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07.03.09 / Die ostpreußische Familie / Leser helfen Lesern

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 10-09 vom 07. März 2009

Die ostpreußische Familie
Leser helfen Lesern
von Ruth Geede

Lewe Landslied,

liebe Familienfreunde,

das diesjährige Kulturreferentenseminar der Landsmannschaft Ostpreußen, das vom 24. bis 26. April im Ostheim in Bad Pyrmont stattfindet, steht unter dem Titel „Außergewähnliche ostpreußische Frauen“, und ich bereite mich schon langsam darauf vor, über die bedeutenden Ostpreußinnen zu sprechen, denen ich in meinem langen Leben begegnet bin oder denen ich mich durch meine Arbeit besonders verbunden fühle. Sie tragen einen bekannten Namen, denn sie haben Bedeutendes geschaffen, in der Heimat und auch nach der Vertreibung. Sie sollen stellvertretend stehen für all die tüchtigen Frauen, die auch heute noch Großartiges für unsere Heimat leisten, und das zumeist im Stillen, mit mitfühlendem Herzen und hilfreichen Händen. Nicht immer hat ihre Wiege zwischen Weichsel und Memel gestanden, aber ihre tätige Liebe gilt Ostpreußen, dem Land und den Menschen. Für diese Frauen, die über alle Grenzen und Schranken hinweg unermüdlich Hilfe leisten, soll heute das Porträt einer 81jährigen Frau stehen, deren Tatkraft und Optimismus so bestechend ist, daß einmal über sie geschrieben werden muß – so sieht es jedenfalls unsere Leserin Astrid von Günther, Reinhardshagen, die uns ihre Würdigung der unermüdlichen Arbeit von Frau Ingeborg Heckendorf aus Göttingen, zusandte. Lassen wir sie selber sprechen:

„Vor Jahren lernte ich sie kennen: agil, lebensbejahend, intelligent. Sie feierte damals mit ihrem Mann, einem Forstbeamten aus Mohrungen, ihre Silberhochzeit in meinen Räumen. Fortan fuhr ich mit meiner Mutter zu den monatlichen Treffen der Ostpreußischen Frauengruppe in Göttingen, deren Vorsitzende sie heute noch ist. Keine Ostpreußin, sondern gebürtig aus Oldenburg. Sie wurde zur Wahlostpreußin, als sie das Geburtsland ihres Mannes kennengelernt hatte, war fasziniert, aber auch erschrocken über die große Armut in Masuren und beschloß spontan zu helfen. Sie sammelte Hilfsgüter aller Art, von Kleidung und Kinderwagen über Nähmaschinen bis zu Medikamenten und Lebensmitteln. Schlug sich mit Zollbestimmungen herum, mietete auf eigene Kosten einen „Bully“, suchte sich per Zeitungsanzeige einen Fahrer, da sie keinen Führerschein besitzt, und fuhr über Suwalki bis nach Mohrungen zur Verteilung ihrer Güter. Daraus ist eine feste Einrichtung geworden, die sich ständig ausweitet. Ein Kinderheim gehört dazu, das Kloster der Philipponen, viele deutsche und polnische Familien, die in bitterster Armut leben. Immer der Not gehorchend sammelte sie Spenden und fuhr mehrmals im Jahre diese Stellen an, wo sie schon sehnsüchtig erwartet wird. Bei einem Zwischenstopp in Polen wurde sie überfallen, beraubt und niedergeschlagen, dennoch konnte das nicht ihren eisernen Willen brechen, sie half auch nach dem Tod ihres Mannes unermüdlich weiter.“

Und das bis heute. Denn im vergangenen Jahr war sie als 80jährige zum 40. Mal in einem gemieteten Transporter, beladen mit 135 Kartons und Gebrauchsgütern, in Masuren unterwegs. Natürlich macht sich das Alter bemerkbar: Knie- und Hüftschäden nötigen sie zu Gehstützen, die Augen wollen auch nicht mehr, sie kämpft um Anerkennung des Pflegesatzes. Anerkannt wurde aber bereits ihre Leistung: Ingeborg Heckendorf wurde 2001 die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Zwar will sie die Leitung der Ostpreußischen Frauengruppe Göttingen, die am 10. März ihre 40-Jahr-Feier begeht, aufgeben, aber die Hilfsgüterfahrten nach Ostpreußen einstellen? „Auf keinen Fall“, sagt sie, „die mache ich weiter, so lange es irgendwie geht.“ Der Keller ihres winzigen Häuschens ist wieder randvoll gefüllt mit großen Kartons, und sie selbst ist bereit zur nächsten Fahrt nach Masuren im April! Wir wünschen dieser großartigen Frau weiterhin Mut, Kraft und den ihr eigenen Frohsinn, der – wie Frau von Günther schreibt – wie ein Funke überspringt!

