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05.12.09 / Schlesien: Schulen sind wichtiger als Straßen / Der Vorsitzende der Deutschen Minderheit Norbert Rasch sucht nach den Ursachen für den Identitätsverlust

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 49-08 vom 05. Dezember 2009

Schlesien: Schulen sind wichtiger als Straßen
Der Vorsitzende der Deutschen Minderheit Norbert Rasch sucht nach den Ursachen für den Identitätsverlust

Norbert Rasch, der Vorsitzende der Deutschen Minderheit in Oberschlesien, hat sich bei verschiedenen Besuchen in der Bundesrepublik Deutschland zur Lage der Deutschen in Schlesien geäußert. Die PAZ fasst die wichtigsten Punkte zusammen.

Der 37-Jährige leitet erst seit gut einem Jahr die Geschicke der „Sozialkulturellen Gesellschaft der Deutschen“ (SKGD) im Oppelner Schlesien, die über 90 Prozent der Mitglieder der Deutschen in Polen stellt. Rasch wörtlich: „Um unsere deutsche Identität in dieser Region wiederherzustellen, braucht man nicht nur Monate oder Jahre, sondern Jahrzehnte. Wir sind durch die Nachkriegsgeschichte unserer Identität beraubt, aber wir sind auch nicht ohne Schuld am weiteren Identitätsverlust, denn seit Beginn der 90er Jahre hat die Entstehung eigener Schulen und die Entwicklung eines deutschen Selbstbewusstseins niemand mehr verboten. Die Frage war zunächst: Setzen wir uns stärker für Infrastruktur oder für Kultur ein? Man hat sich vor 20 Jahren leider vornehmlich für den Aufbau der Infrastruktur entschieden.“

Bei der Volkszählung 2002 bekannten sich immerhin 150000 Oberschlesier als Deutsche, wobei Rasch von bis zu 400000 Deutschen ausgeht. 45000 seien in der Woiwodschaft Oppeln zahlende Mitglieder. Hierbei werden Minderjährige nicht mitgerechnet. 320 örtliche Gruppen seien auf 40 Gemeinden verteilt, von denen viele von deutschen Bürgermeistern regiert werden.

Als wichtigstes rechtliches Dokument nannte Rasch das Gesetz über nationale und ethnische Minderheiten, das 2005 nach über zehnjähriger Vorbereitungszeit verabschiedet worden ist. Dies entspreche europäischen Standards, während in der Praxis eher mentale Hürden im Wege stehen. Das Gesetz habe so zum Beispiel die Einführung des Deutschen als Schriftsprache in entsprechend bewohnten Gemeinden ermöglicht. In der Praxis sei jedoch die Ausstellung zweisprachiger Dokumente unzulässig, was den hehren Grundsatz konterkariert. Hinsichtlich zweisprachiger Ortsschilder sieht Rasch den Grundsatz in dubio pro minoritas (im Zweifel für die Minderheit) oft nicht angewendet. So habe es eine Auseinandersetzung mit dem Generaldirektor für Landstraßen gegeben, der Ortswegweiser in Unkenntnis oder in Ignoranz der Minderheitssonderrechte demontieren ließ. Problematisch sei weiterhin die Verwendung eiserner Kreuze bei Gefallenendenkmälern, die in Polen einzig mit der Wehrmacht in Verbindung gebracht werden. Ohnehin werde die Geschichte in Schlesien oft als politisches Instrument benutzt. Beispielsweise werden die polnischen Aufstände in Schlesien am Ende des Ersten Weltkrieges als Ereignis betrachtet, das zur Befreiung Schlesiens von den Deutschen geführt habe. „Wir aber“, so Rasch, „sehen in ihnen eine Tragödie für die Schlesier, die in der schlesischen Gesellschaft und Geographie eine tiefe Wunde hinterlassen hat.“ Die öffentliche Wahrnehmung der Deutschen werde auch durch vielerorts mangelnde deutsche Gottesdienste beeinträchtigt. Dass der Stand nicht noch schlechter ist, sei nur dem günstigen Einfluss des bisherigen Oppelner Bischofs Alfons Nossol zu verdanken.

Einen nachhaltigen Eindruck konnte Rasch vom hohen Niveau der Fernseh- und Rundfunkredaktion liefern, deren zweisprachige Beiträge auf der Homepage der Produktionsgesellschaft Pro Futura unter www.pro-futura.com.pl/de/index.html wöchentlich abgerufen werden können. Daneben runde die Wochenzeitung „Schlesisches Wochenblatt“ die Medien der Minderheit ab. Interessierte können daneben kostenlos einen Newsletter auf der Homepage der Sozialkulturellen Gesellschaft der Deutschen anfordern. Allerdings bemängelt Rasch den erschwerten Zugang der Deutschen zu öffentlichen Medien. Die Sendezeiten fielen auf ungünstige Tageszeiten und seien in Anbetracht der Größe der Minderheit viel zu kurz.

Ein weiterer Kern der Tätigkeit liege in der Entwicklung des Bildungssystems. Deutsch als Minderheitensprache hätten 2008 zirka 27000 Schüler in Kindergärten, Grundschulen und Gymnasien genossen, was 25 Prozent der deutschen Gesamtschülerzahl entspreche. Der Deutschunterricht realisiere sich in Form von nur drei zusätzlichen Stunden und der durchgängige Besuch vom deutschen Kindergarten bis zum deutschen Gymnasium sei nach wie vor nicht möglich. Polen unterstütze in der Theorie die Erhaltung der Identität, Sprache und Geschichte von Minderheiten nur unter der falschen Voraussetzung, dass Kinder die Sprache schon zu Hause lernten und in der Schule ihre Kenntnisse nur noch erweitern sollten. Auf die Deutschen treffe dies jedoch nicht zu, da zunächst die Wiederherstellung der deutschen Sprache infolge ihres Verbotes bis 1989 Gebot sei. Ähnlich wie in Dänemark, Ungarn, Rumänien oder Litauen seien echte bilinguale Schulen vonnöten. In erster Linie seien jedoch die Familien gefordert, denn die noch deutschsprachige Großelterngeneration könne heute noch Einfluss nehmen. Hinderlich seien der Boom des Englischen, Mangel an qualifizierten Lehrern sowie die Tatsache, dass Bücher aus der Bundesrepublik Deutschland nicht zugelassen sind.       PAZ


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