16.04.2024

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09.01.10 / Die ostpreußische Familie / Leser helfen Lesern

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 01-10 vom 09. Januar 2010

Die ostpreußische Familie
Leser helfen Lesern
von Ruth Geede

Lewe Landslied,

liebe Familienfreunde,

das alte Jahr hat sich zur Ruhe gelegt, das neue hat uns schon fest im Griff. Denn wie geendet, so begonnen: mit schnellen und schönen Erfolgen für unsere Ostpreußische Familie. Wie schnell, das bekam Herr Gerd Pest aus Essen zu spüren, denn die ersten Anrufe zu dem in Folge 51 veröffentlichten Bild seines Onkels kamen, ehe er das Ostpreußenblatt gelesen hatte. Die kurze Frage nach der Uniform, die Egon Lemke auf dem im September 1939 aufgenommenen Foto trägt, hatte ein großes Echo ausgelöst, wie der Neffe uns erfreut mitteilen konnte. Das hatten wir auch schon gespürt, denn auch wir erhielten Anrufe und Zuschriften, darunter die eines Lesers, der diese Uniform selber getragen hatte. Und ihn lassen wir hier für alle Informanten zu Worte kommen. Heinrich Baumann aus Detmold schreibt:

„Zu dem Foto von Egon Lemke kann ich aus eigenem Erleben etwas mitteilen. Am 1. April 1939 wurde auch ich zum Reichsarbeitsdienst einberufen. Dies war vor dem eigentlichen Wehrdienst Pflicht. Mein RAD war am Westwall in der Pfalz und mein Standort in Lachen-Speyerdorf bei Neustadt an der Weinstraße. Das war ein riesiges Kasernengelände, auch mit vielen Soldaten. Unsere Aufgabe war der weitere Ausbau des Westwalls. Daneben hatten wir bereits jede Woche einen militärischen Dienst am Gewehr. So kam es, dass wir bei Kriegsbeginn am 1. September 1939 sofort das Militär verstärken mussten. Wir erhielten die Armbinde „Deutsche Wehrmacht“ und gehörten sofort zu einer Flak-Einheit. Auf Grund unserer Kenntnisse wurden wir für unsere Flak auch zum Stellungsbau herangezogen. Das blieb so bis April 1940. Da wurden wir ehemaligen RAD-Soldaten in unsere Heimatorte entlassen, um dann bald einen richtigen Militärdienst zu beginnen. Jetzt kommt noch was Besonderes. Wir RAD-Rekruten kamen am 1. April 1939 in eine Abteilung, deren Stammpersonal aus Ostpreußen war. Untereinander sprachen unsere Vorgesetzten masurisch, denn unsere Abteilung 9/12 war vor dem Westwall-Einsatz in Masuren ,zuhause‘, meines Wissens aus dem Kreis Lyck. Wir Rekruten kamen aber aus dem Saarland, Franken und Sachsen. In unserer Nachbarschaft am Westwall war noch eine weitere ostpreußische RAD-Abteilung im Einsatz, die 7/10. Das Foto von Egon Lemke muss also bei einem Heimaturlaub aufgenommen worden sein.“

Soweit Herr Baumann über seine Erkenntnisse, die sich weitgehend mit denen einiger Leser decken, die sich bei Herrn Pest gemeldet hatten. Zwei Anrufer berichteten, dass ihre Väter, die – wie der Onkel von Herrn Baumann – aus der Osteroder Gegend stammten, zu einem Bau-Bataillon einberufen wurden, das später eine Pioniereinheit wurde. Eine kleine Korrektur muss ich noch vornehmen: Wie aufmerksame Leser wohl schon bemerkt haben, lautet der Name des Einsenders aus Essen „Gerd Pest“. Jetzt im Dankschreiben schön deutlich auf dem Adressenschild zu lesen. Auf dem ersten Brief war der Name handgeschrieben, und ich hatte ihn als „Fest“ entziffert. Aber durch die genaue – und richtige – Adressenangabe hat es zum Glück keine Pannen gegeben.

