20.04.2024

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
23.05.09 / Ein konservativer Mahner / Der Bildhauer Waldemar Grzimek fühlte sich der Tradition verbunden, ohne Althergebrachtes zu kopieren

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 21-09 vom 23. Mai 2009

Ein konservativer Mahner
Der Bildhauer Waldemar Grzimek fühlte sich der Tradition verbunden, ohne Althergebrachtes zu kopieren

Die Bildsprache von Waldemar Grzimek bietet ein eindrucksvolles Panorama der Entwicklung der deutschen Bildhauerkunst im 20. Jahrhundert. Vor 25 Jahren starb der Rastenburger in Berlin.

Die Kunsthistoriker im Bremer Gerhard-Marcks-Haus waren begeistert, als sich die Erben des 1984 verstorbenen Grzimek Ende des Jahres 2005 entschlossen, einen Großteil seines Nachlasses an bildhauerischen Werken in ihre Sammlung zu geben. „Wenn bislang die Werke unseres Namenspatrons (annähernd 400 Holz- und Steinskulpturen sowie Bronzeplastiken) den weit überwiegenden Anteil der Sammlung bildeten, so hat sie nun einen zweiten gewichtigen Schwerpunkt erhalten. Zu diesen sind 101 Skulpturen und Plastiken Waldemar Grzimeks getreten“, freut sich Direktor Jürgen Fitschen. In den vergangenen Jahren sind die Werke des Bildhauers immer wieder einmal in Ausstellungen zu sehen gewesen, so erst im Januar dieses Jahres. Diese Ausstellungen zeigen nicht zuletzt den opulenten Formenreichtum in Grzimeks Werk. Fitschen: „Seine Kunst führt  unmittelbar an die Nahtstellen der deutschen Geschichte in den vergangenen 60 Jahren und gibt wie kaum ein anderes Lebenswerk exemplarischen Aufschluß über den aufregenden und konfliktreichen Cha-rakter dieser Nachkriegsjahre.“

Schon früh beschäftigte sich Waldemar Grzimek, der als Sohn eines schlesischen Vaters und einer aus Bonn stammenden Mutter am 5. Dezember 1918 im ostpreußischen Rastenburg geboren wurde, seine Kindheit jedoch in Königsberg und Berlin verbrachte, mit der Darstellung von lebenden Wesen. Gips war sein bevorzugtes Material, Tiere seine Motive. Die fand er im nahegelegenen Berliner Zoo. „Es war von meinem zehnten Lebensjahr an schon ziemlich klar, daß ich die Künstlerlaufbahn einschlagen würde. Verschiedene Erfolge ermunterten meine Eltern und mich“, erinnerte sich Grzimek. 1929 entstand die erste Skulptur, ein Skyeterrier, 1931 gewann der Junge seinen ersten Preis in dem Wettbewerb „Mensch und Hund“. Wenige Jahre später entstanden auch erste Porträts, das des Vaters 1934, der Mutter 1937. Ein Jahr später dann gestaltete Grzimek seine erste menschliche Ganzfigur, einen schreitenden Mann.

In der Zwischenzeit hatte er eine Steinmetzlehre begonnen, entschloß sich jedoch 1937, ein Studium bei Wilhelm Gerstel an der Berliner Hochschule für bildende Künste aufzunehmen. In diese Zeit fiel auch die Begegnung mit Gerhard Marcks, Gustav Seitz und Fritz Cremer, die sein späteres Schaffen entscheidend beeinflussen sollten.

1942 wurde der Ostpreuße mit dem Rompreis ausgezeichnet und verbrachte acht Monate in der Villa Massimo. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs, an dem Grzimek als Marinesoldat teilnahm, kehrte er nach Berlin zurück, den zentralen Ort seines Schaffens. Weitere Stationen waren: von 1946 bis 1948 Lehrer einer Bildhauerklasse an der Kunstschule Burg Giebichenstein bei Halle, von 1948 bis 1951 Professor an der Hochschule für bildende Künste in Berlin-Charlottenburg, von 1952 bis 1957 freischaffender Bildhauer in Berlin, von 1957 bis 1961 Professor für angewandte Kunst in Berlin-Weißensee, anschließend freier Künstler in Berlin und Friedrichshafen am Bodensee, wo seine Eltern lebten, 1968 Berufung an die Technische Hochschule Darmstadt als Professor für Plastisches Gestalten. – Grzimek starb am 26. Mai 1984. Einen „preußischen Nomaden“, einen „nach innen gekehrten Wanderer“ und einen „schöpferischen Individualisten“ nannte ihn Eberhard Roters in seiner Monographie (Propyläen, 1979). Und Gerhard Marcks schrieb über Waldemar Grzimek: „Da ist nun wieder so einer, der’s nicht lassen kann, dem Abenteuer der menschlichen Gestalt nachzujagen.“ Auf ein Abenteuer muß sich auch der Betrachter der von Grzimek geschaffenen Bronzen und Skulpturen einlassen können. Mitreißend anzusehen sind sie in ihrer Grazie, aber auch in ihrer Erdenschwere, in der sie dastehen. Sie tragen Titel wie „Artisten“, „Badende“, „Ruhender Tänzer“, „Fliehender“, „Wellenreiter“, „Stürzender“, „Berserker“ oder „Träumende“. – „Das Widerspiel zwischen der Schwere des Leibes, die ihn zur Erde hinzieht, und deren Überwindung durch die Bewegungskraft des ihm innewohnenden Geistes ist das Thema, das Grzimek in seinen Skulpturen vielgestaltig variiert“, so Roters. Marcks Devise, man müsse das Runde runder, das Eckige eckiger machen, wurde von Grzimek auf die Querschnitte der Figur angewandt. Nach dem Bau der Berliner Mauer schuf er eine Reihe von dramatischen stürzenden und fallenden Figuren, die, indem sie das Nicht-Mehr-Stehen-Können einer Figur betonten und völlig neue inhaltliche Ebenen für die figürliche Bildhauerei eröffneten.

