25.01.2022

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
10.10.09 / Das Evangelium als Basis des Widerstandes / Die Geschichte der Bekennenden Kirche in Ostpreußen – Teil I: Vorgeschichte und Entwicklung bis 1933

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 41-09 vom 10. Oktober 2009

Das Evangelium als Basis des Widerstandes
Die Geschichte der Bekennenden Kirche in Ostpreußen – Teil I: Vorgeschichte und Entwicklung bis 1933

Als ein Zentrum des Widerstands gegen den Nationalsozialismus hat die evangelische Bekennende Kirche nach 1945 weltweite Berühmtheit erlangt. Auch in Ostpreußen war sie stark, was angesichts der Gesamtsituation in dieser Provinz eher überrascht. Grundlagen dafür wurden bereits in den 20er Jahren gelegt.

Während heute nur noch je ein Drittel der deutschen Bevölkerung der katholischen oder evangelischen Konfession angehört und ein weiteres Drittel (mit kräftig steigender Tendenz) konfessionslos oder muslimisch ist oder anderen Religionen angehört, schien im Jahre 1925 die kirchliche Welt in Ostpreußen noch weitgehend in Ordnung. Obwohl die Trennung von Thron und Altar im Jahre 1919 für die staatlich nach wie vor protegierte Landeskirche als schmerzlich empfunden wurde, meldeten die Statistiker nach der Volkszählung von 1925 in Ostpreußen rund 1,85 Millionen evangelische Christen, das waren 82 Prozent der Bevölkerung. Weitere 15 Prozent gehörten der katholischen Kirche an; die restlichen drei Prozent verteilten sich auf die Mitglieder von Freikirchen und Sekten sowie Israeliten und Religionslosen. Gerade einmal 0,27 Prozent der Bevölkerung, genau 5989 Personen, bezeichneten sich als „Atheisten“.

Die Evangelische Kirche der Altpreußischen Union, wie sie in der Verfassung vom 29. September 1922 hieß, schien zu diesem Zeitpunkt stabil. Mit den kirchlichen Privilegien, die auch die Weimarer Verfassung vom 11. August 1919 bot, konnte die Kirche gut leben. Doch die Lage war durch mehrere Faktoren schwierig. Der Wiederaufbau vieler zerstörter Kirchen und Gebäude im zeitweilig russisch besetzten Ostteil der Provinz erforderte nach dem Ersten Weltkrieg große Kraftanstrengungen; die Pfarrerschaft hatte viele Gefallene zu beklagen und war um etwa ein Viertel vermindert worden. Viele Gemeinden blieben daher unversorgt. Daher stand die Ausbildung von Theologiestudenten und Pfarrern ganz oben auf der Prioritätenliste der Landeskirche. Die Königsberger Universität unternahm in den folgenden zehn Jahren große Anstrengungen, um Hunderte von jungen Menschen theologisch zu bilden. 1923 wurde Hans-Joachim Iwand, der spätere große Wortführer der Bekennenden Kirche, zum Konviktsinspektor im „Lutherheim“ ernannt. Seit 1927 widmete sich Iwand dann nicht nur den im Heim untergebrachten Studenten, sondern auch als Privatdozent und mit geistlicher Kraft dem Lehrbetrieb an der Universität.

Die theologische Neubesinnung nach dem Zusammenbruch in der Folge des Ersten Weltkrieges stand im Zeichen der „Dialektischen Theologie“ des reformierten Theologen Karl Barth, des Lutheraners Karl Holl und der Jungreformatorischen Bewegung. Wer diese geistlichen Erneuerungsbewegungen übersieht, kann die Geschichte der späteren Bekennenden Kirche in Ostpreußen in den 30er und 40er Jahren unter dem nationalsozialistischen Regime kaum verstehen, so urteilte zu Recht Franz-Reinhold Hilde-brandt in einem Rückblick auf die stürmischen Jahre der Hitlerdiktatur im Jahr 1949.

Schon Mitte der 20er Jahre kam Karl Barth, der berühmte Dogmatiker aus Basel und späterer Autor der „Barmer Theologischen Erklärung“ der Bekennenden Kirche,  nach Ostpreußen. Am 25. und 26. November 1924 hielt er zwei denkwürdige Vorträge in Königsberg und Danzig. Sein Thema: „Menschenwort und Gotteswort in der christlichen Predigt.“ Zu den Vorträgen Barths erschien die ostpreußische Pfarrerschaft so „zahlreich wie seit Menschengedenken nicht mehr“, auch viele Studenten und „lernbegierige Töchter“ waren zu sehen, hieß es in einem zeitgenössischen Bericht. Die liberale Theologie, in deren Gefolge man die Kriegspolitik des Kaisers voll unterstützt hatte, erschien nach dem Untergang des Kaiserreiches obsolet. So war die Suche nach Neuansätzen überall spürbar und Karl Barth übte gerade mit seinen schroffen Thesen eine gehörige Faszination aus. Die Thesen Barths, die die kirchliche Predigt als die Antwort auf den „ganz anderen Gott“ auffassen wollte, betonten den Offenbarungs- und damit den Wahrheitscharakter der Bibel. Das elektrisierte die damaligen Studenten und Professoren. Nicht die Anpassung an den Zeitgeist wie bei der liberalen Theologie, sondern eine den Regierenden kritische Haltung war das, was angesagt schien.

