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05.09.09 / Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 36-09 vom 05. September 2009

Sensationen und alte Hüte / Wo der Münte seinen Rücken hat, wieso Gysi unsere Bildung besteuern will, und wann es mit Rot-Rot wirklich angefangen hat
Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

Ab jetzt gibt’s Rückenwind für die Sozialdemokraten, verspricht Franz Müntefering seinen Genossen. Der komme von den Landtagswahlen am letzten Sonntag. Die Ergebnisse sind in der Tat durchschlagend: Zehn Prozent in Sachsen, sogar 18 in Thüringen und im Saarland sechs Prozentpunkte weniger als beim vorigen Mal. Rückenwind, so so. An welcher Stelle des Körpers hat der SPD-Chef seinen Rücken? Auf der Brust? Dann ist der Mann eine anatomische Sensation! Oder geht er einfach rück­wärts durch die Welt, weshalb ihn der brausende Gegenwind der dürren Resultate ins Kreuz trifft?

Die CDU darf angesichts dieser rhetorischen Verrenkungen trotz eigener Rückschläge damit angeben, dass sie wenigstens noch weiß, wo vorne und hinten ist: „Schmerzlich“ seien die Wahlergebnisse. Das ist doch mal ein Wort, dem dann leider schon gleich wieder eine dieser staubigen Floskeln folgt. Auf keinen Fall nämlich seien die Voten ein „Test“ für die Bundestagswahl gewesen, schiebt Kanzlerin Merkel eilig nach. Das hätte sie natürlich nicht gesagt, wenn ihre Union am Sonntag glänzend abgeschnitten hätte. Dann wäre das eine „auch bundespolitisch bedeutende Bestätigung“ gewesen. Das Idealbild vom strohblöden Wähler scheint sich für immer in die Köpfe der Spitzenpolitiker gefressen zu haben, sie können nicht mehr anders.

Doch wir wollen gnädig sein: Nicht selten kommen sie mit der billigen Masche ja durch, weshalb sie einigen Grund haben, es hin und wieder doch nochmal auf die ganz dumme Tour zu versuchen. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel hat vor Monaten offenbar einen Mehrfachraketenwerfer aufgestellt, in dem eine Salve Atom­skandale steckt. Um die maximale Wirkung zu erzielen, hat er das Arsenal aber nicht auf einmal abgefeuert. Nein, er hat den Apparat mit einer Zeitschaltuhr versehen.

So wird nach einem genauen chronologischen Plan ein „Skandal“ nach dem anderen abgefeuert. Der Minister kennt die einzelnen Projektile genau, tut beim Abschuss aber immer ganz und gar überrascht und ist „empört“ und kündigt aufgrund der „neuen Enthüllungen“ drastische Maßnahmen an. Das vorerst letzte Geschoss war der „Fund“ von 18 zusätzlichen Kilogramm Plutonium in der Asse, von denen Gabriel vorher selbstverständlich nichts gewusst hat. Hat richtig gesessen.

Ein Meisterstück der zeitlich exakt gesetzten Abschüsse war die Endlosattacke auf das Kernkraftwerk Krümmel bei Hamburg. Sogar die elbhanseatischen Christdemokraten haben unter Gabriels Dauerfeuer schlappgemacht und wollen das Werk nun selber schließen lassen. Respekt, Herr Gabriel!

Wir sind jetzt schon gespannt, welchen Knüller  der rote Umweltminister für die letzten Tage vor der Wahl aufgespart hat. Einer müsste, der bisherigen Dramaturgie folgend, ja auf jeden Fall noch kommen. Aber keine Sorge, lieber Sigmar, wir verraten nichts, ja wir spielen sogar mit und tun dann völlig geschockt, wenn Dein Knallkörper „plötzlich“ hochgeht.

Dahingestellt sei, ob hinter dem Wählerverkaspern nur kaltes Kalkül oder schon schlechte Gewohnheit oder gar psychotische Zwangsvorstellungen stecken. Bei den Dunkelroten deutete jüngst einiges auf den bedenklichen Befund einer Zwangsvorstellung hin: „Reichtum für alle“, plakatieren die Postkommunisten an der einen Straßenecke, „Reichtum besteuern“ an der anderen. So wollen uns also erst alle reich machen, aber das nur, um uns das schöne Geld danach wieder wegzunehmen. Was soll das?

Nun, es muss der pure Akt der Enteignung sein, der die Marxisten in düsteren Rausch versetzt, das Wegnehmen und Umverteilen und Wiederwegnehmen und Weiterverteilen und so fort, bis alles zerrieben ist im Getriebe der Verteilmaschinerie, das macht sie richtig heiß. Enteignen dürfen verleiht nämlich Machtgefühle über andere wie kaum etwas anderes. Man kann ihnen an den Kern ihrer bürgerlichen Rechte gehen, einfach so. Teuflisch schön! Und daneben sogar für moralisch hochwertig gehalten, „sozial“. Besser geht’s nicht.

