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13.06.09 / Sperrige Germanen / Deutsche und Engländer tun sich besonders schwer – Fehlleistungen des »Spiegel«

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 24-09 vom 13. Juni 2009

Sperrige Germanen
Deutsche und Engländer tun sich besonders schwer – Fehlleistungen des »Spiegel«

Da die alten Germanen keine Texte hinterlassen haben, weiß man wenig über Denken und Selbstverständnis der frühen Bewohner Nord- und Mitteleuropas. Ihre in der Weltgeschichte so erfolgreichen Nachkommen − Briten, Skandinavier, Niederländer und Deutsche, aber auch viele US-Amerikaner und Kanadier − tun sich deswegen schwer mit ihren geheimnisvollen Vorfahren.

Sage mir, was Du von den Germanen hältst, und ich sage Dir, wer Du bist! Nicht erst seit der deutschen Germanen-Romantik des 19. Jahrhundert, sondern im Grunde seit der Wiederentdeckung der einzig erhaltenen Handschrift des im Jahre 98 veröffentlichten Buches „De Origine et situ Germanorum“ (Über Ursprung und Heimat der Germanen) des römischen Schriftstellers Tacitus im 15. Jahrhundert beschäftigt nicht nur  Fachwissenschaftler die Frage nach Lebensweise, Sprache, Kultur, Religion und Selbstverständnis der Germanen. Fest steht, daß die so bezeichneten Menschen, an denen sich die Römer in rund 550 Jahren konfliktreicher Nachbarschaft die Zähne ausbissen, sich selbst nicht so nannten, höchstwahrscheinlich gar keine gemeinsame Identität als Nation hatten und wohl niemals in ihrer langen Geschichte in einem Staat lebten.

In der Wahrnehmung der Deutschen seit dem 15. Jahrhundert schwankte die Bewertung der Germanen meist zwischen Bewunderung und Ablehnung − nur selten ließen die Bauern und Krieger, die nur äußerst zögernd von ihren südlichen Nachbarn so wichtige Kulturtechniken wie das Geld und die Schrift übernahmen, ihre Nachfahren gleichgültig.

Selbst die elementare Frage, wer überhaupt zu den Nachkommen der Germanen zu rechnen sei, wurde oft kontrovers diskutiert. Die Skandinavier (außer den Finnen) gehören zweifellos dazu. Doch schon bei den Deutschen ist die Sache nicht mehr ganz klar: Im  Süden haben die Deutschen einen starken keltischen Einschlag, im Osten slawische und auch baltische Anteile.

Merkwürdigerweise sind heute die meisten Engländer der Meinung, sie seien gar nicht germanischer Herkunft. Nun hat zwar in der Tat die normannische Eroberung Großbritanniens im Jahre 1066 reichlich romanische Elemente ins Land gebracht − der Wortschatz der englischen Sprache gilt zu rund 55 Prozent als romanisch − doch gerade die ältesten Bestandteile der englischen Sprache sind sonnenklar germanisch, und eine Besiedelungspolitik im hohen Mittelalter hat ebenfalls nicht stattgefunden, weswegen die germanischen Wurzeln der Engländer eigentlich evident sind.

Da aber deutsche Nationalisten des 19. und 20. Jahrhunderts die germanische Herkunft der Engländer stark betonten (schon Wilhelm II. erklärte mit Blick auf Großbritannien „Blut ist dicker als Wasser“, womit er meinte, die gemeinsame Herkunft verbinde mehr, als der Ärmelkanal trenne), kam es zu einer Gegenreaktion. Heute lernen junge Engländer in der Schule, abgesehen von ein paar angelsächsischen Bauern stammten sie eher von Kelten und frankophonen Normannen ab.

Im 20. Jahrhundert hat Adolf Hitler das Ansehen der Germanen gründlich ruiniert. Doch was konnten die längst Verblichenen dafür, daß ein Massenmörder für sie schwärmte? Für deutsche Gutmenschen war es jedenfalls der Anlaß, noch Jahrzehnte später mit Polemik gegen die Runenritzer, für die das Hakenkreuz noch keinerlei politische Bedeutung hatte, nachträglich den Faschismus zu bekämpfen. „Die Germanen – unsere barbarischen Vorfahren“, donnerte es von der Titelseite des „Spiegel“ im Oktober 1996. Was zur Begründung angeführt wurde, war teils altbekannt (und wahr), teils grob irrführend. Die Tonlage war jedenfalls diejenige, die Alt-68er sonst gegenüber der „NS-Generation“ anzuschlagen pflegen.

