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05.09.09 / »Bilder

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 36-09 vom 05. September 2009

»Bilder von peinigendem Realismus«
Die Fotografin Mara Eggert schuf beeindruckende Gemälde des Theaters – Kernwahrheiten ins Licht gerückt

Zwei Künste haben sich die Hand gereicht, wenn der Name Mara Eggert fällt. Der Theaterfotografin, die ihre ganz eigene Sicht auf das Geschehen auf der Bühne hat, ist jetzt eine Ausstellung in Bonn gewidmet.

„Sie steht auf der Bühne, wo sie niemand beachtet. Im Gegenteil, alle geben sich Mühe, ihre Anwesenheit zu übersehen“, beschreibt die Journalistin Verena Auffermann eine Situation, wie sie Mara Eggert wohl hunderte Male schon erlebt hat. „Auch sie selbst versucht so zu tun, als sei sie nicht da. Das ist das Bizarre an ihrer Arbeitssituation: Ihr Alltag ist immer das Spiel, das andere spielen. Sie arbeitet auf den Theaterproben, wenn die Aufführung schon fertig entwickelt ist, aber noch nicht dem Publikum, sondern dem Ensemble und seinem Regisseur gehört. Sie ist das erste Auge von außen, dieses Auge hält die Bilder für die Zukunft fest. Ein Fotograf muss alles sehen und sollte selbst möglichst nicht gesehen werden.“

Mara Eggerts Bilder von Theaterszenen bestechen durch ihre Komposition von Spiel und Realität. Sie zeigen „die Doppeldeutigkeit von Spiel und Leben“ (Auffermann). „Das Theater ist für sie der Anlass, die Szene, das Material, daraus entsteht das eigenständige Bild, das ist ihre Komposition und ihre Kunst.“

In Bonn geben 70 exemplarische Aufnahmen einen Überblick über das theaterfotografische Werk der 1938 in Rostock geborenen Mara Eggert. Seit vier Jahrzehnten fühlt sie sich renommierten deutschen Bühnen verbunden und arbeitet als Fotografin mit einer Reihe so bedeutender Regisseure wie Hans Neuenfels oder Ruth Berghaus. Die meisten der in Bonn ausgestellten Fotografien entstanden in Frankfurt am Main, andere in Hannover, Stuttgart und München. Nie hat sich Mara Eggert als reine Chronistin verstanden, eher als „Bildermacherin“, die aus dem flüchtigen Bühnengeschehen eigene Bilder herausfiltert, um sie von der Künstlichkeit auf der Bühne in die Wirklichkeit zu überführen.

Mit äußerster Sorgfalt bereitet sich die Fotografin auf jede Produktion vor, besucht die Proben, spricht mit Schauspielern und Regisseuren, feilt an den technischen Abläufen ihrer Arbeit. Am Ende dieses langen Prozesses stehen ihre „Gemälde“ des Theaters, die durch das Weglassen alles Überflüssigen das Erlebte dem Vergessen entreißen und die Phantasie des Betrachters anregen sollen.  Das Bild als eigenständiges Kunstwerk steht im Mittelpunkt der Ausstellung. Mancher Theaterfreund wird den einen oder anderen Schauspieler zwar erkennen, das eine oder andere Stück sogar, doch das ist unwichtig. Was zählt ist der Blick, den die Fotografin auf die Szene wirft und dem Betrachter mit auf den Weg geben will. „Die Bilder sind keine festgehaltenen Augenblicke, was ohnehin das Natürliche ist, oder einstudierte Inszenierungen“, so der Regisseur Hans Neuenfels in dem bei Prestel erschienenen Katalog zur Ausstellung, „sie sind wahrhaft geschossene und dann sorgsam bearbeitete Entwürfe zur Welt, zu ihren Fragen nach Bewegung, Raum, nach Nähe und Ferne, nach Formen und unbeantworteten Fragen, nach Loslösung von allzu bedrängender Festigkeit, Verengung und Verkleinerung. Sie wollen uns vergrößern, machen uns neugierig, hoffen. Wir schöpfen Kraft und beginnen uns wieder zu freuen, weil wir entdecken.“ Christoph Vitali, von 2007 bis 2008 Intendant der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn und Initiator der aktuellen Ausstellung, urteilte über die Bilderwelt der Theaterfotografin: „Mara Eggerts Schaffen ist tatsächlich eine Art Gegenposition und gleichzeitig eine der Malerei sehr ähnliche, ihr geradezu verwandte Ausdrucksweise. Es sind ihre Werke wirkliche Gemälde des Theaters und nicht einfache eine noch so genaue und interessante Dokumentation des Geschehens auf der Bühne.“

Klaus Honnef, 1939 in Tilsit geborener Theater- und Kunstkritiker sowie emeritierter Lehrstuhlinhaber der Theorie für Fotografie, sieht in den Arbeiten von Mara Eggert „Bilder von einem peinigenden Realismus“: „Die große Kunst der Fotografin besteht darin, das Gezeigte auf seine Essenz zu reduzieren, seines theatralischen Gewandes zu entkleiden, um Kernwahrheiten des menschlichen Daseins ins Licht zu rücken.“Silke Osman

Die Ausstellung „Mara Eggert − Theater der Bilder“ in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Friedrich-Ebert-Allee 4, Bonn, ist bis 4. Oktober dienstags bis sonntags von 10 bis 19 Uhr, dienstags und mittwochs bis 21 Uhr geöffnet, Eintritt 4/2,50 Euro. Katalog (224 Seiten, 110 farbige Abbildungen, gebunden, 29,95 Euro).

Foto: Phantastische Welt: Szenenbild von Wagners „Rheingold“ aus einer Aufführung der Frankfurter Oper.


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