Aufsehen erregte der Bildhauer posthum, als sein ungeliebtes Denkmal für den Dichter Heinrich Heine wieder einmal in die Schlagzeilen geriet. Einst geplant für den Prachtboulevard Unter den Linden, fand das 1956 fertiggestellte Denkmal seinen „endgültigen“ Standort allerdings nur am Rande des Volksparks an der Veteranenstraße / Ecke Brunnenstraße, da es den allgewaltigen Kulturfunktionären nicht repräsentativ genug erschien.

Unter dem damaligen CDU-Kultursenator sollte das Denkmal im Jahr 2000 dann nahe der Neuen Wache aufgestellt werden. Keiner der Verantwortlichen wollte sich mit diesem Vorschlag anfreunden, bis schließlich ein Berliner Unternehmer einen Nachguß spendierte, um diesen mit Blick auf den Boulevard aufstellen zu können.

Eberhard Roters nannte Grzimeks soziales Bewußtsein und sein gesellschaftliches Engagement als Beweggründe des Künstlers, Denkmale und Mahnmale zu schaffen. Schließlich stammen auch Mahnmale in Sachsenhausen und Buchenwald von ihm. Immer wieder aber ist es die menschliche Figur in der Bewegung, die Grzimek meisterhaft gestaltet; oft wirken sie wie zu Stein erstarrt, als würden sie – blickt der Betrachter nur eine Sekunde zur Seite – weitergehen, -reiten, -springen, -tanzen. Eindrucksvoll auch seine Porträtbüsten etwa von Otto Dix oder Arthur Degner. Den Ostpreußen Degner stellte er 1966 im Alter von 79 Jahren dar. Auch christliche Motive finden sich im Werk des Bildhauers, so neben Grabgestaltungen auch eine Tür für das Portal des Klosters Unser lieben Frauen in Magdeburg.

Neben seiner künstlerischen Arbeit fand Waldemar Grzimek auch immer noch die Zeit, sich eingehend für die Erhaltung städtebaulicher Substanz einzusetzen. Seine wissenschaftlichen Abhandlungen, etwa über „Deutsche Bildhauer des 20. Jahrhunderts“, fanden ebenso Anerkennung wie seine umfangreiche Studiensammlung, die später in die Berlinische Galerie eingegangen ist. Nur Eingeweihte werden auch wissen, daß es Waldemar Grzimek und sein Freund Gerhard Marcks waren, die einen Nachguß des Schlüterschen Denkmals von Friedrich III. für Schloß Charlottenburg möglich machten. Das Original befand sich einst in Königsberg, wurde jedoch ein Opfer des Krieges.

Immer aber steht Grzimeks künstlerisches Wirken im Blick-punkt des Kunstkenners. „Mit seinen Menschenbildwerken hat Grzimek eine unserer Zeitepoche entsprechende Ausformung am gegenwärtigen Ende einer zentralen bildnerischen Überlieferung gefunden“, so Roters. „Seine Skulpturen erschließen sich jedem, der zu sehen versteht, von selbst.“ Ein „konservativer Mahner“ wurde der Künstler in einem Nachruf genannt, einer, der sich der Tradition verbunden fühlte, ohne Althergebrachtes zu kopieren. Grzimek, ein Künstler, dessen Werk die Zeiten nicht zuletzt deshalb überdauern wird.        Silke Osman

Foto: Plastiken aus dem Nachlaß von Waldemar Grzimek im Bremer Gerhard-Marcks-Haus: Im Vordergrund die Bronze einer Tänzerin aus dem Jahr 1965


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabo bestellen Registrieren