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09.01.10 / Vertriebenenpolitik der SED / Neue, vom Bund geförderte Studie mit Schwerpunkt auf den 50er und 60er Jahren

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 01-10 vom 09. Januar 2010

Vertriebenenpolitik der SED
Neue, vom Bund geförderte Studie mit Schwerpunkt auf den 50er und 60er Jahren

In der DDR war das Thema Flucht und Vertreibung aus politischen Gründen mit einem Tabu behaftet. Erst seit den 90er Jahren konnten unabhängige historische Forschungen über die Situation der Flüchtlinge und Vertriebenen in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und über die Vertriebenenpolitik der DDR durchgeführt werden. Da die Aufarbeitung bisher vorwiegend auf den Zeitraum von 1945 bis Mitte der 50er Jahre beschränkt blieb, hat die Historikerin Heike Amos, Jahrgang 1960, in ihrer Studie „Die Vertriebenenpolitik der SED 1949 bis 1989“ den Forschungsschwerpunkt auf die Vorgänge in den späteren 50er und in den 60er Jahren gelegt. Angesichts der Fülle des von ihr ausgewerteten Quellenmaterials steht zu vermuten, dass die auf zwei Jahre, von 2005 bis 2007, beschränkte Förderung dieses Vorhabens seitens der Bundesregierung nicht ausgereicht hat, um auch die Entwick­lung in den 70er und 80er Jahren ähnlich umfassend zu untersuchen. Allerdings führte die DDR ihre Revanchismus-Kampagne gegen die Vertriebenenverbände der Bundesrepublik und die angebliche westdeutsche „Revanche-Politik“ zuletzt zurückhaltender. Diese Entwicklung dürfte vor allem auf die de facto staatliche Anerkennung der DDR zu Zeiten der sogenannten Entspannungspolitik zurückzuführen sein.

In der Sowjetischen Besatzungszone wurden seit Ende des Zweiten Weltkriegs bis zu vier Millionen Flüchtlinge, Vertriebene und Zwangsumgesiedelte aus den Ostgebieten des Deutschen Reichs, dem Sudetenland und einigen Staaten Ostmitteleuropas aufgenommen, in den westdeutschen Besatzungszonen waren es mehr als doppelt so viele. Zur Bewältigung der Integration der „Umsiedler“, wie die offizielle Bezeichnung sehr bald lautete, wurde in der DDR in Verbindung mit dem gesellschaftlichen Wiederaufbau ein grundsätzlich anderes Modell als in der Bundesrepublik Deutschland entwickelt. Der Umgang des SED-Staates mit seinen „Umsiedlern“ beziehungsweise „Neubürgern“ war in erster Linie von politischer Rück­sichtnahme gegenüber der Sowjetunion, Polen und der Tschechoslowakei, in zweiter Linie von der wirtschaftlichen Not der Nachkriegsjahre bestimmt. Der hohe Arbeitskräftebedarf war daher der wichtigste Faktor der Vertriebenenintegration. Eine allen Betroffenen zugute kommende Entschädigung entsprechend dem bundesdeutschen Lastenausgleich gab es nicht. Bereits 1952/53 läutete die DDR-Regierung das Ende einer besonderen SED-Vertriebenenpolitik ein, indem sie die „Umsiedler-Frage“ für gelöst erklärte. Zumal die Anerkennung der „Oder-Neiße-Friedensgrenze“, die jährlich durch organisierte Kundgebungen im Juli bekräftigt wurde, im Gegensatz zur westdeutschen Haltung fester Bestandteil der DDR-Politik war, blieben landsmannschaftliche Zusam­men­schlüsse rigoros verboten. Der Anspruch „Recht auf die Heimat“ konnte im mitteldeutschen Staat niemals öffentlich zum Ausdruck gebracht werden. Dennoch fanden geheim organisierte Zusammenkünfte statt wie etwa die jährlichen „Umsiedler-Treffen“ von Sudetendeutschen im Leipziger Zoo sonntags nach Pfingsten. Heike Amos ist insbesondere der Frage nachgegangen, wie sich unter diesem Gesichtspunkt die bilateralen Beziehungen der DDR mit Polen und der CSSR gestalteten. Gleichzeitig hat sie die Situation der deutschen Volksgruppen in den östlichen Nachbarstaaten der DDR beleuchtet.

Ab Ende 1950 unterblieb die statistische Erfassung der Vertriebenen in der DDR. 1955 aber veranlasste das Ministerium für Staatssicherheit erneut eine Vertriebenen-Statistik in den fünf Länderdienststellen und bezog gleichzeitig durch Informanten aus „Umsiedlerkreisen“ Auskünfte über die Stimmung unter den Vertriebenen. Man war besorgt über die starke Abwanderung der „Neubürger“ in den Westteil Deutschlands. 750000 bis 900000 Vertriebene und Flüchtlinge verließen bis zum Bau der Mauer die DDR. 1950 gehörte jeder vierte, 1961 noch jeder fünfte DDR-Bewohner zu dieser Gruppe. Geschätzt wird, dass bei Ende der DDR 4,35 Millionen Bewohner des Staates Vertriebene oder deren Abkömmlinge waren. D. Jestrzemski

Heike Amos: „Die Vertriebenenpolitik der SED 1949 bis 1989“, Schriftenreihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Sondernummer. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte (München – Berlin) herausgegeben von Helmut Altrichter, Horst Möller, Hans-Peter Schwarz, Andreas Wirsching, R. Oldenbourg Verlag, München 2009, kartoniert, 298 Seiten, 44,80 Euro


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