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13.06.09 / Überleben als Ökobauern / Entlassene russische Manager entdecken die Landwirtschaft

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 24-09 vom 13. Juni 2009

Überleben als Ökobauern
Entlassene russische Manager entdecken die Landwirtschaft

Hacke und Schaufel statt Nadelstreifen und Laptop! Diese Devise hat sich eine Gruppe von 140 ehemals erfolgreichen Geschäftsleuten zu eigen gemacht und im Umland von St. Petersburg eine landwirtschaftliche Kommune gegründet. Kein Gemeinschaftswerk nach kommunistischem Vorbild, sondern ein innovatives Landwirtschaftsmodell ist das Ideal. Man will sich auf ökologische Reinheit spezialisieren, um dann in zwei bis drei Jahren vom Ertrag des ökologischen Bauernhofs, der nach marktwirtschaftlichen Regeln geführt wird, leben zu können.

Die Idee, eine Ökofarm nach  neuestem Standard aufzubauen, kam Maxim Winogradow in der bedrückenden Enge einer St. Petersburger Kommunalwohnung, in die er mitsamt Familie umziehen mußte. Vor der Krise handelte er mit teurem italienischem Stuck. Nachdem er seine Firma, die Eigentumswohnung, teure Autos, Reisen und andere Annehmlichkeiten verloren hatte, wurde ihm klar, daß er sich ein neues Betätigungsfeld suchen mußte. Als er im November zahlungsunfähig wurde, hatten ihm weder Banken noch der Staat geholfen.

So wie ihm ging es den meisten seiner Mitstreiter. Unter ihnen Investmentbanker, Börsenmakler und Geschäftsführer. Man entließ sie ebenso wie Tausende gering Qualifizierte. Sie alle verbindet eines: Außer ihren Zielen haben sie nichts mehr zu verlieren. Sie kratzten ihre letzten Ersparnisse zusammen und faßten ein neues Ziel ins Auge: Mit knapp 70000 Euro Startkapital wollten sie einen wirtschaftlichen Neuanfang wagen.

Im Kreis Bauxitogorsk, 230 Kilometer nordöstlich der Gebietshauptstadt St. Petersburg, ist der Standort der zukünftigen Ökofarm. Wie der Ortsname verrät, handelt es sich um eine Region, in der Bauxit abgebaut wurde. Der Tonerdeboden ist für den Ackerbau nicht besonders geeignet, doch das stört die Neubauern nicht. Sie wollen Gemüse züchten sowie eine Vieh- und Holzwirtschaft aufbauen. Bei ihnen soll es demokratisch zugehen. Einmal pro Woche trifft sich die Führungsgruppe, Entscheidungen werden gemeinsam getroffen. Erfahrung in der Landwirtschaft hat niemand in der Gruppe. Jedoch erwarben einige – wie Winogradow – während ihres Studiums theoretisches Wissen, das sie nun in Arbeitsteilung praktisch anwenden. Währenddessen versucht eine Gruppe mit Projektleiter Wassilij Smirnow, die Behörden von ihrer Idee zu überzeugen. Eine schier unlösbare Aufgabe, denn die Beamten wollen kein staatliches Grundstück – nicht mal eine aufgegebene Kolchose – zur Verfügung stellen, obwohl hier neue Arbeitsplätze entstehen könnten.

In dieser Situation half Privatbauer Viktor Stepanowitsch. Er stellte der Kommune seine brachliegenden Felder zur Verfügung. Darüber hinaus lieh er seine landwirtschaftlichen Geräte aus und versorgt die Neubauern mit  Grundnahrungsmitteln. Im Gegenzug muß die Kommune seine Äcker mitbearbeiten. In der Landwirtschaft gibt es seit Jahren einen großen Arbeitskräftemangel. Dies und das Novum ökologische Nahrungsmittel, gepaart mit dem Fachkräfte-Knowhow der Manager könnte das Projekt zum Erfolg führen.   Manuela Rosenthal-Kappi


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