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05.12.09 / Die DDR in mildem Licht / Die Deutschen in Ost und West rücken emotional zusammen – doch die DDR wird verharmlost

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 49-08 vom 05. Dezember 2009

Die DDR in mildem Licht
Die Deutschen in Ost und West rücken emotional zusammen – doch die DDR wird verharmlost

Mit Feierstunden und Dokumentationen wurde des Mauerfalls vor 20 Jahren gedacht. Das hat zumindest eines bewirkt: Die Verklärung der DDR scheint gebremst. Dennoch zeigt eine neue Umfrage, wie viele junge Menschen im Osten des Landes über die Verhältnisse in der DDR nicht Bescheid wissen oder die Verhältnisse für „erträglich“ hielten. Auch die Linkspartei ist in dieser Frage zerstritten.

Der 20. Jahrestag des Mauerfalls hat die Menschen enorm bewegt: 44 Prozent der Westdeutschen bekannten in einer Allensbach-Umfrage, dass ihnen in den letzten Wochen wieder die Tränen gekommen seien. Die Atmosphäre aus den letzten Tagen der untergehenden DDR, der plötzliche Fall der Mauer und des SED-Regimes wühlen auch heute noch auf.

Trotz mancher Kritik am Prozess der Vereinigung antworteten in den letzten 20 Jahren stets Mehrheiten von 60 oder gar 70 Prozent mit Zustimmung und Freude. Die Skeptiker waren mit 15 bis 18 Prozent immer in der Minderheit. 68 Prozent der Bürger im Westen und immerhin 51 Prozent im Osten sind überzeugt, dass das Zusammenwachsen Deutschlands schließlich gelingen wird. Nur 20 Prozent im Westen und 34 Prozent im Osten widersprechen dieser optimistischen Sicht. Die vielzitierte „Mauer in den Köpfen“ spielt laut Umfragen keine allzu große Rolle mehr. Genauso verhält es sich mit der Frage, ob sich die ehemaligen „DDR-Bürger“ als Menschen zweiter Klasse fühlen würden. Das behaupten heute nur noch 35 Prozent, im Jahr 2002 waren es noch 57 Prozent.

Große Unterschiede zwischen Ost und West gibt es bei der Bewertung der DDR-Vergangenheit. Die Links-Partei von Thüringen zeigte sich auf ihrem Parteitag am letzten Wochenende in dieser Frage zerstritten. Ihr Fraktionschef im Landtag, Bodo Ramelow, äußerte sich erbost, als einige Redner bestritten, dass die DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei. Verärgert reagierte der aus dem Westen stammende Ramelow auch, als ein Delegierter die Stadt Chemnitz weiterhin stur „Karl-Marx-Stadt“ nannte. Unter verhaltenem Beifall sagte er, wenn es Karl-Marx-Stadt noch gäbe, dann stünde er heute nicht hier. Die DDR sei kein Rechtsstaat gewesen, die Bürger hätten sich nicht gegen die Überwachung durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) zur Wehr setzen können, wie er sich im Westen gegen die Überwachung durch den Verfassungsschutz habe wehren können. Auch habe es keine Trennung von Macht und Recht gegeben.

Dieser Sicht widersprachen andere prominente Parteivertreter. Ina Leukefeld, zu SED-Zeiten Zuträgerin der politischen Kriminalpolizei und heute stellvertretende Landesparteivorsitzende, erklärte, sie wolle die DDR keinen Unrechtsstaat nennen. Denn dies ziele auf die „Delegitimierung“ der DDR und führe zur Diskriminierung von 17 Millionen Menschen. Unter lautem Beifall bekannte auch der Erfurter Delegierte Hendrik Volkert, „die DDR ist ein Teil von mir und wird es bleiben“. Es habe Unrecht in der DDR gegeben, aber auch in anderen Staaten wie der Bundesrepublik. Man habe schließlich auch in der DDR eine Verfassung und ein Parlament gehabt, das vom Volk gewollt gewesen sei.

Diese Parteitagsdiskussion der Linken ist zwar sicher nicht repräsentativ, sie findet aber in der erwähnten Umfrage eine Konkretisierung und Differenzierung. Während 75 Prozent der Westdeutschen überzeugt sind, dass die DDR kein Rechtsstaat gewesen sei, so würden dieser Feststellung nur 37 Prozent der ehemaligen DDR-Bewohner zustimmen. Das Gegenteil behaupten nur 13 Prozent der Gesamtbevölkerung. Erschreckend ist aber hier die Zahl der Unentschiedenen bei den unter 30-Jährigen. Im Westen wissen 19 Prozent der jungen Leute und im Osten 66 Prozent der Menschen bis 30 nicht, ob sie die DDR für einen Unrechtsstaat halten sollen oder nicht. Das weist auf elementare Defizite in der Schulbildung hin. Besonders die ehemals regimetreuen Lehrer in den neuen Bundesländern dürften für diese Misere verantwortlich sein.

Je weiter die DDR zeitlich in die Ferne rückt, desto milder beurteilen die Menschen die Verhältnisse. Waren 1990 noch 72 Prozent der Meinung, dass sich im sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat „vieles“ hätte ändern müssen, so würden das heute im Rück­blick nur noch 45 Prozent sagen. Allerdings nahm die Zahl derer, die die Verhältnisse in der DDR „erträglich“ fanden, von 2001 bis 2009 von 42 auf 23 Prozent ab. So scheint einige Aufklärungsarbeit doch Früchte getragen zu haben.

Die Hoffnung Willy Brandts, dass „zusammenwächst, was zusammengehört“, scheint sich auf Grund dieser neuen Umfrage zu bestätigen. Während 1995 immerhin 48 Prozent der Menschen meinten, Ost und West würden einander „fern“ stehen, und nur 15 Prozent eine „Nähe“ erkennen konnten, hat sich dieses Bild bis 2009 aufgehellt. Heute fühlen sich 25 Prozent der Menschen in Ost und West miteinander verbunden, nur noch 37 Prozent diagnostizieren einen Abstand.

20 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer besteht also Hoffnung. Aufklärungsarbeit und Dokumentationen über die Vergangenheit, Besuche in Ost und West haben Früchte getragen. Fanden vor einiger Zeit nur 37 Prozent, man habe sich in der DDR „unfrei und gefangen gefühlt“, so sind es heute immerhin 57 Prozent.             H. E. Bues

Foto: Verklärende Erinnerung: Szenen wie jene aus dem DDR-Schulalltag der späten 70er Jahre lassen positive Gefühle aufkommen, doch sie blenden aus, dass die Kinder damals ideologisch zum sozialistischen Menschen erzogen werden sollten.


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