machte ich mich widerwillig los, weil er unangenehme Gerüche ausströmte. Wir ließen uns das Brot mit dem duftenden Gänseschmalz und danach die Fondants schmecken und fühlten uns so gut wie lange nicht mehr. Wenn nur nicht die Angst vor den angetrunkenen Soldaten gewesen wäre.

Es war schon spät, als Oma meine Schwester und mich zu Bett brachte. Im Wohnzimmer war Ruhe eingekehrt. Wir hörten nur lautes Schnarchen, was uns lieber war als betrunkenes Singen. Im schwach einfallenden Mondlicht sah ich nur die Umrisse meiner Großmutter. Ich stelle sie mir als meinen Schutzengel vor, der mit weichem Silberhaar an meinem Bett saß und mit mir betete.

Ich liebte sie und auch ihre Sprüche, die sie uns Kindern immer wieder zitierte; besonders ein Spruch ist mir bis heute in Erinnerung geblieben: „Auch in schlechten Zeiten bleiben uns immer noch drei Dinge: die Hoffnung, der Schlaf und das Lachen.“

Geschlafen hat sie in ihrem Leben nicht sehr viel, aber gehofft bis zuletzt; und ihr Lachen hat sie wohl direkt von Gott geliehen, dem sie es mit 83 Jahren zurückgab.    Gabriele Lins


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