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17.10.09 / Von Bomben und Baggern zerstört / Historische Farbfotografien zeigen Stadtansichten − Wie Genrebilder aus dem 19. Jahrhundert

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 42-09 vom 17. Oktober 2009

Von Bomben und Baggern zerstört
Historische Farbfotografien zeigen Stadtansichten − Wie Genrebilder aus dem 19. Jahrhundert

Ein großformatiger Bildband mit dem Titel „Deutschland in frühen Farbfotografien“ ist im Kölner Komet Verlag erschienen, enthalten sind 380 Farbaufnahmen aus den Jahren 1902 bis 1939 aus dem Gebiet des wiedervereinigten Deutschlands. Die den 16 Bundesländern zugeordneten historischen Farbaufnahmen von hohem dokumentarischem Wert vermitteln in ihrer Gesamtheit ein überraschend anderes, ein opulenteres Bild des von den Kriegszerstörungen noch nicht heimgesuchten Deutschen Reichs als die seinerzeit üblichen, häufig unscharfen Schwarzweißansichten. Selbst unscharfe Farbbilder, die man in dieser Sammlung auch findet, sind ästhetisch reizvoll und komplettieren den Eindruck von einer Lebenswelt, die bald darauf unterging. Bei dieser Auswahl handelt es sich ganz überwiegend um Dokumentationen städtischer Architektur. Neben Ansichten von kunsthistorisch wichtigen Bauwerken in den Großstädten, die bis heute erhalten sind, finden sich Beispiele untergegangener frühneuzeitlicher Bebauung aus Altstädten sowie aus kleinen Ortschaften, darunter verwunschene Winkel und romantische Häuserzeilen an Flussläufen. Einen Gutteil dieser historischen Bebauung gäbe es sicherlich auch ohne die Zerstörungen während des Zweiten Weltkriegs längst nicht mehr. Manches fiel dem Bagger bereits in den 30er Jahren zum Opfer, so die Häuserzeile „Am Krögel“ in Alt-Berlin, die dem Bau der Reichsmünze weichen musste. Gezeigt werden auch eindrucksvolle Ansichten der sorgsam gepflegten großbürgerlichen Häuser in Frankfurt am Alten Markt und am Römerberg von 1939 sowie Ensembles aus anderen, im Krieg fast komplett zerstörten Altstädten, so aus Köln und Leipzig. Die Ruinen der 1944 zerstörten Frankfurter Altstadt sind auf zwei zeitgenössischen Fotos zu sehen; der Anblick ruft Wehmut hervor. Das Ausmaß der Kriegsverluste wird durch diesen opulenten Band nochmals eindringlich vor Augen geführt.

Der Herausgeber Peter Walther konnte aus einem reichen Fundus schöpfen. Er bezieht sich in seinem Vorwort unter anderem auf die Reihe „Deutschland in frühen Farbfotografien“, die 1912 bis 1930 in 13 Bänden bei der „Berliner Verlagsanstalt für Farbenfotografie“ von Carl Weller erschien, des weiteren auf Publikumszeitschriften wie „Westermanns Monatshefte“ und auf die ab 1904 erschienenen Stollwerck-Sammelbildchen, wobei es sich um Farbaufnahmen des deutschen Pioniers der Farbfotografie, Adolf Miethe, handelt. Nicht selten sind es die frühesten Zeugnisse dieser Art von den betreffenden Ortschaften. In der vorliegenden Zusammenstellung werden viele Farbfotografien der Vorkriegszeit erstmals erneut veröffentlicht. Bei der Auswahl wurde darauf verzichtet, die Provenienz der einzelnen Fotos anzuzeigen, da einige immer wieder abgedruckt wurden, so dass die Herkunft in diesen Fällen nicht mehr gesichert ist. Nur der Name des Fotografen wurde jeweils vermerkt. Ein Gutteil der Aufnahmen stammt von Hans Hillenbrand (1870–1957) und Julius Hollos (1888–nach 1943). In der Einführung wird zudem ein Überblick über die Entwicklung der Farbfotografie seit ihren Anfängen in den 1860er Jahren gegeben. Wegen des aufwendigen Dreifarben-Verfahrens wurde die Technik bis zur Einführung der massentauglichen Diafarbfilme, die ab 1936 als Kodachrome beziehungsweise Agfacolor erhältlich waren, nur selten eingesetzt.

Nicht Vieles ist den Fotografen seinerzeit zufällig ins Bild geraten, was auf die Konzeption der Auftraggeber zurückzuführen ist. Auch die wenigen Landschaftsfotos zeigen unberührte oder in unberührten Ausschnitten gezeigte Natur. Dazu Peter Walther: „Auf den frühen Bildern ist kaum einmal ein rauchender Schornstein, ein Bahnhof oder eine Elektroleitung zu sehen – die Aufnahmen wirken wie Genrebilder aus dem 19. Jahrhundert. Festgehalten werden sollte das ‚Überzeitliche‘, ein gültiges Abbild von Land und Leuten. Sicher geht man nicht fehl, diese Romantisierung als Reflex auf die industrielle Umgestaltung der Lebenswelt in der Gründerzeit zu sehen.“ So gesehen wurde Deutschland vor 60 oder 100 Jahren als „musealer Schauplatz“ abgelichtet, was jedoch den ganz eigenen Reiz dieser Bilder ausmacht.              Dagmar Jestrzemski

Peter Walther (Hrsg.): „Deutschland in frühen Farbfotografien“, Komet Verlag GmbH, Köln 2009, geb., 224 Seiten, 380 authentische Farbfotografien, 14,95 Euro


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