Das konsequente Weitersagen der biblischen Botschaft vom sündigen Menschen und dem gnädigen Gott („Gott ist im Recht – der Mensch ist im Unrecht“) bewegte die Menschen. Sie lieferte schließlich die scharf geschliffenen Waffen, die im Kirchenkampf der Bekennenden Kirche ab 1933 so dringend benötigt werden sollten. Viele christlich und sozialdemokratisch orientierte Bürger – auch Barth stand politisch dem linken Lager nahe – fanden dann in der späteren Bekennenden Kirche in der Opposition zu den Nationalsozialisten eine theologische Begründung für ihre politischen Initiativen (bis hin zum Hitlerattentat vom 20. Juli 1944).

Gleichzeitig hielten Mitte der 20er Jahre in Ostpreußen die Kirchengegner, aktive Atheisten und Kommunisten sowie die „Proletarischen Freidenker“ Versammlungen in der Aula des Löbenichtschen Realgymnasiums ab. Dort besuchten Hunderte von Männern die oft zweistündigen Vorträge. Auch Theologiestudenten mischten sich unter die Zuhörer, um dann in kurzen Dreiminuten-Beiträgen Aussagen über das Wesen des christlichen Glaubens zu machen und die Männer zu Bibelkreisen einzuladen. Anders ging es im „Tannenbergbund“ zu, der den Nationalsozialisten nahestand. Im Programm dieses Vereins ehemaliger Frontkämpfer unter der Schirmherrschaft Erich Ludendorffs stand das Bekenntnis zu einem „Positiven Christentum“. Man wollte den „jüdisch-materialistischen Geist in und außer uns“ bekämpfen, wie es auch in Art. 24 des Programms der NSDAP hieß. Pfarrer und christliche Redner waren zu diesen Versammlungen gar nicht erst zugelassen.

Nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise im Herbst 1929 verschärfte sich zunehmend die Lage der Menschen in Ostpreußen. Das Konsistorium zeigte sich als leitende Behörde in seinem Verwaltungsbericht für 1930/31 beunruhigt: „In politischer Hinsicht zeigt sich gegenüber der gefährdeten Lage Ostpreußens und den polnischen Expansionsgelüsten eine zunehmende Besorgnis.“ Man wies darauf hin, dass die „vielfachen Vakanzen“ der Pfarrstellen schnellstens beseitigt werden müssten, damit insbesondere in den zweisprachigen Gebieten eine gute Versorgung durch den „festen Rückhalt eines Pfarrers“ erfolgen könne.

Anfang der 30er Jahre ersetzten dann vielerorts im Reich Schlag-ring und Revolver zunehmend die Argumente der Redner. Der Altonaer Blutsonntag (17. Juli 1932) forderte insgesamt 17 Todesopfer. Auch in Königsberg ereigneten sich am 1. August des gleichen Jahres zunächst unerklärliche Gewalttaten. Sie richteten sich gegen Exponenten von rechts wie links. Zwei Kommunisten wurden ermordet, andere angeschossen. Ebenfalls verwundet wurde der Regierungspräsident Dr. Max von Bahrfeld. 18 Tankstellen und die Häuser der liberalen „Hartungschen Zeitung“ sowie der sozialdemokratischen „Volkszeitung“ gingen in Flammen auf. Eine gerichtliche Untersuchung wussten einflussreiche Kreise zu verhindern.

Innerhalb der evangelischen Pfarrerschaft und der Theologiestudenten gab es zunächst keine klare Ablehnung der Gewalttaten von links oder rechts. Antidemokratische und nationale Haltungen, die Enttäuschung über den Versailler Vertrag beherrschten häufig die Gedanken kirchlicher Kreise. In dem von Iwand geleiteten „Lutherheim“ gehörten drei Viertel der Studenten der Sturmabteilung der NSDAP (SA) an. Diese teilte mit, die SA sei stolz darauf, in dem Hause „15 oder 18 zum Einsatz bereite junge Männer“ zu wissen, die an dem oben bereits erwähnten blutigen  1. August schlagkräftig mitwirkten. Auch SA-Führer Geisler kehrte öfters in dem Heim ein, um seine Mitkämpfer zu besuchen.

Wer diese Zusammenhänge kennt, den mag es erstaunen, dass ausgerechnet in Preußen in den Jahren 1933/34 dennoch die ersten „Bekenntnis-Synoden“ tagten, die als Vorreiter für ähnliche kirchliche Treffen in Bayern oder Württemberg wirkten. Sie wurden zum Grundstein der Bekennenden Kirche während der Hitler-Diktatur, die nach dem Zweiten Weltkrieg weltweite Anerkennung erfuhr.      Hinrich E. Bues

Fortsetzung folgt

Foto: Königsbergs Dom: Im Jahre 1925 schien die kirchliche Welt in Ostpreußen noch weitgehend in Ordnung.


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabo bestellen Registrieren