Zurück zu Herrn Heinrich Baumann, denn das war noch nicht alles, was er uns mitteilen konnte. Ebenfalls in Folge 51/09 hatten wir den Wunsch von Frau Dora Ommert aus Gießen gebracht, die schon lange und vergeblich nach Angaben über ihre Vorfahren sucht. Nachdem wir den Heimatort nach einigen Schwierigkeiten richtig eingeordnet hatten – es handelt sich um Fröhlichen, Kreis Johannisburg –, kam nun von Herrn Baumann ein interessanter Hinweis, denn seine Frau Christel geborene Kordaks, stammt aus Fröhlichen. Sie wurde 1923 dort geboren und kann sich noch gut daran erinnern, dass die von Frau Ommert genannte Familie Czybayko noch vor 1930 in das nahe Richtenberg zog. Die in dem Suchwunsch genannte Tochter Gertrud, später verehelichte Ampt, muss die Jüngste des Ehepaares Karl und Auguste Czybayko gewesen sein. Die Familie wohnte in Richtenberg bis zur Flucht 1945. Diese Angaben werden mit Sicherheit weiterhelfen, weil Richtenberg ein Kirchdorf mit fast 400 Einwohnern war. Deshalb noch einmal die Anschrift von Frau Dora Ommert: Licher Straße 89 in 35394 Gießen.

Die Folge 51 hat noch weitere Erfolge eingebracht, und dazu gehört ein Schreiben von Herrn Eckart Schucany aus Maxdorf, in dem er auf den Wunsch von Herrn Horst Buchholz eingeht, der nach ehemaligen Kriegskameraden sucht, die wie er unter Oberst von der Heydte gekämpft haben. Herr Buchholz war durch den PAZ-Beitrag „Deutschlands stille Reserve“ auf seinen ehemaligen Kommandeur aufmerksam geworden, dem er im Afrikaeinsatz sein Leben gerettet hatte. Und, wie wir nun lesen, traf er mit seinem Wunsch bei unserem Leser Eckart Schucany genau ins Schwarze, denn dieser griff sofort zur Feder und schrieb:

„Als Ehemaliger des 6. Fallschirmjägerregimentes von der Heydte suche ich Kontakt zum Kameraden Horst Buchholz. Ich bitte um seine Anschrift. Internet habe ich nicht. Auch ich werde am 27. Januar 87 Jahre alt und bin dem Ostpreußenblatt von erster Stunde an treu verbunden. Ich war Gründungsmitglied der Kameradschaft 6. Regiment von der Heydte in Saarlouis am 17. Juni 1978, Theater am Ring. 2009 waren wir mit fünf Kameraden in der Normandie auf dem Friedhof La Cambe, davon habe ich Fotos. Die Angehörigen der 10. Kompanie unter Leutnant Georg Le Contre waren die Letzten vom Scheldebrückenkopf. In Dodrecht begrüßte uns unser Kommandeur von der Heydte. Über diese Zeit habe ich Notizen.“

Und die werden Herrn Buchholz und weitere ehemalige Kameraden mit Sicherheit sehr interessieren. Warum ich diesen Brief im Wortlaut gebracht habe, hat aber noch einen anderen Grund: Er beweist den Sinn meiner erst kürzlich wieder ausgesprochenen Bitte, bei Suchwünschen in E-Mail-Schreiben immer Postanschrift und Telefonnummer anzugeben, damit eine direkte Kontaktaufnahme zustande kommen kann, das erspart zeit­raubende Umwege.

Wie ich richtig vermutete, haben die Erinnerungen von Frau Renate Block an ihre Kindertage in Königsberg auch bei anderen Landsleuten Erinnerungen geweckt, so bei Herrn Dr. Fritz Walter aus Karlsruhe. Und die sind besonders aufschlussreich, denn bisher galt die Privatschule Maria Krause als reine Mädchenschule, aber siehe da: Als kleiner Junge hat er sie auch besucht. Wie es dazu kam, ist schon interessant. Herr Dr. Walter schreibt: „Als Sackheimer Bowke vom Flinsenwinkel, geboren 1919 in der Friedmannstraße 15, kamen mein ein Jahr jüngerer Bruder Benno und ich in den Kindergarten beziehungsweise die Vorschule der Privatschule Krause und hatten dann im Anschluss vier Jahre Unterricht an der gleichen Schule. Durch die Unruhen in der damaligen Zeit mit ihren Matrosenaufständen, in die auch die eigentlich zuständige Yorkschule einbezogen wurde, hielten meine Eltern einen Schulbesuch dort für zu gefährlich. Sehr zu unserm Bedauern, denn wir hatten uns schon so auf die Schiefertafeln mit den quietschenden Griffeln und den nassen Schwämmen gefreut. In der Krause’schen Schule bekamen wir ganz gewöhnliche Hefte und Bleistifte.“ An diese Anfangsjahre seiner Schulzeit – später besuchte Fritz Walter das Wilhelmsgymnasium bis zum Abitur, um dann an der Albertina zu studieren – erinnern ihn heute ein paar alte Fotos, die eine „gemischte Klasse“ der Privatschule zeigen, und der Name einer Mitschülerin: Lotte Sult. Die Bilder soll Frau Renate Block erhalten, die auch wieder geschrieben hat. Ihr fiel noch eine nette Begebenheit mit der Nachfolgerin Emma Rauschning ein. Die hatte einen Hund namens Piefke, der sie immer begleitete. Als Fräulein Rauschning die kleine Renate einmal fragte, ob sie denn wisse, wie sie – die Schulleiterin – heiße, sagte die Fünfjährige: „Ja, Fräulein Piefke!“ Das hat für Heiterkeit gesorgt. Na, ein „Lyzeum Piefke“ hätte man sich in Königsberg auch schwer vorstellen können!

