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17.10.09 / Seelische Abgründe / Rechtsanwalt von Schirach über spektakuläre Straftaten und die Täter dahinter

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 42-09 vom 17. Oktober 2009

Seelische Abgründe
Rechtsanwalt von Schirach über spektakuläre Straftaten und die Täter dahinter

„Die meisten Leute, die Krimis schreiben, erleben keine Krimis, sondern sitzen in Prenzlauer Berg bei einem Cappuccino und denken sich die Welt aus … Ich hab’ da einfach Glück. Ich hab’ einfach diese Geschichten“, erzählt Ferdinand von Schirach in einem Interview. Und was für Geschichten der prominente Rechtsanwalt – Politbüro-Mitglied Günter Schabowski und BND-Spion Norbert Jurtzko saßen schon in seiner Kanzlei – und Enkel des ehemaligen Reichsjugendführers Baldur von Schirach in seinem Debüt „Verbrechen“ schildert.

Da ist der freundliche pensionierte Zahnarzt, der nach 40 Jahren Ehe seine Frau mit einer Axt erschlägt. Merkwürdige Gestalten vom jungen Mann, der Schafe umbringt und ihnen die Augen aussticht, über den Museumswärter, der fremden Menschen Reißzwecken in die Schuhe steckt, bis hin zum Bankräuber, der sich nicht bereichern will, und der Schwester, die ihren geliebten Bruder in der Badewanne ertränkt. Bei all diesen Verbrechen rückt Schirach jedoch weniger deren Grausamkeit als viel mehr die Beweggründe des Täters in den Vordergrund. Dazu holt der Anwalt seine ehemaligen Mandanten noch einmal literarisch auf die Psychologencouch. Mit unbedingter Loyalität und Empathie forscht er in den seelischen Abgründen seiner Klienten, die aus Eifersucht, Enttäuschung, Rache, Liebe, Verzweiflung und Notwehr handelten.

Der Axtmörder etwa hatte seiner Gattin am Hochzeitstag geschworen, sie nie zu verlassen. Die Ehefrau, eine moderne Xantippe, machte ihm jedoch das Leben mit Beleidigungen und Vorwürfen zur Hölle. Irgendwann rastete er aus und hackte zu. Dank Schirachs Plädoyer kommt der geständige Mann mit drei Jahren im offenen Vollzug davon: „Sein Versprechen war ernsthaft. Es hatte ihn sein ganzes Leben gebunden, mehr noch: Er wurde zum Gefangenen. Der Mann habe sich nicht befreien können, das wäre Verrat gewesen. Die Gewalteruption war das Bersten des Druckbehälters, in den er lebenslang durch seinen Eid eingesperrt war.“

Wie viel Wahrheit und wie viel Fiktion in den geschilderten Fällen steckt, darüber lässt sich nur spekulieren. Schirach unterliegt als Anwalt der Schweigepflicht. Seine gutbürgerlichen Leichenzerstückler, grausam ermordete Drogenhändler, von Skinheads bedrohten Profikiller und Menschenfresser sind als Täter oder Opfer meist so aufsehenerregend, dass ein paar geänderte Namen und Details sie kaum anonymisieren können. Der eigentliche Clou Schirachs sind seine Randbeschreibungen des Rechtsalltags. Bei lauwarmem Filterkaffee aus Maschinen mit eingebrannten Wärmeplatten, Helit-Stifteköchern aus hellgrünem Plastik und rahmenlosen Glashaltern mit selbstfotografierten Sonnenuntergängen an der Wand entsteht vor dem geistigen Auge des Lesers sofort ein typisch deutsches Polizeirevier.

Genauso präzise beschreibt der Autor den Hauptkommissar als „Mann für Geständnisse“, der Erstvernehmungen hasst und den jüngeren Kollegen überlässt, oder den mürrischen Ermittlungsrichter mit Norwegerpulli und zu niedrigem Blutdruck.

Schirachs Kurzgeschichten in klarer, einfacher Prosa sind mal erschreckend brutal, mal abstrus komisch und mal abgrundtief traurig.                 Sophia E. Gerber

Ferdinand von Schirach: „Verbrechen“, Piper Verlag, München 2009, gebunden, 208 Seiten, 16,95 Euro


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