15.04.2024

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
13.06.09 / Technik sollte Sieg bringen / Wie die Stasi nicht nur durch Agenten versuchte, den Westen zu dominieren

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 24-09 vom 13. Juni 2009

Technik sollte Sieg bringen
Wie die Stasi nicht nur durch Agenten versuchte, den Westen zu dominieren

Während des Kalten Krieges operierten in den USA wie im Ostblock bürokratisch strukturierte Geheimdienstorganisationen. Im Namen der kommunistischen Ideologie auf der einen, im Namen der Demokratie, die es zu sichern galt, auf der anderen Seite waren sie damit beschäftigt, neue Methoden zu entwickeln und Agenten zu rekrutieren. Forschungen wurden im Verborgenen betrieben, wobei Wissenschaftler und Geheimdienstler im Osten die Maßstäbe der Humanität häufig ignorierten.

In den Büchern und Berichten über die Spionage der Stasi geht es zumeist um deren repressive Aktivitäten in der DDR selbst, und zweifellos gehörte sie zu den am meisten bewachten Ländern der Welt. Doch nicht nur im Innern, auch im westlichen Ausland führte die Stasi, ebenso wie der KGB, mit einer Armee von Geheimagenten industrielle und militärische Spionage als stille Waffe ins Feld des Kalten Krieges. Dabei war, worüber bisher nicht umfassend berichtet wurde, die illegale Beschaffung von Technologie im Westen ein  zentrales Anliegen des DDR-Geheimdienstes.

Welch ungeheuerliche Wege dabei beschritten und welch kaltschnäuzige Methoden angewandt wurden, beschreibt Kristie Macrakis in ihrem Buch „Die Stasi-Geheimnisse – Methoden und Technik der DDR-Spionage“ auf eindrucksvolle Weise. Die Harvardprofessorin hielt sich vor und nach dem Mauerfall zum Zweck von Forschungen mehrmals in Deutschland auf, nahm Einsicht in geheime Stasiakten, darunter von der CIA beschafftes Material, und führte Interviews mit ehemaligen Spionen.

Die Autorin deckt in ihrem gut geschriebenen Buch auf, daß die entscheidenden Erfolge der Stasi  auch auf einem Netz von Aktivitäten einzelner Agenten basierten. Das Vorgehen beruhte stets auf deren Integration in einem Gastland. In den 80er Jahren sollen immer mehr Männer und Frauen der Stasi ihre Dienste angeboten haben. Frühzeitig war man im Ministerium für Staatssicherheit während der Computerrevolution zur Einsicht gelangt, daß der Computer in der technologischen Schlacht des Kalten Krieges eine entscheidende Rolle spielen würde. Gezielt ließen die Funktionäre des Operativ-Technischen Sektors der Stasi daher die geheimen Neuentwicklungen im westlichen Ausland ausspionieren, denn „wer die technologische Schlacht gewänne, der würde auch den Kalten Krieg gewinnen“, so die Ansicht führender Geheimdienstoffiziere. Sie sollten recht behalten.

Die Erfolge bei der illegalen Beschaffung von Informationen für den Aufbau einer eigenständigen Chipindustrie der DDR führten schließlich zur Situation, daß es dem Staat zwar nicht am erforderlichen Know-how mangelte, wohl aber an der notwendigen Hochtechnologiebasis, um die durch gestohlene Hardware und Software gewonnenen Erkenntnisse in funktionsfähige Produkte umwandeln zu können. Obwohl der MfS-Bereich „Kommerzielle Koordinierung“ in den 1980er Jahren jähr-lich mehr als eine Milliarde Valutamark investierte, um sich illegal Spezialausrüstung anzueignen, die unter das westliche Embargo fiel, sah die Leistungsbilanz der DDR-Chipproduktion dennoch katastrophal aus.

Wie eine Aneinanderreihung von Spionage-Thrillern liest sich die vorliegende Dokumentation. Macrakis beschreibt die Funktionsweise von Spionagenetzwerken und thematisiert spektakuläre Fälle wie die Schicksale des Überläufers Werner Stiller und der wirksam operierenden Spione „Kid und Paul“.

Materialverstecke in einem Frühstückstablett, Honigfallen, radioaktives Material zur Markierung von Gegenständen und Menschen wurden eingesetzt sowie großflächig angelegte Lauschangriffe. „Stasi-Moschee“ hieß der Horchposten mit Richtantennen auf dem Brocken, der dazu diente, den Funkverkehr nach Berlin und die Nord-Süd-Achse Hamburg−München zu überwachen.

Kristie Macrakis weist nach, daß die Stasi die aufwendig betriebene Spionage als probates Mittel zur Lösung von staatsspezifischen Problemen überschätzt hat. Dagmar Jestrzemski

Kristie Macrakis: „Die Stasi-Geheimnisse – Methoden und Technik der DDR-Spionage“, Herbig Verlag, München 2009, geb., 463 Seiten, 24,95 Euro


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabo bestellen Registrieren