16.04.2024

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09.01.10 / »Verschwörungstheorie« als Totschlagargument

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 01-10 vom 09. Januar 2010

Moment mal!
»Verschwörungstheorie« als Totschlagargument
von Klaus Rainer Röhl

Verschwörungstheorie. Was ist das eigentlich? Den Begriff las ich im Zusammenhang mit meiner Person zum ersten Mal 2002. Damals war mein Buch über die Vertreibung von 15 Millionen Deutschen aus ihrer ostdeutschen Heimat und die systematische Zerstörung der Wohnviertel aller deutschen Großstädte durch die alliierten Bomber mit bis zu 600000 toten Zivilisten erschienen. Auch die Torpedierung der „Wilhelm Gustloff“ mit 10000 Flüchtlingen an Bord nannte ich ein Kriegsverbrechen. „Verbotene Trauer“ hieß das Buch. Mit einem Vorwort von Erika Steinbach. (Wie ich erfahre, soll das Buch noch einmal aufgelegt werden, weil die Nachfrage immer noch anhält.)

Nahezu zeitgleich war die Novelle „Im Krebsgang“ meines Mitschülers aus Danzig, Günter Grass, über die Vertreibung der Deutschen und den Untergang der „Wilhelm Gustloff“ erschienen, der ebenfalls die Verbrechen an Deutschen schilderte, jedoch nicht ohne die üblichen „Warnhinweise“ (Deutsche selber schuld, wegen Hitler) und – wohl auch deshalb von der Presse und den übrigen Medien – massenhaft diskutiert und gelobt wurde. Umso mehr freute ich mich, dass in der renommierten „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ („FAZ“) eine zweispaltige Besprechung meines Buches von dem bekannten Buchkritiker Jochen Staadt veröffentlicht wurde. Doch es war leider keine Auseinandersetzung mit meinem Buch, sondern eine bloße Beschimpfung. Der Autor sei ein „Verschwörungstheoretiker“! Auch der Titel klang sehr absurd: „Ein Feind Amerikas“. Worin bestand meine Verschwörungstheorie? Mit den Worten der „FAZ“: „Demnach entstand nach 1968 ein linkes Gesinnungskartell, das die Meinungsführerschaft in Rundfunk und Fernsehen, Zeitungen, Zeitschriften und Buchverlagen errungen hat und die deutsche Geschichte aus dem Blickwinkel der Frankfurter Schule zur Vorgeschichte des Holocaust umdeutet.“ Fein beobachtet. Das war auf den Punkt gebracht meine Meinung. Aber wo war die Verschwörung?

Ich überlegte, wo ich den Begriff Verschwörung zum ersten Mal gehört hatte. In meiner Jugend, in der NS-Zeit, war öfter die Rede von einer Weltverschwörung der Freimaurer, der Juden und – des Bolschewismus. Das mit den Juden und den Freimauern klingt wirklich sehr abenteuerlich. Aber der Kommunismus? Den gab es ja tatsächlich, und er wollte ja tatsächlich die Welt erobern und machte keinen Hehl daraus, wurde aber im Zweiten Weltkrieg so geschwächt, und dann, im Wettbewerb der Systeme, so angeschlagen, dass er im Jahr 1989 buchstäblich in Konkurs ging und aufgeben musste. Es war keine Verschwörung des Westens dazu nötig, sondern es war einfach das Volk, das handelte – und der richtige Zeitpunkt, in Leipzig, in Warschau oder Prag. Aber für die deutschen Stalinisten ist es bis heute eine Verschwörung der US-Hochfinanz, durchgeführt von der CIA, unter Beihilfe von Gorbatschow. Auch eine Verschwörungstheorie.

Im Westen aber avancierte das Wort „Verschwörungstheorie“ in den 90er Jahren zu einem Totschlagwort der politischen Korrektheit. „Verschwörungstheoretiker“ ersetzten die früheren Schimpfworte „Ewig Gestrige“ (Anhänger Hitlers) und „Revanchisten“ (Vertriebenenpolitiker) und „Geschichtsrevisionisten“ (Wissenschaftler, die die offiziellen Dogmen über den Zweiten Weltkrieg kritisch untersuchen.) Mit dem Vorwurf, sie verträten eine Verschwörungstheorie, sollen Kritiker aus der öffentlichen Diskussion ausgeschlossen werden. Doch die Waffen der politischen Korrektheit sind stumpf geworden. Langsam dringt das Wort „Verschwörungstheorie“ schon in das politische Kabarett ein.