In unserer „Extra-Weihnachtsfamilie“ hatte ich schon den Brief von Frau Helga Henschke erwähnt, in dem sie uns Grüße von den Landfrauen aus Masuren übermittelte. Die „Sondermeldung“ aus ihrem Schreiben habe ich für die heutige Folge aufgespart, denn sie passt so gut zu unseren Erfolgsmeldungen. Frau Henschke formuliert sie so: „Auf meinen erneuten Suchwunsch nach unserer Lehrerfamilie und unserer Junglehrerin Ursula Wohrmuth aus Karwen meldete sich ein Freund der Familie Doehring. Seine Mutter war mit Mutter Doehring befreundet. Sie trafen sich auf der Flucht bei Allenstein und blieben dann zusammen, bis sie im Westen ankamen. So erhielt ich von Tochter Reinhild die Adresse und Telefonnummer, und ich konnte vieles erfahren über den Ablauf der Flucht beider Familien. Sie hatten einen langen beschwerlichen Weg, fanden sich dann aber bald mit ihren Vätern im Westen zusammen. Von einem Karwer erhielt ich schöne Bilder. Die Freude war riesengroß. Es gab aber auch traurige Meldungen. Frau Doehring hatte erfahren, dass Ursula Wohrmuth von den Russen überrollt wurde und umgekommen ist. Sie erreichte nach ihrem Aufbruch aus Karwen ihre Eltern in Korschen nicht mehr.“

Soweit der Auszug aus dem Brief von Frau Henschke, die nun Gewissheit über viele Schicksale hat, hinter denen bisher ein Fragezeichen stand.

Unsere Ostpreußische Familie ist immer bereit, schlummernde Erinnerungen zu wecken. So erging es Herrn Rüdiger Ernst Funkat aus Neuss. Für ihn war es das Dietfurt-Bild, das ihn an schwere Jugendtage erinnerte. Auf der Flucht aus dem Kreis Stallupönen/Ebenrode verbrachte er im Spätherbst 1944 einige Wochen in der kleinen westpreußischen Stadt. Auf dem Bild fand er auch die Schule wieder, in die er als Erstklässler eingeschult wurde. Mit dem letzten Zug gelang es der Familie, bei -34 Grad in offenen Viehwaggons in den Westen zu flüchten. Großmutter hatte mehrere Oberbetten mitgenommen, unter welche die Kinder ihre Füße steckten, die so halbwegs vor Erfrierungen geschützt waren. Soweit die Erinnerungen, nun aber zur nahen Zukunft: Herr Funkat plant, im kommenden Frühjahr ganz individuell die nördlichen Heimatregionen zu bereisen, und möchte dies auch einem interessierten Landsmann ermöglichen. Er bat mich, einen Hinweis in unserer Kolumne zu bringen, was ich hiermit auch gerne erfülle. Es handelt sich um eine zehn- bis 14-tägige Reise, die von Königsberg bis nach Litauen führt. Herr Funkat ist Diplom-Volkswirt, war im Kultusministerium von Nordrhein-Westfalen (NRW) tätig und unternimmt gerne Individualreisen. Die Stinnes-Weltreise in Folge 41 der PAZ erinnerte ihn an seine Asienreise 2005 in einem Geländewagen, die ihn mit einem Reisegefährten vier Monate lang quer durch den größten Kontinent – Sibirien, Mongolei, China/Tibet, Usbekistan, Kirgisien, Turkmenistan, Iran, Türkei – führte. Rüdiger Ernst Funkat ist unter den Telefonnummer (02137) 70567 in Neuss zu erreichen.

Bedanken möchte ich mich für die vielen Glückwünsche und Grüsse, die immer mit der Hoffnung verbunden sind, dass unsere Ostpreußische Familie noch lange so bleibt, wie sie ist: immer bereit, zu helfen, Fragen zu beantworten, eigene Erinnerungen einzubringen und diesen wohl einmaligen Zusammenhalt weiterzutragen. Nur so sind die Erfolge zu verstehen, die für viele Ignoranten unglaubhaft erscheinen.

Eure Ruth Geede

Foto: Koedukation in Königsberg: „Gemischte Klasse“ der Krause’schen Privatschule Bild: privat


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