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13.06.09 / Schweinerei im Museum / Eine Ausstellung zeigt Kitsch und Kuriosa, Kunst und Krempel rund um das Borstenvieh

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 24-09 vom 13. Juni 2009

Schweinerei im Museum
Eine Ausstellung zeigt Kitsch und Kuriosa, Kunst und Krempel rund um das Borstenvieh

Ein Ende der Schweinegrippe-Welle ist noch nicht erreicht. Täglich werden neue Infektionen gemeldet.  Wissenschaftler warnen gar vor einer zweiten Welle, die wesentlich ernster ausfallen könne, und suchen fieberhaft nach einem Impfstoff. Ironie des Zufalls: Im niedersächsischen Stade ist derzeit eine Ausstellung rund ums Schwein zu sehen.

Unter dem Titel „Schöne Schweinerei – vom Rüssel bis zum Ringelschwanz“ werden im Schwedenspeicher-Museum in der historischen Altstadt Hunderte von Schweinen und Schweinchen aus Porzellan, Stein, Terrakotta, Metall, Glas und Elfenbein gezeigt. Und das keinesfalls zur „Ehrenrettung des Schweins in schlechten Zeiten“. Die Ausstellung war lange vor Ausbruch der Schweinegrippe, die auch als Mexiko-Grippe bezeichnet wird (schließlich befinden sich im Erbgut des Erregers nicht nur Gene des Schweins, sondern auch von Mensch und Vogel), zwischen dem Sammler Holger Matthies und dem Museum verabredet. Der Hamburger Plakatkünstler, Sammler und Professor für visuelle Kommunikation ist seit 40 Jahren dem Charme des Borstenviehs verfallen. Stücke aus aller Welt – von China über Kuba bis Mexiko – finden sich in seiner Sammlung. „Das Spektrum reicht vom mexikanischen Perlenschwein bis zu marokkanischen Ton-Arbeiten“, erläutert Matthies. Die größte Fundgrube aber sei China. Auf den Flohmärkten von Hongkong bis Shanghai finde er die schönsten Stücke. Kein Wunder, denn in China gehört das Schwein zu den zwölf Tierkreiszeichen. Schweine sind dort der Inbegriff von Aufrichtigkeit, Reinheit, Toleranz und Ehre.

800 Exemplare in allen Größen – von etwa fünf Zentimeter großen Musikschweinen, sprich solche mit Musikinstrumenten in den Pfoten, bis zu verwitterten Karussellschweinen, die schon bessere Tage gesehen haben – fanden im Schwedenspeicher vorübergehend ein neues Zuhause, oh pardon, einen neuen Stall.

Manches Mal hat Matthies auch selbst Hand angelegt und den Schweinen „Charakter“ gegeben: ein Tonschwein wurde rundum mit messingfarbenen Reißzwecken verkleidet und so zum Stachelschwein, ein anderes erhielt einen goldenen Anstrich, schwarzumrandete Augen und die typische Haube, das Nemes-Kopftuch – Tutanchamun war perfekt, fast.

An den Schweinen scheiden sich die Geister: Für die einen sind die Tiere einfach nur niedlich, für die anderen der Inbegriff von Unreinheit und passendes Beiwerk für Schimpfwörter. Ein „Stasischwein“ und ein „Bullenschwein“ sind in der Ausstellung ebenfalls zu entdecken, neben allerliebsten Ferkelchen und Kuschelschweinchen, die allerdings zu einem „Sauhaufen“ in einer Ecke gestapelt.

Kunst, Kitsch, Kuriosa und Krempel sind in 17 thematischen Räumen und Abteilungen untergebracht – vom Saustall, der Schweineküche und dem Kunstsalon bis hin zum Kinderzimmer sowie einer nur erwachsenen Besuchern zugänglichen Peepshow. Und wer genau hinschaut, der entdeckt durchaus auch Menschlich-Allzumenschliches in Schweinegestalt. Überhaupt wird man immer wieder auch an typische Aussprüche erinnert, so an den Spruch „Perlen vor die Säue werfen“, der schon in der Bibel stand, oder an die von Georg Christoph Lichtenberg stammende Weisheit: „Es regnete so stark, daß alle Schweine rein und alle Menschen dreckig wurden.“ Großen Raum nehmen auch die Schweinefiguren ein, die einem Beruf oder einem Hobby nachgehen. Von Köchen und Kellnerinnen bis hin zu Jägern oder Kegelbrüdern reicht die bunte Palette. Oft hat sich unter einem stattlichen Schwein aus Ton auch eine Schnapsflasche verborgen, einst ein beliebtes Geschenk an „Sau“fkumpane.

Geradezu berühmt sind die Schweinchen Babe und Rudi Rüssel, die in Spielfilmen Karriere machten. An Miss Piggy, die blonde Supersau, die meist einen rosafarbenen Fummel trug und in Kermit, den Frosch, verliebt war, erinnert sich wohl jeder Anhänger der Muppet Show.

Realer ist da schon das Wildschwein Luise, das 1985 von Ministerpräsident Ernst Albrecht „verbeamtet“ und in die Hundestaffel Hildesheim aufgenommen wurde. Luise hatte eine bessere Nase als jeder Drogenhund und konnte ähnlich wie Trüffelschweine die kostbare Knolle Rauschgift sowie Sprengstoff aufspüren. Unter anderem machte sie auch Karriere als Film- und Fernsehstar und war sogar mit Inge Meysel im „Tatort“ zu sehen. 1987 ging Luise in Pension und bekam am 29. April des folgenden Jahres fünf Frischlinge.

Prosaischer ging es da bei einer englischen Zuchtsau zu, die den Weltrekord hält. Sie brachte mit einem Wurf 37 Ferkel zur Welt (üblich sind zwölf); 36 wurden lebendig geboren, von denen 33 überlebten – bis zur Schlachtung. Die Sau trug übrigens den lieblosen Namen 570.         Silke Osman

Geöffnet ist die „Schöne Schweinerei – Vom Rüssel bis zum Ringelschwanz“ bis zum 2. August dienstags bis freitags von 10 bis 17 Uhr, an Wochenenden und Feiertagen von 10 bis 18 Uhr. Eintritt 3 /2 Euro, Familienkarte 6 Euro.

Foto: Hier ist’s saugemütlich? In vielen Redewendungen vertreten Schweine Menschen.


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