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05.12.09 / Antiquariate statt Gifte / Vorort von Bitterfeld wurde zum ersten deutschen Buchdorf

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 49-08 vom 05. Dezember 2009

Antiquariate statt Gifte
Vorort von Bitterfeld wurde zum ersten deutschen Buchdorf

Wer den Ortsnamen Bitterfeld erwähnte, erntete in der DDR stets Mitleid und Hohn. Mitleid ob des Daseins in diesem Chemie-Schwerpunkt, wo die Löhne zwar höher, die Lebenserwartung aber deutlich niedriger war. Und Hohn wegen der „literarischen“ Experimente, welche die SED um „Brigadetagebücher“ sowie „Dorfchroniken“ startete und 1959 aller Welt als „Bitterfelder Weg“ andrehte.

Die Wende 1989 erlöste Bitterfeld von Giftschwaden und Deppengeschreibsel und gab ihm literarisches Prestige. Der Vorort Mühlbeck-Friedersdorf klinkte sich als „erstes Deutsches Buchdorf“ in die Reihe der 22 „Book Towns“ in Europa ein. Richard Booth eröffnete 1961 im walisischen Hay-on-Wye das erste, weitere folgten in Belgien, den Niederlanden, die alle demselben Erfolgsgeheimnis gehorchen: Eröffne in einem kulturfernen Kaff möglichst viele Antiquariate und warte gelassen ab, bis dir Mundpropaganda Käufer vor deine Regale treibt.

Wie an Mühlbeck-Friedersdorf zu demonstrieren. Seele des Dorfs ist die Kölnerin Heidi Dehne, die mit einem Fähnlein von sieben Aufrechten 1997 startete – mit wenigen Büchern, rasch aus ganz Deutschland zusammengekarrt. Heute haben 13 Antiquariate eine runde Million Bücher „im Zugriff“, eine weitere wartet in Magazinen auf Einsatz und Umsatz. Die früher aus benachbarten Universitätsstädten – Magdeburg, Leipzig und Halle – erhofften Leser sind längst Stammkunden, auch international spricht sich das Dorf herum: Zum Zehnjährigen kam 2007 aus Südvietnam ein Germanist samt Assistenten. Weitere Weltkontakte hat vor einigen Jahren eine Magisterarbeit dokumentiert: Trend ansteigend!

Mühlbeck-Friedersdorf bietet einen einmaligen Buchmix – besonders gefragt Kinder- und Lehrbücher aus der DDR – und genießt behördliches Wohlwollen: Wer Arbeitsplätze und Einkünfte sichert, dem erlaubt die Landesregierung Sachsen-Anhalt auch Ladenöffnung an Sonn- und Feiertagen. Und wer bei Bitterfeld erfolgreiche Dorfverschönerung betreibt, den lädt das Bundeslandwirtschaftsministerium für Januar 2010 zur Grünen Woche.

Die Bitterfelder Vorstädtler werden noch lange „erstes Deutsches Buchdorf“ bleiben – weil niemand den Mut zum zweiten hat. Vor Jahren wurde versucht, in Wünsdorf, der ehemaligen Zentrale der sowjetischen Besatzungstruppen, eine „Buchstadt“ aufzulegen, aber daraus wurde nicht viel. Also bleiben die Mühlbeck-Friedersdorfer das unerreichte Original, welchen Rang sie mit menschlichen Preisen und originellen Ideen verteidigen: Aus Scheunen werden kuschelige Lese-Cafés – zu „Schnapszahl-Daten“ (1.1.,2.2.) öffnet das „Schaufenster“, durch das Autoren Eigenlob verkünden dürfen. Der Verfasser dieser Zeilen erinnert sich, am 11. 11. 2004 sein Buch über Kriege in Makedonien im Buchdorf vorgestellt zu haben – mit schönstem Verkaufserfolg danach.  Wolf Oschlies


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