Unangenehm wird es nur, wenn jeder diese abgründigen Gefühle hinter dem „Sozialen“ entdeckt. Das kratzt eklig an der Gerechtigkeitsfassade des Anwalts der kleinen Leute. Gregor Gysi fühlt sich ertappt und eiert gegen die Enthüllung an. Mit „Reichtum für alle“ hätte er ja auch kulturellen Reichtum und Reichtum an Bildung meinen können, wies er einen TV-Moderator zurecht.

Ach, und der soll dann besteuert werden? Brief vom roten Finanzamt: „Sie haben in Ihrer letzten Steuererklärung verschwiegen, dass Sie Schiller gelesen und eine weitere Fremdsprache gelernt haben. Samt Säumniszuschlag sind dafür in Ihrer Steuerklasse 516,47 Euro abzuführen.“ Hat Gysi das gemeint?

Wen schert’s, in der SPD ypsi­lantelt es ungeachtet aller ultralinken Eskapaden täglich ein biss­chen mehr. Die ersten Bürger schließen bereits Wetten ab, wann wir SPD und Linke im Bett erwischen werden beim Kuscheln für die Bundeskoalition. Was wir dann erst mal zu hören kriegen, wissen wir schon, wir kennen den Text aus einer Vielzahl ähnlicher Situationen auf Länderebene: „Aber meine Lieben, der erste Eindruck täuscht völlig. Es ist ganz anders, als es aussieht. Ehrlich!“

Und? Würden wir uns groß aufregen? Quatsch. Im Grunde haben sich die meisten Deutschen längst abgefunden mit der schrittweisen Verlotterung der SPD im roten Boudoir der Machtversuchung. Was viele gar nicht mehr so präsent haben: Die Gewöhnung hat daran viel früher eingesetzt, als der Mehrheit heute bewusst ist.

Erinnern Sie sich noch an den August 1987? Damals verabschiedeten SPD und SED ein ellenlanges gemeinsames „Grundsatzpapier“. Darin beschworen sie das „humanistische Erbe Europas“, aus dem sowohl Sozialdemokraten wie Kommunisten gleichermaßen ihre Ideale schöpften. Das klang wundervoll und es wurde viel und gern darüber geredet. Keine 18 Monate später wurde der 20jährige Chris Gueffroy an der Mauer von einem kommunistischen Humanisten niedergemäht bei dem Versuch, nach West-Berlin in die kapitalistische Ausbeutung zu entkommen. Darüber wurde seinerzeit weniger gern geredet.

Wieder einige Monate später wurde der rot-rote Bruderkuss von 1987 den Sozialdemokraten irgendwie peinlich. Als die Menschen in der DDR ihr Regime abräumten und die deutsche Vereinigung per Revolution durchsetzten, hatten die Sozialdemokraten ein Problem mit dem kommunistischen Lippenstift an ihrem Hemdkragen.

Einige von ihnen versuchten das peinliche Mal zum Ehrenzeichen für das Ringen um die deutsche Einheit umzuflunkern: Das Papier habe doch eigentlich nur dem großen vaterländischen Ziel gedient. Leider steht davon nichts, aber auch gar nichts drin in der SPD/SED-Schrift. Stattdessen finden sich endlose gegenseitige Respektsbezeugungen und die gemeinsame Feststellung, dass beide Systeme demokratisch seien, nur eben etwas anders demokratisch. Das roch ganz penetrant nach der Rechtfertigung einer Politik, die gegen den Status quo von Teilung und sozialistischer Diktatur nicht wirklich etwas einzuwenden hatte.

Andere Sozialdemokraten ließen die Finger von solch kühnen Nachbesserungen und begannen  1990, die Realsozialisten mit besonderer Inbrunst zu verdammen, damit die Leute nur noch auf ihre gespaltene Zungen starrten statt auf den hässlichen Knutschfleck. Nach und nach wurde ihnen das aber zu anstrengend, und ihr Ton wurde von Koalitionsoption zu Koalitionsoption sanfter, bis es nunmehr eigentlich an der Zeit wäre, das sperrige Papier wieder hervorzuholen: Mit dem Ding in der Hand könnte man schließlich beweisen, dass man die Wähler keineswegs jahrlang an der Nase herumgeführt habe, weil man nachweislich schon 1987 auf dem rot-roten Zug in die Zukunft gesessen habe.


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