Vor ein paar Wochen war ich in Bielefeld auf einer Tagung über den Terrorismus. Die „Bielefelder Ideenwerkstatt“, eine studentische Initiative, hatte Referenten mit verschiedenen Lebensschicksalen eingeladen. Ex-Terroristen der RAF, Rechtsterroristen im geheimen Auftrag des Stasi, Opfer der RAF, einen Palästinenser. Alle hätte man Verschwörungstheoretiker nennen können. Die nahmen das locker. „Wir sind alle Verschwörungstheoretiker“, sagten sie ungerührt. Was sie aber über seltsame Vorgänge in Staat und Justiz herausgefunden hatten, war unglaublich. Mein Mit-Referent Michael Buback, Sohn des von der RAF ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback, berichtete, er habe in jahrelangen Recherchen herausgefunden, dass die Hauptbeteiligte an der heimtückischen Ermordung seines Vaters, Verena Becker, vom Verfassungsschutz bezahlt, gedeckt, wegen eines anderen Mordes außerordentlich milde verurteilt und vorzeitig entlassen worden sei. Erst im Oktober wurde durch eine neue Methode der Genanalyse ihre unmittelbare Beteiligung bekannt und sie verhaftet (seit Weihnachten ist sie wieder auf freiem Fuß). Warum, fragt Buback. War es nur Schlamperei oder Absicht? Wo etwas unklar ist, müssen Antworten gegeben werden. Wenn nicht, dann entstehen Verschwörungstheorien über geheimnisvolle Verschwörungen und Hintermänner. Da gibt es einige, die sogar die Mondlandung in Frage stellen, weil niemand von ihnen dabei war und es nur Filme und Bilder davon gibt. Andere glauben fest daran, dass das HIV-Virus (Aids) planmäßig oder fahrlässig bei Experimenten entdeckt und dann von den Amerikanern systematisch verbreitet wurde. Das Gleiche gilt für die verschiedenen Grippe-Seuchen, die in regelmäßigen Abständen auftauchen. Viele Menschen hatten und haben Zweifel an dem Verlauf des tödlichen Unfalls des Rechtspolitikers Jörg Haider und stellen Fragen zu dem unerwarteten Fallschirmabsturz von Möllemann, des langjährigen Mitkämpfers und Mitregenten von Guido Westerwelle. Fragen nach dem rätselhaften Selbstmord von Uwe Barschel. Sie alle werden von den Medien als Verschwörungstheoretiker gebrandmarkt und von der öffentlichen Diskussion ausgeschlossen.

Für Verschwörungstheorien im Allgemeinen spricht, dass vieles, was man nie für möglich gehalten hätte, später in einem ganz anderen Licht erschien. Stellen wir uns vor, was geschehen wäre, wenn einer 1967 nach der Erschießung von Benno Ohnesorg öffentlich behauptet hätte, dass der Todesschütze ein besoldeter Mitarbeiter der Stasi sei. Und also der Auslöser der 68er Bewegung und des Terrors von der DDR gesteuert war. Wer hat mich 1976 nicht für verrückt erklärt, als ich in meiner Zeitschrift „dasda avanti“ den Artikel „Die deutsche Wiedervereinigung kommt bestimmt“ von Ulrich Venohr druckte? Bis Herbst 1989 glaubte man lieber dem Wort Erich Honeckers: „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf!“ Noch 1989 bezeichnete Egon Bahr den Gedanken an die deutsche Wiedervereinigung als „Quatsch!“.

Doch Vorsicht. Das soll nicht heißen, dass alles, was als Verschwörungstheorie bezeichnet wird, seriös ist. Vieles ist natürlich auch Spinnerei oder einfach Gegenpropaganda.

Den Vogel schoss ein Teilnehmer der Bielefelder Tagung ab, ein Israeli mit palästinensischem Pass (– oder umgekehrt, seinen Namen wird die Zeitgeschichte vergessen). Der behauptete, es gäbe gar keine islamistischen Terroristen. Alles sei nur westliche Propaganda. Das musste sich ein Opfer der RAF, die ohne die Unterstützung der Palästinenser gar nicht ihre Mordarbeit hätten aufnehmen können, der selbst mit dem Tod bedroht wurde wie ich, nicht sagen lassen. Ich war zwar nicht auf dem Mond, aber die RAF gab es, verbündet mit den Palästinensern. Das war zu viel, für die meisten der Zuhörer glücklicherweise auch.


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