19.01.2022

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10.10.09 / Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 41-09 vom 10. Oktober 2009

Vier Feinde / Was sich an der SPD-Spitze zusammenbraut, warum bei den Griechen alles so bleibt, und wieso wir so gerne geben
Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

Es gibt verschiedene Wege, um SPD-Chef zu werden. Man kann beispielsweise den ahnungslosen Amtsinhaber auf offener Bühne erdolchen. So hat es Oskar Lafontaine gemacht, als er Rudolf Scharping 1995 unter den Augen eines diebisch grinsenden Gerhard Schröder vor den versammelten Delegierten des Bundesparteitags niedermetzelte. Dass der arme Scharping seinen Brutus danach auch noch lächelnd herzte, nahmen wir damals als Bestätigung dafür, dass er wirklich weg musste.

Andere haben sich in der noblen Pose der verantwortungsvollen Selbstopferung auf dem Thron niedergelassen. So tat es Franz Müntefering gleich zweimal. Machte wirklich Eindruck, jedesmal.

Man kann schließlich auch einfach ruhig seinem Tagwerk nachgehen, bis alle denkbaren Konkurrenten politisch verblichen sind oder sich in den Flügeln der Partei rettungslos verheddert haben. Für diese Route entschied sich Sigmar Gabriel. Seine Geduld wurde belohnt – allerdings sollte er auf der Hut sein.

Die neuen „großen Vier“ der SPD, die sich im Büro von Andrea Nahles nach der krachenden Niederlage verschworen haben, neben Gabriel und Nahles noch Olaf Scholz und Klaus Wowereit, trauen einander nicht für fünf Groschen. Sie sind von der Parteikrise zusammengespült worden wie ein Häufchen Streithammel, das sich nach einer Schiffska­tastrophe unversehens auf einer einsamen Insel wiederfindet und nun irgendwie miteinander zurechtkommen muss, bis auf weiteres zumindest.

Da wären Gabriel und Scholz: 2003 hat Gabriel dafür gesorgt, dass Scholz nur mit demütigenden 52 Prozent als Generalsekretär bestätigt wurde. Sonst geht sowas mit 80 oder 90 Prozent über die Bühne. Seitdem beäugen sich die beiden nur noch über Kimme und Korn, mit dem Finger immer am Abzug.

Oder Nahles und Gabriel: Nahles ist die Linke und will Macht. Gabriel will nur Macht, seine Meinung sortiert er danach, wie es dem Machtgewinn nützt. Den beiden graust derart voreinander, dass sie bis vor kurzem nicht mal eine aktuelle Telefonnummer voneinander hatten, petzt der „Spiegel“.

Dann ist da noch Klaus Wowereit. Der würde auch gern an die SPD-Spitze, ist aber hin- und hergerissen. 2011 hat er in Berlin Landtagswahlen. Er fürchtet, die könnten schiefgehen, wenn er sich auch noch um den SPD-Vorsitz kümmern müsste. Also „mögen hätt’ er schon wollen, aber dürfen hat er sich nicht getraut“, für den Chefposten zu kandidieren. Das verheißt auch nichts Gutes, denn Wowereit wird dauernd missmutig zum Gabriel rüberlinsen und sich grämen, dass eigentlich er da sitzen müsste auf dem Chefsessel, wenn da nicht dieser verflixte Termin in zwei Jahren ... So reifen kleine Enttäuschungen zu höllischem Hass.

Wieder muss man an Scharping denken, wie er da von Schröder und Lafo flankiert zu schicker Musik durch die Wahlwerbefilmchen der SPD 1994 schwebte. „Troika“ nannten die SPD-Kampagnen-Designer die Scheinfreunde. Nur die vermeintliche Hauptperson, Kanzlerkandidat und Parteichef Scharping selbst nämlich, hatte keinen Schimmer, was wirklich gespielt wurde.

Doch Gabriel ist kein Scharping. So einfach lässt der sich nicht vom Sockel schubsen. Als Umweltminister hat er gezeigt, was er kann: ein Meister von Propaganda und Desinformation. Im Kernkraftwerk Krümmel ist in seiner ganzen Amtszeit nichts wesentliches passiert. Dennoch haben die meisten Deutschen heute den festen Eindruck, als handele es sich bei der Anlage um einen strahlenden Schrottplatz, der von betrunkenen Teenagern betrieben wird. Manchmal wundert man sich, dass das nahe Hamburg noch nicht evakuiert wurde.

Ja! Das war Gabriel: Zeitlich perfekt dosiert blies er eine Routinemeldung nach der anderen zum Atomskandal auf, bis alle Fakten komplett dahinter verschwunden waren.

