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13.06.09 / Obamas Zwischentöne

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 24-09 vom 13. Juni 2009

Obamas Zwischentöne
von Hans-Jürgen Mahlitz

So kennen wir sie, die Amerikaner auf Reisen: Europa in drei Tagen, für den Rest der Welt auf der Hin- oder Rückreise noch ein paar Stunden drangehängt. Mit seiner Blitzreise durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hat Barack Obama gezeigt, daß er – bei allem Neuem, das sich mit diesem Präsidenten verbindet – letztlich doch genauso „typisch amerikanisch“ ist wie seine 43 Vorgänger.

„Typisch amerikanisch“ – das ist eben auch diese Mischung aus Vision und Pragmatismus, aus hollywoodreifen Show-Elementen und feinen Zwischentönen. Letztere konnte, wer mochte, in Obamas Rede beim Besuch des KZ Buchenwald vernehmen. Natürlich sagte er all das, was an solchem Ort und bei solcher Gelegenheit immer und von allen gesagt wird, wohl auch gesagt werden muß: Entsetzen über das, was hier geschehen ist, und die Mahnung, daß so etwas nie mehr geschehen möge (womit Völkermorde in Afrika, Asien oder auf dem Balkan nicht verhindert wurden). Nicht selten folgen Spitzen gegen das „Tätervolk“.

Hier wich Obama vom üblichen Schema ab: „Genauso, wie wir uns mit den Opfern identifizieren, ist es auch wichtig, daß wir uns in Erinnerung rufen, daß die Täter, die solch Böses verübten, auch Menschen waren, und daß wir uns gegen die Grausamkeit in uns selbst wappnen müssen.“

Solche Worte hörte man in Buchenwald oder Auschwitz bislang kaum je. Sie weisen über das übliche „Hier die Bösen, da die Guten“ und „Hier die Täter, da die Opfer“ hinaus. Bemerkenswert, daß ausgerechnet der erste schwarze Präsident der USA diese Schwarz-Weiß-Malerei überwandt, um schließlich dem deutschen Volk zu danken, „weil es nicht einfach ist, so in die Vergangenheit zu blicken, sie anzuerkennen und etwas aus ihr zu lernen“.

Auch wenn man hier einige kritische Fragen über die sogenannte „Reeducation“  der Nachkriegsjahre und die nicht immer große US-amerikanische Bereitschaft zur Selbstkritik stellen könnte – man darf doch vermuten, daß der US-Präsident an dieser Stelle auch an Guantánamo und Abu Ghraib gedacht hat.

Deutschlands führende Meinungsmacher von links bis jenseits der halblinken Mitte sind sich übrigens bei der Bewertung dieser Redepassage merkwürdig einig: In ihren Online-Dokumentationen blenden sie diese Sätze aus. Noch scheint die uns in 64 Jahren anerzogene vorauseilende Unterwerfung unter Schuld-und-Sühne-Rituale stärker zu sein als die journalistische Neugier auf Neues.

Da ist es eben bequemer, dar­über zu spekulieren, warum zwischen Barack Obama und Angela Merkel angeblich „die Chemie nicht stimmt“. Falls das überhaupt stimmt, sollte man sich an Helmut Kohl und Michail Gorbatschow erinnern: Was haben die sich anfangs an den Kopf geworfen (Vergleich mit Göbbels); später aber, als es ernst wurde mit der deutschen Einheit, „stimmte die Chemie“.

Foto: Während seines Kurzaufenthaltes in Deutschland jonglierte US-Präsident Barack Obama zunächst wie gehabt zwischen Vision und Pragmatismus. Bei seinem Besuch im KZ Buchenwald überraschte er dann mit differenzierten und fairen Bewertungen.


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