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05.09.09 / Tauziehen um Schloss-Inventar / Töchter des Hitler-Attentäters Graf Lehndorff kämpfen um ihr Familienerbe − Museen halten am Bestand fest

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 36-09 vom 05. September 2009

Tauziehen um Schloss-Inventar
Töchter des Hitler-Attentäters Graf Lehndorff kämpfen um ihr Familienerbe − Museen halten am Bestand fest

Erst der 100. Geburtstag von Heinrich Graf von Lehndorff und das damit verbundene öffentliche Interesse bringt die vier Töchter des Hingerichteten näher an ihr Ziel.

Sie ist auch mit 70 Jahren noch eine beeindruckende Erscheinung und auf Galaabenden der High Society gern gesehen. Doch in gewissen musealen Kreisen in Chemnitz, Dresden und Leipzig dürfte der Name Vera Gottliebe Anna Gräfin von Lehndorff ein entnervtes Stöhnen auslösen. Die 1939 in Königsberg geborene Tochter des 1944 hingerichteten Stauffenberg-Mitverschwörers Heinrich Graf von Lehndorff-Steinort will nämlich ihr Familieneigentum zurück. Sie will es allerdings nicht für sich. „Ich bin eigentlich ein Nomade, habe keine Beziehung zu Gegenständen“, sagt Vera, alias Veruschka, denn unter diesem Namen machte die Gräfin in den 60er Jahren als Deutschlands erstes Supermodell Karriere.

An das Schloss von innen kann sie sich nicht erinnern, schließlich war sie erst fünf Jahre alt, als die Nazis sie und zwei ihrer Schwestern nach der Verhaftung des Vaters in ein Kinderheim verschleppten. Ihre Mutter kam mit der jüngsten, frisch entbundenen Tochter in ein Lager. Erst durch das Engagement ihrer Verwandten Marion Gräfin Döhnhoff wurde die Familie im Westen Deutschlands wieder vereint. Doch an das Schloss von außen und die Natur drumherum kann sich Vera von Lehndorff noch gut erinnern. Heute ist das Gebäude stark verfallen, doch Rettung naht. Zusammen mit der Deutsch-Polnischen Stiftung Kulturpflege und Denkmalschutz und privaten Investoren wurde ein Konzept für ein deutsch-polnisches Begegnungszentrum entworfen. Diese Idee finden alle vier Lehndorff-Töchter so gut, dass sie das Erbe ihres Vaters dafür geben wollen. Dieses Erbe besteht aus zahlreichen historischen Möbeln, alten Gemälden, wertvollem Geschirr und Besteck und vielem mehr. Allerdings ist dieses Erbe nicht im Besitz der Familie.

Bereits 1992 soll Gottliebe von Lehndorff, die 1993 verstorbene Witwe des Grafen, beim Amt für offene Vermögensfragen des Landkreises Hainichen einen Antrag auf Restitution des Vermögens gestellt haben. Ein Teil des Schloss-Inventars hatte die Familie bereits während des Krieges von der östlichen Grenze des Deutschen Reiches in dessen Mitte zu Verwandten gesandt. Der größte Teil jedoch wurde nach dem Attentat von den Nationalsozialisten konfisziert. Auf verworrenen Wegen landeten einige hundert Gegenstände in Sachsen. Zu DDR-Zeiten als Volkseigentum deklariert, haben nun die Burg Kriebstein, das Leipziger Grassi-Museum, die Staatliche Kunstsammlung Dresden und die Kunstsammlung Chemnitz den Lehndorff-Besitz in ihrem Bestand. Die Bitte der Erben auf Herausgabe der Gegenstände ist jedoch deutlich komplizierter als vermutet. Aus Chemnitz, Dresden und Leipzig heißt es, man müsse trotz alter Bestandslisten aus dem Jahr 1946 erneut prüfen, ob der Anspruch der Schwestern berechtigt sei.

„Da steht auf einigen Möbeln sogar Steinort drauf. Das ist ja absurd, dass noch darüber diskutiert wird“, echauffiert sich Vera von Lehndorff. Gegenüber der PAZ beteuert sie, dass es ihr doch um nichts Privates, sondern mit dem Begegnungszentrum um etwas viel Größeres gehe. „Das macht einen ein wenig traurig, dass die Wolfschanze, das Dunkle, von Touristen besucht wird, das Helle aber, das Schloss meiner Eltern und ein Hort des Widerstandes, verkommt.“

Verwunderlich ist, dass die Schwestern beim Kampf um ihren Familienbesitz von Seiten der Politik keinerlei Unterstützung erhalten. Zwar betont die Bundesregierung stets, wie wichtig ihr das deutsch-polnische Verhältnis sei, doch Interesse an dem Begeg-nungszentrum hat bisher nur Kulturstaatsminister Bernd Neumann gezeigt, als er im Juni zum 100. Geburtstag von Heinrich von Lehndorff der feierlichen Gedenksteinlegung in Steinort beiwohnte. Zu den Erbstreitigkeiten wollte Neumann aber bisher nicht Stellung nehmen, dabei handelt es sich bei Lehndorff um einen der Hitler-Attentäter, welche die Bundesregierung doch ehren will.

„Kriebstein ist uns am meisten entgegengekommen“, lobt Vera von Lehndorff. Nach anfänglichem Zögern lässt der Verwalter der Burg derzeit einen Vertrag entwerfen, in dem die Übergabe der 322 dem Lehndorff-Besitz zugeschriebenen Gegenstände geklärt wird. Solange Steinort noch restauriert wird, möchte die Burg die Möbel- und Silberstücke, das Porzellan, den Gobelin, Grafiken und Bücher noch ausstellen, danach geht alles nach Masuren.

Weniger entgegenkommend ist die Kunstsammlung Chemnitz. Abfällig erklärt Miko Runkel, sie seien immer bereit gewesen, der Familie ihre „vier Stück Tapete und den Kissenbezug“ auszuhändigen, wie er das dort lagernde Grafendiplom derer zu Lehndorff aus dem Jahr 1687, eine Hochzeitstruhe mit Lehndorff-Wappen und weitere Möbelstücke herrunterredet. Auf die Frage, wann die Familie denn ihre Besitztümer zurückerhält, verweist Runkel darauf, dass die rein „technische Abwicklung“ ihm nicht bekannt sei.

Die Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD) weisen gegenüber der PAZ den vom Magazin „Spiegel“ getätigten Vorwurf einer „Strategie des Mauerns und Aussitzens“ entschieden zurück. Allerdings sei der Lehndorff-Fall nur einer von etwa 200 bei denen die SKD Ansprüche zu prüfen hätten. Ein zur Beschleunigung des Verfahrens von Seiten der SKD für acht Kunstwerke vorgeschlagener weitgehender Vergleich sei von Seiten des Verfahrensbevollmächtigten der Lehndorffs zurück-gewiesen worden.

„Aufgrund der derzeitigen Erkenntnisse aus der Provenienzforschung ist früheres Eigentum der Familie von Lehndorff nicht mit der notwendigen an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit nachgewiesen“, heißt es aus Dresden.   Rebecca Bellano

Foto: Schloss Steinort: Hier soll eine deutsch-polnische Begegnungsstätte mit Museum entstehen. Die vier Lehndorff-Töchter (links Vera) kämpfen um das noch erhaltene Originalinventar.  Bilder (2): Deutsch-Polnische Stiftung


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