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17.10.09 / Wie in Sowjetzeiten / FSB schüchtert kritischen Historiker ein

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 42-09 vom 17. Oktober 2009

Wie in Sowjetzeiten
FSB schüchtert kritischen Historiker ein

Kreml-kritische Journalisten leben bekanntlich gefährlich in Russlands „gelenkter Demokratie“. Doch auch gegen Forscher schlagen Einsatzkommandos des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB immer öfter zu: Ende September beschlagnahmten sie im Universitätsbüro und in der Privatwohnung des Historikers Michail Suprun in Archangelsk Computer, Dateien und Literatur, kurz: seine gesamten Forschungsergebnisse der letzten Jahre. Der Professor wurde verhaftet, verhört und blieb mit leeren Händen zurück. Die Motive der Behörden sind unklar. Geht es um die „Abschreckung“ kritischer Wissenschaftler oder  soll einmal mehr  die stalinistische Vergangenheit reingewaschen werden?

Der Fall ist brisant, berührt er doch nicht nur die Forschungsfreiheit in einem Mitgliedsland des Europarates, sondern auch die deutsch-russischen Beziehungen. Suprun arbeitete zusammen mit dem Leiter des Informationszentrums der Innenbehörde von Archangelsk seit Jahren im Auftrag des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) an einem Gedenkbuch über die unter der Herrschaft Stalins in den 1940er Jahren massiv verfolgten Russlanddeutschen. Im Norden Russlands, nicht weit von Archangelsk, starben tausende Russlanddeutsche im Gulag, dem System sowjetischer Arbeitslager und Gefängnisse. Das Deutsche Rote Kreuz, der Historische Forschungsverein der Deutschen aus Russland, die örtliche Universität und die lokale Innenbehörde schlossen 2007 einen Vertrag und betrauten Suprun damit, die Forschungen über die russlanddeutschen Opfer zusammenzutragen.

Nun werfen die russischen Behörden Suprun vor, die Persönlichkeitsrechte der Opfer, über die er forschte, verletzt zu haben. Außerdem habe er einen Staatsbeamten dazu angestiftet, ihm die Archive in unzulässiger Weise geöffnet zu haben. Suprun findet die Vorwürfe fadenscheinig und klagt, sein Lebenswerk sei zerstört. Erika Steinbach, menschenrechtspolitische Sprecherin der Unionsfraktion im Bundestag, findet es „absolut inakzeptabel“, das Russland „Stück für Stück die Presse-, Meinungs- und nun auch die Forschungsfreiheit de facto abschafft“.

Es bleibt abzuwarten, ob Berlin den Vorfall zur Sprache bringen oder aus diplomatischer Rück-sicht ignorieren wird. Die Petersburger Organisation der russischen Menschenrechtsorganisation „Memorial“ macht dem verfolgten Wissenschaftler Mut. Auch ihnen waren Dokumente beschlagnahmt worden. Den folgenden Gerichtsprozess gewann „Memorial“.   Jost Vielhaber


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