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23.05.09 / Allein zurückgelassen / Eine junge Frau versucht im Internet, ihr Glück zu finden

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 21-09 vom 23. Mai 2009

Allein zurückgelassen
Eine junge Frau versucht im Internet, ihr Glück zu finden

Wem der Wiener Autor und Schauspieler Gabriel Barylli ein Begriff ist, dem werden auch seine sehnsuchtsvollen Romane über die Suche nach Glück und Liebe wie zum Beispiel sein Debütroman „Butterbrot“ nicht unbekannt sein. In seinem aktuellen Roman „Echtzeit“ geht es um das verkorkste Leben einer Frau namens Susanna.

Im Verlaufe des Romans erfährt der Leser, wie sie zu einer einsamen Frau, die alle Hoffnung auf eine bessere Zukunft verloren hat, wurde. In E-Mails an ihre ehemals beste Freundin Isabell berichtet sie, was in der Zwischenzeit geschehen ist, seit Isabell mit ihrem neuen Freund Stefan weggezogen ist.

Susanna berichtet von den Männern, die sie im Internet kennengelernt und den Erfahrungen, die sie gemacht hat, seit sie das world wide web für sich entdeckt hat.

„Millionen einsamer, verzweifelter Einzelgänger warten da draußen, daß irgendjemand ihre Hilferufe beantwortet. Aber wenn du dann Lust hast, zu antworten, kann dir nichts passieren. Du schaust bei ihrem Seelen-Striptease zu und bleibst selber im Dunkel des Zuschauerraums. Das ist das Faszinierende an dem Spektakel. Du hast die Macht ... Die totale Macht. Du entscheidest, wer du sein willst.“

Je mehr sich der Roman seinem Ende nähert, um so mehr berührt Susannas Geschichte den Leser, und er stellt sich die selbe Frage wie Susanna, nämlich wieso Isabelle nicht wenigstens einmal auf eine E-Mail antwortet. Verhallen ihre Hilferufe ungelesen?

Bald wird der Leser die Antwort kennen, doch ob sie eine befriedigende Erklärung darstellt, mag jeder für sich entscheiden. Auf jeden Fall spiegeln Susannas Erfahrungen im Internet einerseits die Chancen und andererseits die Gefahren wider, die in Chatrooms und Partnerbörsen lauern können. Anonymität gepaart mit zweifelhaften Vorlieben kann hier und dort zu einer explosiven Mischung verschmelzen. Vorsicht sollte bei einem Treffen in der realen Welt immer geboten sein. Auch von Begegnungen solcher Art berichtet Susanna in ihren E-Mails, allein in ihrer Wohnung am PC sitzend, an einem Gläschen nippend, darüber sinnierend, wie glücklich Isabell jetzt sein muß, wo sie in trauter Zweisamkeit lebt, endlich befreit von der quälenden Einsamkeit.

Baryllis „Echtzeit“ wirkt in gewisser Weise verstörend, erschütternd und Neugier weckend in einem. Ein ebenso außer- wie ungewöhnlicher Roman.            A. Ney

Gabriel Barylli: „Echtzeit“, Langen-Müller, München 2009, geb., 174 Seiten, 16,95 Euro


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