Wir können also voll Optimismus in die Zukunft schauen, die Langeweile liegt hinter uns. Wobei es ja Völker geben soll, die sich nach ein bisschen deutscher Langeweile regelrecht sehnen. Die Griechen schwanken beim Blick auf ihre politische Führungsklasse zwischen Hysterie und Verzweiflung. Gerade haben sie einen Hallodri durch einen anderen ersetzt, obwohl sie eigentlich wissen, dass es mit dem auch nur weiter den Bach runtergehen wird.

Der erste der Griechen heißt jetzt wieder Papandreou. Diesmal ist es nicht der Neffe eines Vorgängers, wie bei Karamanlis, sondern der Sohn. Papandreous Papa gilt als der Vater und Schöpfer des korrupten Sumpfs, in dem das wunderhübsche Land versackt. Bedrückenderweise gilt Familientradition bei den Hellenen noch etwas, weshalb wir sicher sind, dass die Schussfahrt weitergeht.

Dabei ist Lage auch so schon eindrucksvoll marode: Die Weltbank untersucht regelmäßig die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in gut 180 Ländern der Erde und stellt eine Rangliste auf. Griechenland rangiert hier auf Platz 96, zwischen Papua Neuguinea und der Dominikanischen Republik, weit hinter Kronjuwelen der Weltwirtschaft wie Pakistan oder Weißrussland. In den Euro haben sich die Griechen hineingelogen, indem sie phantasievolle Zahlen zu ihrem Haushaltsdefizit vorgelegt haben. Überflüssig zu erwähnen, dass das Land der größte Nettoempfänger von EU-Subventionen ist, deren Löwenanteil die Deutschen berappen.

Nein, nein, wir wollen nicht nörgeln. Erstens schlägt das Karamanlis-Papandreou-Schmie­rentheater selbst die italienische Konkurrenz der sagenhaften Andreotti-Craxi-Ära in den 70-er und 80-er Jahren aus dem Felde. Die griechische Politik ist nicht bloß komisch, sie ist ein Witz, und für gute Unterhaltung lässt der Kunstsinnige schon mal was springen, die Griechentruppe kostet an die elf Milliarden Euro jährlich. So teuer sind uns nicht einmal die Polen, die an Platz zwei der Nettonehmer stehen mit 8,5 Milliarden. Wovon die übrigens nicht recht satt werden: Ein Abgeordneter der polnischen Präsidenten-Partei „Recht und Gerechtigkeit“ hat im Zusammenhang des Lissabon-Vertrags gefordert, Polen möge „aus der EU rausholen, was noch möglich ist“. Also öffnet Eure Herzen und Taschen, Ihr Deutschen!

Spüren sie sie nicht auch, die Magie der großen europäischen Idee? Diese Gemeinschaft, diese Solidarität? Ja, gemeinsam durch Dick und Dünn, so haben wir es uns geschworen: Dick die Rechnungen, dünn ihre Begründung.

Doch, und damit wären wir endlich bei Zweitens, wir geben doch gern. Zum Geben haben wir sogar eine ganze Industrie auf die Beine gestellt, die nach den mo­dernsten Methoden des Marketings funktioniert, wie wir am Beispiel Indonesiens erneut begutachten dürfen.

Selbstverständlich könnte das wirtschaftlich aufstrebende 240-Millionen-Land die Opfer des furchtbaren Erdbebens spielend allein mit Ärzten, Zelten und Nahrungsmitteln versorgen. Aber was würde dann aus dem gigantischen globalen Netzwerk der Hilfsorganisationen, ihren tonnenschweren Verwaltungsapparaten und gut bezahlten Managern, wenn das Schule machte, das mit der Selbsthilfe?

Allein mit dem Geld, das die Armada gecharterter Flugzeuge kostet, in denen die Kohorten der Helfer anreisen, könnte man alle Notzelte bezahlen, behaupten Schweizer Beobachter der Szene. Vor allem dort, wo Presse sei, also wo die werbewirksamen Bilder entstehen, träten sich die Wohltäter auf die Füße. Sichtbarkeit fürs heimische Spendenpublikum sei nämlich besonders wichtig. Zusammengeschnitten mit zu Herzen gehenden Interviews mit Opfern, die Schreckliches durchmachen, manchmal die ganze Familie verloren haben, ergibt sich eine moralische Durchschlagskraft, die jede Skepsis wie Eiseskälte aussehen lässt. Und wer will schon der herzlose Halunke sein?


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