Diesem Kuriosum der deutschen Nachkriegspublizistik hat der „Spiegel“ allerdings längst eine Fortsetzung mit umgekehrten Vorzeichen folgen lassen. Im November 2002 zierte die Himmelsscheibe von Nebra den Titel des „Spiegel“. Diesmal lautete der Titel: „Der Sternenkult der Ur-Germanen – Die Entdeckung einer versunkenen Hochkultur“. Jetzt plötzlich waren die Germanen in den Augen der „Spiegel“-Redakteure geniale Sterndeuter und Astronomen, ebenso versiert als Kunstschmiede wie als Erbauer monumentaler Großobservatorien. Tatsächlich zierte die Titelseite des „Spiegels“ nicht nur die Himmelsscheibe, sondern auch noch der Steinkreis von Stonehenge. Das Absurde an der Sache: Die Himmelsscheibe wurde um 1700 vor Christus geschaffen und es ist sehr zweifelhaft, ob man für diese frühe Zeit bereits von Germanen sprechen kann. Das Monument von Stonhenge wiederum stammt sogar aus der Epoche von 3100 bis 1600 v. Christus – schlappe 2050 Jahre, bevor erstmals Germanen auf britischem Boden siedelten.

Nein, es war keine Geschichte über die Versäumnisse der deutschen Bildungspolitik. Es war wirklich gedacht als eine Geschichte über die Germanen.            K. Badenheuer

Foto: Schwieriges Erbe: Die neue Briefmarke „2000 Jahre Varusschlacht“

 

Zeitzeugen

Ulrich v. Hutten – Der Humanist und politische Autor lebte von 1488 bis 1523. Sein Denken wurde stark durch die Wiederauffindung der „Germania“ des römischen Schriftstellers Tacitus um 1450 im Kloster Hersfeld geprägt. In der erst 1529 posthum veröffentlichten Schrift „Arminius“ feierte er den Sieger der Varusschlacht.

 

Malcom Todd – Der 1939 geborene britische Archäologe und Historiker gilt als einer der führenden Experte über die Germanen. Über deren Wahrnehmung in der Neuzeit schrieb er treffend: „Das Dritte Reich erfand weder die Arier noch die Theorie einer nordischen überlegenen Rasse. Beide Vorstellungen hatten sich schon vor 1900 fest etabliert und waren Teil eines orthodoxen Denkens, das die meisten Europäer heute als peinlich und falsch empfinden.“

 

Reinhard Wolters – Der 51jährige Althistoriker, Archäologe und Numismatiker lehrt und forscht in Tübingen. Sein 2008 erschienenes Buch „Die Schlacht im Teutoburger Wald“ gilt durch seine beispielhafte Klarheit, Exaktheit und Aktualität als eines der herausragenden Werke in der aktuellen Flut an Publikationen über die Varusschlacht. Wolters meldet vorsichtige Zweifel an, ob Kalkriese wirklich der Ort der Varusschlacht war (siehe rechts).

 

Wolfram Euler – Der Indogermanist ist ein entfernter Verwandter des Mathematikers Leonhard Euler und ein Experte für die altgermanischen Sprachen. Auch er bestreitet die von Gustaf Kossinna ab etwa 1890 durchgesetzte Theorie, daß sich die germanischen Sprachen und Völker im südlichen Skandinavien herausgebildet hätten. Euler bedauert, daß Archäologen und Althistoriker grundlegende Erkenntnisse der Linguistik allzu oft ignorieren.

 

Jürgen Udolph – Dem 1943 geborenen Linguisten mit Schwerpunkt Namensforschung (Onomastik) gelang ein für Sprachwissenschaftler seltener Erfolg. Sein Buch „Professor Udolphs Buch der Namen“ (2005) wurde zum Bestseller. Udolph bezweifelt, daß sich die germanischen Völker in Skandinavien herausgebildet hätten und vertritt stattdessen die Ansicht, dies sei im mitteldeutschen Raum geschehen.


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