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04.07.09 / Magersucht schon früh erkannt / Heinrich Hoffmanns Buch »Der Struwwelpeter« erregt die Gemüter und beschäftigt die Wissenschaftler

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 27-09 vom 04. Juli 2009

Magersucht schon früh erkannt
Heinrich Hoffmanns Buch »Der Struwwelpeter« erregt die Gemüter und beschäftigt die Wissenschaftler

Das wohl meistgelesene Kinderbuch „Der Struwwelpeter“ ist mittlerweile in 35 Sprachen übersetzt. Sein Verfasser Heinrich Hoffmann wollte 1844 für seinen Sohn ursprünglich nur ein kindgerechtes Weihnachtsgeschenk schaffen.

Das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg (GNM) hat am 1. Juli eine Studio-Ausstellung eröffnet, die dem „Struwwelpeter“ gewidmet ist. Gezeigt werden bis zum 4. Oktober alle Reproduktionen sowie zahlreiche Raub- und Nachdrucke des legendären Kinderbuchs sowie Spielzeug aus der Zeit. Am 5. Juli veranstaltet das GNM einen Themensonntag für die ganze Familie mit vielfältigen Aktionen rund um den „Struwwelpeter“.

Im Jubiläumsjahr – Heinrich Hoffmann, der Schöpfer des „Struwwelpeters“ wurde vor 200 Jahren geboren – ist im Verlag des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg ein Nachdruck des Originalmanuskripts erschienen, das sich in der Sammlung des Museums befindet. Gleichzeitig veröffentlichte der Verlag einen wissenschaftlichen Begleitband mit zahlreichen Aufsätzen verschiedener Fachdisziplinen. Wer das Originalmanuskript betrachten möchte, findet dies bis 21. September in der Ausstellung des Historischen Museums in Frankfurt am Main „Peter Struwwel – Heinrich Hoffmann. Ein Frankfurter Leben“.

Schon lange ist der Struwwelpeter mit seiner gewaltigen Haar-tracht kein Schreckgespenst mehr, spätestens seit den 1960er Jahren, als die Rock-Ikone Jimmy Hendrix mit seiner Struwwelpeter-Frisur die Jugend begeisterte und sie schließlich gesellschaftsfähig machte. Jugendpsychologen warnen allerdings davor, Kindern das Buch ohne Kommentar oder Beistand in die Hand zu drücken. Was ist schlimm an den Figuren, die der Phantasie des Arztes und Psychiaters Heinrich Hofmann entsprangen? An Paulinchen mit den Streichhölzern, am Suppen-Kaspar und am Zappel-Philipp? Am großen Nikolaus, der drei böse Knaben in ein Tintenfaß taucht, weil sie einen „kohlpechrabenschwarzen Mohr“ verulkt hatten, am bitterbösen Friederich, am fliegenden Robert und am Hanns Guck-in-die-Luft? Sie alle erleiden ein schreck-liches Schicksal, weil sie Verbotenes getan haben. Es sind sinnigerweise jedoch meist nicht die Erwachsenen, die Eltern, die strafend eingreifen (außer bei Konrad, dem Daumenlutscher), sondern die Strafe ist die Folge des verbotenen Tuns. Dennoch weisen Kinderpsychologen darauf hin, daß man heute nicht mehr mit angsterzeugenden Mitteln erzöge. Heinrich Hoffmann hat ein für seine Zeit außerordentliches Erziehungsbuch geschrieben und dabei versteckt reformerische Ideen in den „Struwwelpeter“ geschmuggelt. So deuten Fachleute die abgeschnittenen Daumen als Chiffre für die erdrückende Zensur im Biedermeier. Die Geschichte vom Jäger und Hasen sei ein antiautoritäres Gleichnis – der Schwache wehrt sich gegen die Gewalt des Starken und siegt.

Bei aller Kritik gibt es auch anerkennende Worte. Hoffmann habe als einer der ersten die Störung Anorexia nervosa (Magersucht beim Suppen-Kasper) und die Aufmerksamkeitsstörung ADHS (Zappelphilipp) beschrieben. Und Heinrich Hoffmann mußte wissen, worüber er schrieb, war er doch als Arzt immer wieder auch mit kranken Kindern konfrontiert. Geboren wurde Hoffmann als Sohn des Architekten und Städtischen Wasser-, Wege- und Brückenbauinspektors Philipp Jacob Hoffmann in Frankfurt am Main. Er studierte Medizin in Heidelberg, Halle und Paris und arbeitete zunächst in einer Armenklinik seiner Vaterstadt. Am renommierten Senckenbergischen Institut unterrichtete er Anatomie, bis er 1851 eine Anstellung als Arzt an der Städtischen Anstalt für Irre und Epileptiker fand. Ihm ist es zu verdanken, daß die Anstalt sowohl architektonisch als auch pflegerisch auf den neuesten Stand gebracht wurde. Neben seiner verantwortungsvollen Aufgabe als Arzt widmete Hoffmann sich 1838 der Organisation des ersten Deutschen Sängerfestes und war 1848 Mitglied des Frankfurter Vorparlaments, das die erste deutsche Nationalversammlung in der Paulskirche vorbereitete. In schöngeistigen Zirkeln fand er außerdem den Ausgleich für seinen Beruf. Hoffmann war verheiratet und hatte drei Kinder. Er starb am 20. September 1894 in Frankfurt.

Schon vor dem Erscheinen der Geschichte um den Struwwelpeter hat Hoffmann gezeichnet und gedichtet, vor allem um seine kleinen Patienten zu erfreuen und sie vor der Behandlung ein wenig abzulenken. Ermahnungen wie „sei brav“ fruchteten in solchen Situationen auch damals überhaupt nicht. Pfiffige Geschichten aber und selbst drastische Bilder wie das von dem Bengel, der sich Haare und Nägel nicht schneiden lassen will, nahmen die Kinder gefangen und faszinierten sie. Der Psychiater Hoffmann ging auf ihre Ängste ein und machte sich augenzwinkernd zu ihrem Komplizen.

Nicht nur Kinder waren schließlich von den Geschichten begeistert, Hoffmanns Freunde drängten ihn, das Buch, das er für Sohn Carl zu Weihnachten 1844 geschrieben und gezeichnet hatte, drucken zu lassen. 1845 erschien die erste nach der Urhandschrift lithographierte Ausgabe unter dem Titel „Lustige Geschichten und drollige Bilder mit 15 schön kolorierten Tafeln für Kinder von 3 bis 6 Jahren“.

Der Verfasser verbarg sich hinter dem Pseudonym „Reimerich Kinderlieb“, da er den Neid seiner Mitmenschen fürchtete, sollte er Erfolg mit dem Büchlein haben. Und den hatte er! Die ersten 1500 Exemplare waren innerhalb von vier Wochen ausverkauft. Auflage folgte um Auflage; erst ab der 5. Auflage 1847 las man den wirklichen Namen des Verfassers (mit Doktortitel). In dieser Auflage war der Struwwelpeter schließlich auch die Titelgestalt. Im Urmanuskript, das sich seit 1902 im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg befindet, ziert der „Struwwelpeter“ noch die letzte Seite. Silke Osman

Das Germanische Nationalmuseum, Kartäusergasse 1, Nürnberg, ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 21 Uhr geöffnet, Eintritt 6/4 Euro.

Foto: „Der Struwwelpeter“: Jugendpsychologen warnen vor den Inhalten.


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