23.04.2024

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09.01.10 / Eine andere Welt

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 01-10 vom 09. Januar 2010

Eine andere Welt
von Harald Fourier

Am Sonnabend war ich auf der Kaffeetafel für meinen alten Religionslehrer. Pater Franz Glorius war 30 Jahre lang am Canisius Kolleg, sein Name ist dort Legende. Schüler, Lehrer, Kollegen – sie alle verehrten oder respektierten ihn wie keinen anderen. Jetzt lebt er in einem katholischen Seniorenheim, wo er seinen 75. Geburtstag feierte.

Wie so oft, wenn ältere Herrschaften zusammenkommen, kreisten die Gespräche um die Vergangenheit. So berichtete Pater Glorius, wie er als zehnjähriger Hitlerjunge im April 1945 noch in die Schlacht um Berlin geschickt worden ist. In der Wilhelmstraße schossen er und ein Freund mit Panzer­fäusten auf Sowjetpanzer und entkamen später mit mehr Glück als Verstand dem Inferno des Straßenkampfes.

Für uns Jüngere klingen solche Geschichten wie Horror-Märchen aus einer anderen Welt. Aber es ist gar nicht solange her. Es gibt landauf, landab überall noch Großeltern, die ihren Enkeln oder Urenkeln diese Dinge aus erster Hand erzählen können.

Franz Glorius setzte seine Rede fort und berichtete vom Schulalltag nach Kriegsende. Die Klassenzimmer unbeheizt. Die Lehrer, alles Jesuitenpater, hatten bestenfalls eine Scheibe Brot zum Frühstück. Bücher gab es keine. Hefte auch nicht. „Irgendwann haben wir in der verlassenen japanischen Botschaft nebenan eine Kiste mit japanischem Papier gefunden, daraus machten wir uns provisorische Hefte.“ Not macht erfinderisch.

Meine Gedanken wichen langsam ab in die Gegenwart. Das erste politische Thema in Berlin im neuen Jahr war die Schaffung von 1400 neuen Stellen für Erzieher in Berliner Kindergärten. Die beiden zuständigen Senatoren wollen Handwerker und andere Seiten­einsteiger zum Berufswechsel bewegen, weil angeblich das dringend benötigte Personal fehlt. Und natürlich werden solche Vorschläge immerzu garniert mit der Forderung nach mehr „Geld für Bildung“, eine Allgemeinfloskel, die heutzutage in jede Politikerrede zu gehören scheint.

Muss das wirklich sein? Sind die heute 70- und 80-Jährigen dumm aufgewachsen, weil die Umstände ihrer Schulzeit so traurig waren? Nein. Nach dem Krieg haben die Kinder in den Schulen trotz miserabler Umstände offensichtlich mehr gelernt als heute. Es gab weniger Leistungsverweigerer, weniger Tunichtgute, mehr Verantwortungsbewusstsein als heute. Ich will nicht alle heutigen Jugendlichen über einen Kamm scheren. Aber gerade viele türkische und arabische Schüler (doch nicht nur sie), die die einmalige Chance haben, sich etwas aufzubauen, was ihnen in ihren Herkunftsländern in der Regel unmöglich wäre, lassen es an Fleiß und Strebsamkeit vermissen. Das beweisen alle Statistiken. Von der Generation Wirtschaftswunder könnten wir alle heute noch einiges lernen.


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