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13.06.09 / Russki-Deutsch (21): Glasnost

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 24-09 vom 13. Juni 2009

Russki-Deutsch (21):
Glasnost
von Wolf Oschlies

Wer kommunistische Bürokratie und Überwachungsmechanismen miterlebt hat, vermag die Sprengkraft zu ermessen, die vor fast einem Vierteljahrhundert Gorbatschows Forderung nach „Glasnost“ entfaltete. Im Deutschen wurde das Wort mit „Offenheit, Transparenz und Meinungsfreiheit“ wiedergegeben, was zutrifft und der Wortgeschichte nicht widerspricht.

„Glasnost“ ist nicht russisch, denn der Wortstamm „glas“ (Stimme) muß nach den Gesetzen russischer Vollautierung „golos“ heißen. „Glas“, „glasnost“ und viele ähnlich gebildete Abstrakta kamen im Zuge des „zweiten südslawischen Einflusses“ (14./15. Jh.) ins Russische, wo sie sich in den Nischen von Kirche, Poesie und Bürokratie hielten. „Glasnost“ war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem ein juristischer Fachbegriff für öffentliche Prozeßführung. Auch von kommunistischen Schauprozessen nach 1917? Offenkundig ja, denn Jurist Lenin und Nicht-Jurist Stalin haben „Glasnost“ in ihrem Vokabular geführt: Redefreiheit, die nur vor „Staats- oder Militärgeheimnissen“ haltmachen sollte, und was die waren, bestimmten Apparatschiks der Partei. Demgegenüber kehrte „Gorbi“ zu Geist und Form der (maßvoll) oppositionellen Zeitschrift „Glasnost“ zurück, die ab 1881 in Sankt Petersburg erschien.   

Erste Folgen dieser neu-alten Glasnost erstaunten vor allem Slawisten und Bibliothekare: In sowjetischen Bibliotheken wurden die „spezchrany“ geöffnet, die „Sondermagazine“ mit ausländischer Literatur und Millionen Publikationen sowjetischer Autoren, welche in Ungnade gefallen waren wie Trotzki, Solschenizyn, Sacharow. Die davor waltende Anti-Glasnost hatte uns Studenten amüsiert: Moskau schickte den Beziehern der „Großen Sowjet-Enzyklopädie“ umredigierte Ersatzseiten, die die Adressaten anhand punktierter Schnittlinien in ihre Bände einfügen sollten.

Mit Selbstbetrug und Menschenverachtung machte Gorbis „Glasnost“ Schluß, was Neo-Stalinisten erzittern ließ, die meisten Menschen aber als Ermutigung auffaßten. Zu Neujahr 1989 verschickten Dresdener Studenten Glückwunschkarten, die diverse Weingläser zeigten, darunter den Wunsch: „1989 Glasnost mit Stil – auch hier!“


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