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10.10.09 / Der spanische Zentralstaat bröckelt / Die Autonomiebewegung in Katalonien wird immer selbstbewusster – Wirtschaftliche Argumente

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 41-09 vom 10. Oktober 2009

Der spanische Zentralstaat bröckelt
Die Autonomiebewegung in Katalonien wird immer selbstbewusster – Wirtschaftliche Argumente

Kommt es zu Abspaltungen von Spanien? Bei dieser Frage denken die meisten zunächst an das Baskenland und den blutigen Terror der ETA. Doch die eher noch stärkere Unabhängigkeitsbewegung in Spanien ist die katalanische. Demnächst finden in der autonomen Region örtliche Volksabstimmungen für die staatliche Unabhängigkeit statt.

Mitte Oktober werden in der nordostspanischen Provinz Katalonien eine Reihe lokaler Unabhängigkeits-Referenden abgehalten. In etwa 60 Hochburgen der katalanischen Nationalbewegung soll ein unmissverständliches Signal für die Trennung von der Zentralgewalt gegeben werden. Den Auftakt dieser symbolträchtigen basisdemokratischen Bewegung hatte es am 13. September in dem 8000-Einwohner-Ort Arenys de Munt gegeben, wo im Rahmen einer privaten Initiative knapp 96 Prozent der Bewohner für einen eigenen Staat stimmten. Ein offizielles Refererendum der Gemeinde war auf Initiative aus Madrid gerichtlich verboten worden (Volksabstimmungen dürfen laut Verfassung nur vom spanischen Staat angesetzt werden); die Wahlbeteiligung lag aus diesem Grund nur bei 41 Prozent. Kurz zuvor hatten am 11. September, dem „Nationalfeiertag“ Kataloniens, in der Hauptstadt Barcelona 15000 Menschen für die Souveränität und gegen die „Besetzung“ durch Spanien demonstriert. An der Spitze des Protestzuges lief höchst öffentlichkeitswirksam Joan Laporta, der Präsident des spanischen Fußballmeisters und Champion-League-Siegers FC Barcelona.

Trotz der berühmten Reize Barcelonas und der sonnenverwöhnten Küste, wo an der Costa Brava oder auf den Balearen alljährlich Millionen ausländische Besucher ihren Urlaub verbringen, ist die eigene Kultur und Geschichte des seit 1659 zu einem geringen Teil auch zum französischen Staat gehörenden Kataloniens hierzulande kaum bekannt. Nur wenigen ist der Name Jordi Pujols, des eigenwilligen früheren katalanischen Regierungschefs (1980−2003) und Motors der Eigenständigkeitsbestrebungen, geläufig. Der 1930 geborene und in der Franco-Ära inhaftierte Pujol, der sich große Verdienste um die europäische Regional- und Volksgruppenpolitik erworben hat, war bis 2003 Vorsitzender der konservativ-nationalistischen Convergència i Unió (CiU). Diese errang erstmals bei den Wahlen von 1984 und 1988 die absolute Mehrheit der Sitze im Parlament von Barcelona und regiert die Region heute in einer linksnationalistischen Koalition an der Seite der Sozialisten.

Der regionalistisch gesonnenen Führung in Barcelona ist es in den vergangenen zwei Jahrzehnten gelungen, der Zentralregierung immer größere Selbstverwaltungsbefugnisse abzutrotzen – zuletzt sogar die Steuerhoheit. Im Ausland werden inzwischen schon katalanische „Botschaften“ eingerichtet, und man diskutiert die Aufstellung einer eigenen Fußballnationalmannschaft nach dem Vorbild von Schottland und Wales. An Selbstvertrauen fehlt es Pujol (der übrigens die deutsche Schule in Barcelona besuchte), der CiU und deren Unterstützern nicht. Katalonien ist so groß wie Belgien und erwirtschaftet mit einem knappen Siebtel der Einwohnerschaft Spaniens (7,2 Millionen) rund ein Viertel des Sozialprodukts. Keine der 17 autonomen spanischen Provinzen ist ökonomisch so stark wie das Land zwischen Pyrenäen und Mittelmeer.

Vor allem können die Katalanen auf eine lange und reiche kulturelle Tradition zurückblicken, in deren Zentrum die eigene, sehr melodische Sprache steht, die sich bereits ab dem 12. Jahrhundert allmählich zu einer Schrift- und Literatursprache entwickelte.

Im Spanischen Erbfolgekrieg ergriff das jahrhundertelang relativ eigenständige katalanisch-aragonesische Reich Partei für das österreichische Herrscherhaus und verlor nach dessen Niederlage seine Unabhängigkeit. 1716 wurde es der spanischen Krone einverleibt. Katalanisch verlor seinen Rang als Amtssprache.

Erst im Zuge der Romantik und einer wachsenden wirtschaftlichen Bedeutung des Landes wurden sie in der sogenannten „Renaixenca“ Mitte des 19. Jahrhunderts wiederentdeckt und neu belebt. Der Dichter Jacint Verdaguer (1845−1902) und der Dramatiker Angel Guimerà (1845−1924) schufen die moderne katalanische Literatursprache und verschafften der katalanischen Literatur internationale Anerkennung. Der kulturellen Emanzipation folgte bald die politische. 1914 konstituierte sich eine Regionalregierung, die eine breite Infrastruktur an katalanischen Einrichtungen in allen Bereichen aufbauen konnte. Vor allem die 30er Jahre waren eine Blütezeit katalanischer Kultur, die durch die Machtübernahme des rigoros zentralistischen Franco ein jähes Ende fand.

Erst 1979 erhielten vier Regionen – das Baskenland, Galicien, Andalusien und eben auch Katalonien – wegen ihrer historischen Eigenarten durch die spanische Verfassung wieder Sonderrechte, nicht zuletzt gesonderte Regionalregierungen. Seither hat die katalanische Autonomiebewegung viel erreicht, insbesondere die Festigung der politischen und publizistischen Vorherrschaft vor Ort.

Die lange Zeit im Vordergrund stehende Forderung nach weitergehenden Autonomierechten tritt heute zusehends in den Hintergrund und wird von Rufen nach staatlicher Unabhängigkeit übertönt. Dass sich laut jüngsten Umfragen der Regionalregierung nur etwa ein Fünftel der katalanischen Bevölkerung für die Unabhängigkeit ausspricht, besagt nicht viel. Denn die Mehrheit ist unschlüssig, und die meinungsmachende Intelligenz gehört eher dem regionalistischen als dem spanisch-zentralistischen Lager an.       M. Schmidt

Foto: Katalonien ist nicht Spanien: In Barcelona denkt man über eine eigene Fußballnationalmannschaft nach.


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