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07.03.09 / Der andere Marx / Erzbischof über das Kapital

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 10-09 vom 07. März 2009

Der andere Marx
Erzbischof über das Kapital

Auf die ZDF-Frage „Wer ist Deutschlands Bester“ landete Karl Marx in den neuen Bundesländern auf Platz eins, in Gesamtdeutschland nach Konrad Adenauer und Martin Luther auf Platz drei. Doch die allerwenigsten wissen von diesem Marx, höchstens noch, daß er ein Buch mit dem Titel „Das Kapital“ und ein „Manifest der Kommunistischen Partei“ verfaßt hat.

Wenn nun ein Mann der Kirche, gar ein Erzbischof, denselben Familiennamen hat, der ebenfalls aus Trier stammt und sich ebenfalls mit Vermögensfragen befaßt, ist es ein kluger Gag, die gesammelten Texte unter „Das Kapital“ zu veröffentlichen.

Der Untertitel ist treffend gewählt. Der Autor wirbt für eine am Gemeinwohl ausgerichtete Wirtschaftsordnung. Er beeindruckt nicht nur mit seinen geschliffenen Formulierungen, sondern auch mit frappierenden Detailkenntnissen.

Marx bejaht den Markt, die Demokratie und den Rechtsstaat, aber die Mißstände müßten energischer bekämpft werden. Ein New Deal sei das Gebot der Stunde.

Hat Roosevelts New Deal des Jahres 1932 wirklich eine nachhaltige Besserung der Moral und der Zustände in den USA ausgelöst, lautet eine Frage. Ist der rück-sichtslose Eigennutz nicht ein Charakteristikum der Menschen aller Zeiten?

Und eine weitere kritische Frage: Entspricht das von Reinhard Marx gezeichnete Karl-Marx-Bild der Wirklichkeit? Der Bischof zitiert den „wohl bedeutendsten Vertreter der katholischen Sozialwissenschaften“, Nell-Breuning, der gesagt hat: „Die katholische Soziallehre sieht in Marx ihren großen Gegner; sie bezeugt ihm ihren Respekt.“ Warum bleibt unerwähnt, daß Nell-Breuning Marx später vorwarf, das „größte Unglück, das über die Menschheit gekommen ist“, verursacht zu haben?

Nun wäre es ein Irrtum anzunehmen, der Bischof würde beim Revolutionär Anleihen nehmen. Das Gegenteil ist der Fall. Schon einleitend heißt es: „Die Wende von 1989 beinhaltet nicht nur ‚die Krise des Marxismus‘, sondern auch den Auftrag, in einer globalen sozialen Marktwirtschaft die bessere Alternative zur Überwindung von Ungerechtigkeit und Armut zu erarbeiten.“ Doch was ist die Alternative? Konkrete Vorschläge erfährt der Leser kaum. Ausnahme: Managergehälter. Ist das Tausendfache des Durchschnittslohns vertretbar? Der Bischof: „Das Zwanzigfache, wie in Japan üblich, tut es nach meiner Ansicht auch.“             K.Löw

Reinhard Marx: „Das Kapital – Ein Plädoyer für den Menschen“, Pattloch, München 2008, 320 Seiten, 19,95 Euro


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