Gefunkt hat es auch bei unsern Lesern, und es ist wirklich erfreulich, was sich da wieder getan hat.

Was ich eigentlich nicht erwartet hatte: Viele Zuschriften sind zu dem vermutlich ostpreußischen Wort „pergeln“ gekommen. Lewe Landslied, da hatte ich diverse Ostpreußen-Lexika bemüht und rein garnuscht entdeckt, aber eine Quelle hatte ich nicht angezapft: das Preußische Wörterbuch! Das erledigten nun liebe Leserinnen und Leser für mich, und alle wurden fündig, denn in Band IV steht zu lesen: Pergel = Kienspan zum Anzünden des Feuers. Das Verb „pergeln“ wird allerdings nicht angegeben. Frau Rosemarie Schaffstein fand „Pergel“ auf Anhieb bei Frischbier. Sein Preußisches Wörterbuch entstand bereits in den Jahren 1882 bis 1883 und weist auch auf eventuelle Ursprünge hin, die im prussischen oder litauischen Sprachbereich liegen. So bedeutet das litauische „pirkszenis“ glühende Asche.

Frau Brigitta Julius aus Dresden kann das ebenfalls belegen. Sie weist unter anderem auf das 1992 herausgegebene Litauisch-Deutsche Wörterbuch hin, in dem der Begriff „perkisrsti“ für „durchhauen, aufspalten“ enthalten ist. Ihr selber ist „Pergel“ aus dem Sprachgebrauch ihrer Eltern bekannt, dem sie nach der Vertreibung aus Riga 1939 auch am neuen Wohnsitz treu blieben. Sie gebrauchten ihn für ein fingerlanges Holzstäbchen zum Anzünden der Öfen. Aber wie kommt es in die ehemalige Grenzmark Westpreußen-Posen, nach Meseritz? Frau Waltraut Riehs, Schoeneweide, erinnert sich daran, daß ihre Mutter das Wort „pergeln“ in Zusammenhang mit „schmoren, Speck ausbraten“ gebrauchte. Roch es in der Nachbarschaft danach, so hieß es: „Frau Schulze pergelt mal wieder.“ Ihrem aus Ostpreußen stammenden Mann dagegen war das Wort unbekannt. Wie ja auch mir. Ich erinnere mich zwar daran, daß meine Mutter, wenn sie aus ihrer Jugendzeit im Stallupönischen erzählte, vom Kienspanschnitzen der Männer an den langen Spinnabenden im Winter berichtete, aber „pergeln“ kam in ihrem reichen heimatlichen Wortschatz – von dem ich noch heute zehre! – nicht vor. Herr Herbert Skroblin vermutet, daß es mit dem Aussterben des Kienspans auch aus der Alltagssprache verschwand.

Und so ganz nebenbei wurden noch andere Erinnerungen geweckt, denn im Zusammenhang mit der für uns nicht zutreffenden Erklärung „Pergel“ für einen Begriff aus dem Weinanbau erwähnte ich auch unsere ostpreußischen Reben. Das hat Erinnerungen geweckt. Herr Peter Perry – der übrigens als wohl älteste „Pergel“-Quelle auf Nesselmanns „Der preußische Vokabelvorrat von 1873“ hinweist – berichtet von den Reben, die sein Großvater an der Rückwand seines Juditter Hauses ranken ließ. Die waren allerdings so sauer, daß sie nicht gekeltert wurden. Daß es aber auch Trauben gab, die man naschen konnte, ohne daß sich die Zunge zusammenzog, darüber berichtet Herr Manfred Rattay. Er erinnert an den Gartenbaudirektor Kotelmann, der an einem windgeschützten Spalier seines großen Obstanbauareals in Neuhausen-Tiergarten auch Rebstöcke angepflanzt hatte, die schöne, große, blaue Trauben trugen. Sie wurden vernascht, denn zum Ansetzen reichte die Lese nicht. Herrn Rattays Vater, der später das Grundstück pachtete, setzte aus roten und wenigen schwarzen Johannisbeeren einen Wein an, der nach zwei Jahren eine köstliche Reife erlangte, Das war nun natürlich der echte „Kopskiekelwein“! Von den 120 Obstbäumen, die der Gartenbaudirektor einmal selber veredelt hatte, steht keiner mehr, sie wurden während der russischen Besatzung verheizt!

