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05.09.09 / Häftlingsfreikauf und mehr / Ehemaliger Leiter der Ständigen Vertretung in Ost-Berlin erinnert sich

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 36-09 vom 05. September 2009

Häftlingsfreikauf und mehr
Ehemaliger Leiter der Ständigen Vertretung in Ost-Berlin erinnert sich

Fast 6000 Tage bestand die Ständige Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in Berlin (Ost) an der Friedrichstraße, Ecke Hannoversche Straße. Die Eröffnung der Quasi-Botschaften erfolgte am 2. Mai 1974. Vier Tage später trat Bundeskanzler Willy Brandt im Zuge der Guillaume-Affäre zurück. Brandt, der die „Hallstein-Doktrin“ der Adenauer-Ära durch eine Politik des „Wandels durch Annäherung“ gegenüber der DDR ersetzt und der 1970 den Moskauer und den Warschauer Vertrag unterzeichnet hatte, war vom DDR-Staatssicherheitsdienst durch den „Kanzlerspion“ Guillaume zu Fall gebracht worden.

Es gelang, die Kooperation der beiden deutschen Staaten dennoch fortzusetzen. Wie dünne Gesprächsfaden in dramatischen Phasen wie dieser gerettet wurde, beschreibt einer der profiliertesten Politiker aus der Zeit der Diplomatie „im Schatten der Mauer“, Hans Otto Bräutigam, in seinen Memoiren mit dem Titel „Ständige Vertretung – Meine Jahre in Ost-Berlin“. 20 Jahre nach dem Fall der Mauer blickt er zurück auf seine Jahre als Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes und der Ständigen Vertretung in West- und Ost-Berlin, des Bundeskanzleramtes in Bonn (ab 1977) sowie als Leiter der Ständigen Vertretung von 1982 bis 1988. Im Januar 1989 wechselte er auf eigenen Wunsch nach New York, wurde Botschafter bei den Vereinten Nationen und hat daher die „friedliche Revolution“ in der DDR und den Fall der Mauer nicht im eigenen Land miterlebt.

Über das gut bewachte fünfstöckige weiße Gebäude, in dem deutsch-deutsche Angelegenheiten verhandelt wurden und das bei der Stasi unter der Chiffre „57“ geführt wurde, schreibt Bräutigam: „Es wirkte wie eine Botschaft, wurde aber nicht so genannt und war auch keine Botschaft im Rechtssinne, weil die DDR für die alte Bundesrepublik kein Ausland war. Darüber haben wir bis zum Ende der DDR gestritten.“ Nüchtern, anschaulich und zurückhaltend mit seinen Bewertungen schildert der Autor die bedeutsamen Themen und Ereignisse wie das Viermächteabkommen und die „Raketenkrise“ in den 70ern. Durchgängig wurde von den Unterhändlern um Verbesserungen im deutsch-deutschen Verhältnis gerungen: Der SED-Staat benötigte Devisen, während die alte Bundesrepublik auf die Transitwege angewiesen war. Die Ost-West-Verträge, der sogenannte Häftlingsfreikauf und die Milliardenkredite, die im Gegenzug gewährt wurden, kamen zustande, weil die geforderten humanitären Erleichterungen nicht umsonst zu haben waren. Zu den Forderungen, die dem westdeutschen Verhandlungspartner abgeschlagen wurden, zählte die Absenkung des leidigen Zwangsumtauschs, der zulasten der bundesdeutschen DDR-Besucher und -Reisenden an der Grenze erhoben wurde.

1984 verhandelte Bräutigam erstmals mit dem Rechtsanwalt Vogel wegen der Ausreise von DDR-Bewohnern, die sich in die Ständige Vertretung geflüchtet hatten. Bevor Hans Otto Bräutigam auf eigene Initiative einen Wechsel vollzog, um in New York Botschafter bei den Vereinten Nationen zu werden, empfing ihn der damals 76-jährigen Erich Honecker im Dezember 1988. Unvermittelt kam dieser auf seinen Besuch im Saarland im Jahr zuvor zu sprechen. Dort habe er sich für eine friedliche Zusammenarbeit der beiden deutschen Staaten eingesetzt, erklärte Honecker, mit Grenzen, „die nicht trennen, sondern vereinen“. Und er fügte hinzu: „In der Bundesrepublik ist noch nicht genug gewürdigt worden, dass es einen Schießbefehl nicht mehr gibt.“ Wussten das auch die Schützen, die in der Nacht vom 5. auf den 6. Februar 1989 den DDR-Flüchtling Chris Gueffroy mit zehn Schüssen töteten? Außerdem hätte Honecker mit diesen Worten auch die vormalige Existenz des Schießbefehls bestätigt, die trotz eindeutiger Aktenfunde von DDR-Verherrlichern immer noch geleugnet wird.   D. Jestrzemski

Hans Otto Bräutigam: „Ständige Vertretung – Meine Jahre in Ost-Berlin“, Hoffmann und Campe, Hamburg 2009, gebunden, 457 Seiten, 23 Euro


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