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17.10.09 / Tochter der Umbrüche / Nobelpreis: Heimatlosigkeit und Sozialismus prägten Herta Müllers Leben und ihre Literatur

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 42-09 vom 17. Oktober 2009

Tochter der Umbrüche
Nobelpreis: Heimatlosigkeit und Sozialismus prägten Herta Müllers Leben und ihre Literatur

Eine Überraschung ist die Entscheidung des Nobelpreiskomitees für die aus Rumänien stammende deutsche Autorin Herta Müller nur auf den ersten Blick. Das stets auf politische Hintergründe bedachte Komitee ehrt mit seinem Votum für 2009 eine Schriftstellerin, die zwei große Themen des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart in ihren Werken nicht nur thematisiert, sondern aus eigener existenzieller Erfahrung schildert: das persönliche Erleben und Erleiden von Diktatur und die genauso individuelle wie kollektive Wahrnehmung von Heimatlosigkeit.

Das Dorf mit dem ungewöhnlichen Namen Nitzkydorf ist ein kleines genauso unbedeutendes wie unbekanntes Nest auf der Landkarte in Westrumänien. Schotterpisten und Gänseherden, die deutsche katholische Kirche in der Dorfmitte und Häuser, von denen der Putz bröckelt, kennzeichnen dieses Dorf im Banater Kreis Temesch. Hier ist die Geburtsheimat der neuen Nobelpreisträgerin. Das dürfte zumindest am Bekanntheitsgrad des Ortes etwas ändern, nicht unbedingt an seiner Bedeutung. Es könnte aber dazu führen, dass in Deutschland neben den Siebenbürger Sachsen auch die Banater Schwaben stärker als eigenständige deutsche Minderheit in Rumänien wahrgenommen werden, auch wenn die meisten in den letzten 30 Jahren ausgewandert sind. 

Es war eine in vieler Hinsicht über Jahrhunderte durchaus geordnete deutsche Welt, in die die Autorin am 17. August 1953 hineingeboren wurde. Die Banater Schwaben dominierten Dörfer wie Nitzkydorf bis weit ins 20. Jahrhundert. Selbst der rumänische Ortsname Nitchidorf erinnert an die deutsche Vergangenheit des Ortes, der 1784 erstmals erwähnt wurde. In diese Ordnung kleiner deutscher Minderheitendörfer fiel die Weltgeschichte mit ihren banalen wie brutalen Fehlentwicklungen ein, mit ihren entscheidenden historischen Einschnitten und Wendepunkten.

Zuerst die NS-Herrschaft in Deutschland, zu deren völkischem Gedankengut viele Deutsche in Rumänien lange eine zu unkritische Affinität entwickelten. Ihre Familiengeschichte spiegelt überhaupt die politische Geschichte: Der Vater diente bei der Waffen-SS und arbeitete später als Lastwagenfahrer, die Mutter wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zu jahrelanger Zwangsarbeit in die UdSSR deportiert, der Großvater als wohlhabender Kaufmann und Bauer von den Kommunisten enteignet. So haben das NS-Regime, die Sowjets und die rumänischen Kommunisten die Familiengeschichte gleichermaßen geprägt.

Doch besonders tiefe Spuren hat bei Herta Müller die selbst erlebte Diktatur hinterlassen: der Kommunismus in Rumänien. Wie ihr früherer Ehemann, der Schriftsteller Richard Wagner, litt sie als Intellektuelle unter den Zwängen eines hirnlosen wie geistfreien Systems und fasst diese Erfahrungen vor allem seit ihrer gemeinsamen Auswanderung in den Westen 1987 in Prosa und Poesie. Gute Literatur spiegelt immer das Leben. Wenn aus existenziellen Lebenserfahrungen Literatur wird, ist das für die Leser besonders spannend. In den Texten von Herta Müller ist das der Fall.

1973 bis 1976 studierte die junge Herta Müller Germanistik und rumänische Literatur an der „Universität des Westens“ in Temeswar. Ab 1976 arbeitete sie als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik, wurde aber 1979 entlassen, weil sie sich weigerte, mit dem Geheimdienst Securitate zusammenzuarbeiten. Ihr erstes Buch „Niederungen“ lag danach vier Jahre beim Verlag und durfte erst 1982 in einer zensierten Form erscheinen.

Messerscharf zeigt Müller die Perfidien und Absurditäten des Systems, aber auch die kollektiven und individuellen Folgen der totalen Niederlage Deutschlands für die Deutschen in Rumänien. In ihrem aktuellen Roman „Atemschaukel“ beschreibt sie die Deportation der Deutschen am Ende des Zweiten Weltkrieges und die Verfolgung Rumäniendeutscher unter Stalin. In „Der Fuchs war damals schon der Jäger“ zeichnet sie Bilder der allgegenwärtigen Bedrohung und der Angst, der Demütigung und der Aussichtslosigkeit in der Spätphase des damaligen Systems nach. In „Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt“ schildert sie den Kampf um die Auswanderung.

Nach der Auswanderung zählt Müller mit Autoren wie Norman Manea und Richard Wagner selbst zur rumänischen Exilliteratur, die sich eben auch sehr beklemmend in der Sprache der deutschen Minderheit äußert. Ihre Werke werden in über zwanzig Sprachen übersetzt. Sie verschafft sich mit ihren doch exklusiven Themen Gehör in der deutschen Literaturlandschaft und weit darüber hinaus und hat schon vor dem Literaturnobelpreis zahlreiche deutsche wie internationale Prämien entgegennehmen können. 

Auch im Exil kommt sie nicht wirklich zur Ruhe. Die Securitate versucht, sie als Kollaborateurin im Westen zu diskreditieren, manche Funktionäre der Landsmannschaften greifen entsprechende Vorwürfe auf. Doch Herta Müller zählt neben Richard Wagner und Eginald Schlattner heute zu den prominentesten Stimmen der rumäniendeutschen Literatur, auch wenn sie jetzt seit langem in Berlin lebt.

Herta Müller sagt in ihrer Literatur mehr über die Motive zur Auswanderung aus einem kommunistischen System und die Flucht nach vorn als manches Sachbuch. Sie bietet literarische Psychogramme der Emigration in die Freiheit und schildert Erfahrungen dieser Grenzüberschreitung, die alles anders aber nicht alles besser werden lässt. Als Grenzgängerin zwischen den Welten wird sie zu einer literarischen Zeugin der Heimatlosigkeit der Moderne, der sie in ihrem Werk besonders nachspürt. Letztlich hat genau dies ihren Nobelpreis möglich gemacht. Sie zeichne „mittels der Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit“, wie es in der Preisbegründung heißt.            Jürgen Henkel

Foto: Repression: Die Zeit unter rumänischen Kommunisten hat Herta Müller geprägt.             


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