Noch ein Nachschrapselchen zum „Pergel“: Herr Ernst Fechner meint, daß es sich um einen „Prengel“ handeln müßte. In seinem samländischen Heimatort Medenau wurde damit ein simp­ler Knüppel bezeichnet. Er wurde zum Viehhüten verwendet, diente aber auch bei tätlichen Auseinandersetzungen der männlichen Jugend als Nahkampfwaffe. Ja, so erweckt ein einziges Wort in unserer Familien-Kolumne immer wieder Erinnerungen. Und das soll auch auch so sein!

Die Erinnerungen an seine Kinderzeit in Neidenburg hatten Herrn Lothar Stockhaus aus Düsseldorf veranlaßt, an uns zu schreiben. Wir veröffentlichten seinen Wunsch nach ehemaligen Mitschülern und Spielkameraden vor einigen Monaten, und jetzt kam ein großes Dankeschön. Gleich nach der Veröffentlichung meldete sich eine ehemalige Neidenburgerin, die sich darüber freute, denn „jemanden, der gleich um die Ecke geboren ist, hatte ich bisher noch nicht gefunden“. Ihre aufschlußreichen und informativen Angaben über die Heimatstadt und vermutlich gemeinsame Bekannte sind für Herrn Stockhaus „Gold wert“, zumal Frau Gisela Wolf nicht nur ein Nachbarskind war, sondern auch nur ein Jahr älter ist. In diesem Zusammenhang taucht auch der Name Wolfgang Woedtke auf, der 1938 Geborene war der liebste Spielkamerad der kleinen Gisela – vielleicht liest er diese Zeilen? Noch ein anderer Name bewirkt ein Nachfassen: Günter Kochanowski. Seine Schwester erwähnt ihn in einem kurzen Schreiben, in dem sie auch den von Herrn Stockhaus gesuchten Namen der Lehrerin mitteilt, den ihre Mutter wußte: Es handelt sich um die Aushilfslehrerin Rolschewski, die anscheinend sehr beliebt war. So haben sich doch schon einige Puzzlesteine gefunden, vielleicht wird das Mosaik einmal voll­ständig. Das wünscht sich Herr Stock­haus innig und hofft, daß sich jetzt aufgrund der Namen noch mehr ehemalige Neidenburger melden. (Lothar Stock­haus, Platanenstraße 13 in 40233 Düsseldorf.)

„Wer kann sich an meinen Vater Walter Tischhäuser, der seit den letzten Kampfhandlungen im Raum Braunsberg im April 1945 vermißt wird, erinnern?“ fragt Frau Waltraud Wenzlaff geborene Tischhäuser. Das Foto zeigt den Obergefreiten Walter Tischhäuser, * 1. Januar 1903, aus Gr. Lenkenau, Kreis Tilsit-Ragnit. Sein Truppenteil mit der Feldpost-Nr. 31087 war die 1. Artillerie-Abt. 129. Seine Tochter hofft auf ehemalige Kameraden, die ihr von dem Schicksal ihres Vaters berichten können. (Waltraud Wenzlaff, Gaterstraße 9 in 52538 Gangelt-Birgden.)

Eure Ruth Geede

Foto: Walter Tischhäuser: Wer sich an den Gefreiten, der seit den letzten Kampfhandlungen im Raum Braunsberg im April 1945 vermißt wird, erinnern kann, wende sich an dessen Tochter Waltraud Wenzlaff aus Gangelt-Birgden.


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