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31.01.09 / Traditionsreiches Fest in Königsberg / Am 19. Januar baden unerschrockene Russen im Eiswasser – Orthodoxe Variante von Epiphanias

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 05-08 vom 31. Januar 2009

Traditionsreiches Fest in Königsberg
Am 19. Januar baden unerschrockene Russen im Eiswasser – Orthodoxe Variante von Epiphanias

Das Christi-Taufe-Fest ist ein bedeutender christlicher Feiertag, bei dem an die Taufe Jesu Christi durch Johannes den Täufer im Jordan erinnert wird. In Rußland treibt eine besondere orthodoxe Tradition Blüten – in vielen Gewässern werden Eislöcher in Form eines Kreuzes gebohrt, in denen die Gläubigen baden.

Das Fest der Taufe Christi ist auch als „Große Wasserweihe“ bekannt und fällt nach dem um dreizehn Tage versetzten gregorianischen Kalender auf den 19. Januar. Liturgisch entspricht es damit dem Epiphaniasfest (Heilige Drei Könige) der lateinischen Kirche am 6. Januar. Ein eigenes Fest der Taufe Christi gibt es in der westlichen Kirche ebenfalls, es wird aber kaum begangen und fällt im übrigen auf den Sonntag nach dem 6. Januar.

In Rußland ist das anders. Dort wird schon am Vortag des Festes der Taufe Christi streng gefastet, wie in der Weihnachtszeit am Heiligen Abend. Nach Vorschrift der Kirche ist nur eine Mahlzeit am Tag erlaubt – „sotschiwo“, eine besondere Fastenmahlzeit aus gekochtem Weizen, manchmal auch Reis oder Linsengerichten, gemischt mit Saft und Honig. In Rußland ist es üblich, in der Nacht dieses Festes Wasser zu weihen, die Geistlichkeit kleidet sich in weiße Meßgewänder. Das göttlich geweihte Wasser wird in der orthodoxen Welt besonders geschätzt – man hebt es das ganze Jahr über auf, bis zur nächsten Weihung. Dieses Wasser trinkt man nicht nur, man besprengt damit die Wohnung, weil die Gläubigen denken, daß das an diesem Tag geweihte Wasser vor Krankheit und Leid schützen kann.

Diesen Brauch haben orthodoxe Christen auch im gesamten Königsberger Gebiet feierlich begangen. Am Morgen des 19. Januar fanden in allen Kirchen Gottesdienste statt. In der Christi-Erlöser-Kirche, der orthodoxen Hauptkirche in Königsberg, führte Eminenz Serafim die Wasserweihe durch, am Vorabend des 18. Januar tat er dies bereits im Heiligen-Nikolskij-Frauenkloster. Hunderte Gläubige nahmen an der Liturgie teil. Die Gottesdienstbesucher hatten nach russischer Tradition mit Wasser gefüllte Behälter mitgebracht und erwarteten den Moment, in dem die Kirchendiener mit dem Ritus der Weihung des Wassers beginnen sollten. Die Gläubigen störte weder das kalte Wetter noch stundenlanges Warten. Nach der Liturgie traten die Kirchendiener zu den Menschen, die auf den Treppen vor der Kirche warteten, und weihten das von ihnen mitgebrachte Wasser. Vater Serafim führte die „Große Weihung des Wassers“ selbst durch.

In vielen orthodoxen Kirchen des Gebiets wurde das traditionelle Fest der Taufe Christi mit einem rituellen Bad in öffentlichen Gewässern begangen. Seit einigen Jahren wird nach dem Gottesdienst das traditionelle Bad zur Erinnerung an die Taufe Christi, aber auch an die eigene Taufe, im See Pilawskij in der Nähe von Königsberg durchgeführt. Um an der fast 2000jährigen Tradition teilzunehmen, pilgern Menschen aus Königsberg und vielen anderen Orten des Gebiets dorthin. So auch in diesem Jahr. In den zugefrorenen See wurde ein Eisloch gebohrt. Nach den Gebeten ließ der Priester ein Kreuz in den See hinab, danach war das Eisloch für das traditionsreiche Bad bereit.

Obwohl das Wetter mit minus 5 Grad Celsius sehr winterlich war, waren viele Gläubige zum Baden an den See gekommen. Selbst einige Menschen mit deutlichem Übergewicht wagten sich in das eisige Wasser, womit sie den bereitstehenden Rettungskräften einige Sorgen bereiteten. Immer wieder kommt es beim Eintauchen und Heraussteigen aus dem Wasser sowie am Ufer zu Verletzungen.

Es kommt vor, daß Badende mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die sich ohne Rücksicht auf ihre Gesundheit in das Eiswasser begeben, anschließend medizinische Hilfe benötigen. Die Geistlichen sowie die Gläubigen sind jedoch fest davon überzeugt, daß auch ein unvorbereiteter Mensch nach dem Bad im geheiligten Wasser nicht erkrankt, sondern im Gegenteil neue psychische und physische Kräfte sammelt.

Neben dem symbolischen Tauf­ritual gab es auch eine orthodoxe Ausstellung in Königsberg. Das Frauenkloster zeigte unter dem Titel „Russisches Land“ Heiligtümer, die aus Jekaterinburg, Moskau, Sankt-Petersburg, Smolensk, Kursk sowie aus der Ukraine und Weißrußland zusammengetragen worden waren, außerdem Heiligenbilder aus Serpuchow, einer russischen Künstlergilde moderner Klassiker. Obwohl die Gläubigen die hochverehrte Ikone der Muttergottes „Neupiwaemaja tschascha“ (in etwa: der nicht zu leerende Becher), die von Trunkenheit und Drogenkonsum heilen soll, nicht zu sehen bekamen, konnten die Gläubigen kleine Ikonen für ihren heimischen Altar erwerben. Neben der Ikone „Neupiwaemaja tschascha“ wurden Abbilder der Ikone der Madonna „Vsetsaritsa“ (Pantanassa) angeboten, der Heilungen von Krebserkrankungen nachgesagt werden. In den vergangenen Monaten erst wurden in den Klosterbüchern, in denen Zeugnisse von Wunderheilungen festgehalten werden, viele neue Einträge hinzugefügt. Jurij Tschernyschew / PAZ

Foto: Großer Andrang: Jeder möchte geweihtes Wasser.


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