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23.05.09 / Pakt mit Luzifer / Literat auf Abwegen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 21-09 vom 23. Mai 2009

Pakt mit Luzifer
Literat auf Abwegen

„Normale Menschen bringen Kinder zur Welt, unsereiner Bücher … Wir Schriftsteller sind dazu verdammt, ihnen unser ganzes Leben zu widmen, obwohl sie es uns fast nie danken. Wir sind dazu verdammt, auf ihren Seiten zu sterben, ja manchmal ohnmächtig hinzunehmen, daß sie uns tatsächlich ums Leben bringen.“ So sinniert der Protagonist aus dem neuen Roman des spanischen Erfolgsautors Carlos Ruiz Zafón über Freuden und Leiden des Schreibens. Ob Freud oder Leid, Lesevergnügen oder schwere Schreibgeburt – daran scheiden sich die Geister der Literaturkritiker.

Doch zunächst zum Inhalt: „Das Spiel des Engels“ bildet den Auftakt einer auf insgesamt vier Bände angelegten Romanreihe. Wieder erzählt Ruiz Zafón eine Geschichte aus der Welt der Buch- und Literaturliebhaber. Dabei borgt er sich nicht nur die bekannte Szenerie des neblig-regnerischen Barcelonas der 20er Jahre, sondern auch ein paar der Figuren, wie den Buchhändler Sempere, den Wächter des geheimnisvollen Friedhofs der vergessenen Bücher oder den kauzigen Antiquar Gustavo Barceló. Hauptfigur ist der 17jährige Vollwaise David Martín, dessen unheilvolle Kindheit einem Dickens-Roman entstammen könnte. Während die Mutter schon bald nach seiner Geburt davonläuft, stirbt der Vater, ein verbitterter Kriegsveteran, als David acht Jahre alt ist. Bei einem heruntergekommenen Tageblatt steigt er vom Laufburschen zum Redakteur von Schauergeschichten auf. Der dandyhafte Starjournalist Pedro Vidal entdeckt schließlich sein Schreibtalent. David erhält das Angebot eines Verlags, unter einem Pseudonym Kriminalromane zu veröffentlichen. Doch dann ereilen ihn eine Reihe von Schicksalsschlägen: David muß nicht nur mit ansehen, wie seine Liebe Christina ihren Mentor Vidal heiratet und eine Pressekampagne seinen Roman vernichtet, sondern er erkrankt auch an einem Hirntumor. Um sein Leben zu retten, nimmt er einen Buchauftrag des mysteriösen Pariser Verlegers Andreas Corelli ein. Dieser ist niemand anderes als Luzifer persönlich, für den David die Bibel einer weltweiten Haßreligion verfassen soll. Der Teufelspakt erinnert an Thomas Manns „Doktor Faustus“, in dem ebenfalls ein Künstler seine Seele verkauft.

„Das Spiel des Engels“ ist ein Gattungsmix aus Fantasy, Krimi, Liebes- und Bildungsroman. Zafón versteht es, die kontrastvolle Stadtkulisse mit schäbigen Absteigen, Jugendstilvillen, Fabrikschloten oder düsteren Parks lebendig zu schildern. Dagegen verkümmern die Figuren zu Pappkameraden ohne Tiefe. Die Lektüre ist häufig spannungsarm. Besonders das Finale, in dem sich der verträumte Jungschriftsteller plötzlich in einen Actionheld verwandelt, läßt den Leser verwirrt zurück. Aufgesetzt wirken schließlich die ständigen Verweise auf die Klassiker des 19. Jahrhunderts und die schiefen Sprachbilder.    Sophia E. Gerber

Carlos Ruiz Zafón: „Das Spiel des Engels“, S. Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2008, 711 Seiten, 24,90 Euro


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