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09.01.10 / Verbraucher aufs Korn genommen / Das Germanische Nationalmuseum Nürnberg zeigt Markenartikelwerbung auf Plakaten

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 01-10 vom 09. Januar 2010

Verbraucher aufs Korn genommen
Das Germanische Nationalmuseum Nürnberg zeigt Markenartikelwerbung auf Plakaten

Das Plakat, eines der effektivsten Instrumente der Werbung, hat sich im Laufe seiner über 100-jährigen Geschichte als feste Größe in der visuellen Kultur der Moderne etabliert. Selbst gegen die starke Konkurrenz der neuen audiovisuellen Medien behauptete es bis heute seinen Platz im öffentlichen Erscheinungsbild der Städte. Eine Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg macht jetzt die Geschichte und die Wirkungsweise der Plakatwerbung deutlich.

Von Anfang an galt das Plakat als attraktives Objekt für private und öffentliche Sammlungen. „Ein kulturhistorisches Museum mit dem umfassenden Anspruch des Germanischen Nationalmuseums musste es als schwerwiegendes Defizit beklagen, bis in die jüngste Zeit über keine nennenswerte Plakatsammlung zu verfügen“, weist Yasmin Doosry, Leiterin der Graphischen Sammlung, im Katalog zur Ausstellung „Plakativ! – Produktwerbung im Plakat“ auf einen Mangel hin, der 2002 allerdings behoben werden konnte. „Der eigene kleine Bestand umfasste nicht viel mehr als 3000 Blatt – zum größten Teil Ausstellungs- und Veranstaltungsplakate der Zeit nach 1945.“ Etwa 10000 Blätter wurden von der Gesellschaft für Konsumforschung e. V. (GfK e. V.) und der Nürnberger Akademie für Absatzwirtschaft dem Museum als Dauerleihgabe anvertraut. Der Schwerpunkt der Sammlung liegt beim internationalen Produktplakat der Zeit zwischen 1885 und 1965. Nun ist ein Teil der Sammlung zum ersten Mal einem breiten Publikum zugänglich.

„Unter dem Dach des Germanischen Nationalmuseums füllt ,Die Nürnberger Plakatsammlung‘ nicht nur eine Lücke und eröffnet ein neues Feld für die Kulturgeschichtliche Erforschung und die museale Präsentation von Leitlinien des industriellen Zeitalters“, so Doosry. „Gerade ihr spezieller Zuschnitt, der nicht das graphische Meisterwerk, sondern die gängige Werbepraxis in den Vordergrund stellt, erweist sich in diesem Zusammenhang als besonderer Vorzug.“

Mit 350 Plakaten namhafter Marken wie Coca-Cola, Persil und Maggi eröffnet das Germanische Nationalmuseum sein „imaginäres Warenhaus“. In spannungsreicher Kulisse werden die Warenwelten der Lebensmittel, des Haushalts, der Kosmetik, der Medien und der Freizeit vorgestellt. Zu entdecken gibt es neben Klassikern des Grafik-Designs auch weniger bekannte Plakate. Die Besucher erfahren Interessantes über die Werbestrategien großer Marken von A wie Agfa bis Z wie Zündapp. „Der Besucher kann sich als Flaneur durch eine historische Enzyklopädie der Warenwelt bewegen“, erläutert Doosry. „Um seinen Blick immer wieder zu fokussieren, ist aus jeder Abteilung ein ,Marken-shop‘ hervorgehoben. Dort wird die Werbegeschichte einer bekannten Marke jeweils mit beispielhaften Plakaten veranschaulicht. Weitere Abteilungen zeigen die verbreiteten Leitbilder der Werbung: die Familie als Glücksversprechen, Lifestyle als Wohlstandsversprechen und ferne Welten.“ Da begegnet man dann dem kleinen Mädchen, das einen Margarinewürfel aus der Hand der Mutter entgegennimmt, ganz die kleine Hausfrau. Das weißeste Weiß, das es je gab, verkörpert die elegante Dame in dem schicken weißen Kleid, die nicht nur auf Plakaten, sondern auch auf Häuserwänden jahrelang zu sehen war. Waschmittel gehören zu den ältesten Markenartikeln und zu den frühen Domänen der Produktwerbung. Seit der Wende zum

20. Jahrhundert eröffnen sie ein großes, hart umkämpftes Schlachtfeld, auf dem bis heute die aufwendigsten Werbekampagnen ausgetragen werden. Vor der Waschmaschine tragen die chemischen Waschmittel dazu bei, die Strapazen des allmonatlichen Waschtags, der in der Vergangenheit die ganze Familie in Atem gehalten hatte, entscheidend zu mindern. Maschinen jeder Art ermöglichen auch der Hausfrau später ein gewisses Maß an Freizeit. Ein Freizeitmarkt entsteht mit entsprechenden Markenartikeln und Dienstleistungen: Kleidung und Accessoires für Sport und Spiel, Fahrräder, Motorräder und Autos für Ausflüge und Reisen. Reedereien, Eisenbahn- und Fluggesellschaften erweitern den Bewegungsradius über die Grenzen der Länder und Kontinente hinaus.

Auch aufgeklärte Verbraucher sind den Werbebotschaften gegenüber nicht immun. Viele Botschaften wirken unterschwellig auf den Betrachter, und so mag eine solche aufklärende Ausstellung nicht zuletzt auch eine Bewußtseinserweiterung des Konsumenten erreichen. Silke Osman

Die Ausstellung „Plakativ! – Produktwerbung im Plakat“ ist bis zum 11. April im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, Kartäusergasse, dienstags bis sontags von 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 21 Uhr zu sehen. Der Katalog, 576 Seiten, 400 Abbildungen, kostet im Museum 38 Euro, im Buchhandel 49,80 Euro.

Foto: Plakatwerbung aus den 1930er Jahren: Angesprochen wird die Frau mit Ansprüchen.


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