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06.02.10 / Abstieg zu »Humboldt IV« / Das Abitur verkommt zum Instrument der Sozialpolitik – Die Politik will es so

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 05-10 vom 06. Februar 2010

Abstieg zu »Humboldt IV«
Das Abitur verkommt zum Instrument der Sozialpolitik – Die Politik will es so

Lehrermangel sowie schlechte Haupt- und Realschulen, die immer mehr Schüler ohne Abschluss verlassen, betreffen alle 16 Bundesländer, wenn auch mit unterschiedlicher Intensität. Bisher schienen zumindest die Gymnasien noch zu funktionieren. Doch auch das ist oft eine Illusion.

Männerpokerrunde in einem kleinen Ort in Schleswig-Holstein. Stolz zeigt der Vater des zehnjährigen Niklas dessen Zeugnis samt Gymnasialempfehlung seinen Freunden. Doch statt Schulterklopfen und Bewunderung für den Sohnemann erntet der 42-Jährige nur Gleichgültigkeit. Na und, sei doch heute nichts Besonderes, seine zwei Kinder seien auch auf dem Gymnasium, so einer der Freunde. Die anderen nicken zustimmend. Zudem würden inzwischen rund 40 Prozent eines Jahrganges das Gymnasium besuchen, wendet einer aus der Runde, ein Lehrer, ein. Rechne man noch jene hinzu, die später ihre Hochschulreife über Wirtschaftsgymnasium, Abendschule und ähnlichem erlangten, dann würden bis zu 50 Prozent eines Jahrganges Abitur machen.

„Die neue Haupt-Schule“ betitelte im November 2009 das Magazin „Spiegel“ einen Bericht über die Entwicklung der deutschen Gymnasien. Und alles spricht dafür, dass deren Schülerzahl weiter steigen wird, denn das Image von Haupt- und auch Realschulen sowie Schulreformen in mehreren Bundesländern verstärken die Flucht in jene Schulform, die noch den besten Ruf hat.

Dabei ist dieser Ruf inzwischen mehr Schein als Sein. Vor 100 Jahren besuchte nur ein Prozent eines Jahrganges das Gymnasium, vor 50 Jahren waren es schon sechs Prozent. In Hamburg sind es inzwischen 42 Prozent, in Hessen und Sachsen-Anhalt je 40 Prozent, in Bayern und Baden-Württemberg „nur“ 32 Prozent. Und obwohl Ländervergleiche gezeigt haben, dass je höher die Bildungsbeteiligung, desto geringer die Leistung (siehe auch Artikel unten) reagieren weder Politik noch Eltern.

Doch die Politik will gar nicht reagieren. Eine große Zahl von Abiturienten ist politisch gewollt. „Auch die sozial Schwachen sollen etwas abbekommen, eine Art Humboldt IV für Hartz-IV-Empfänger“, brachte der „Spiegel“ die Ziele der Befürworter dieser Form von Sozialpolitik auf den Punkt. Wobei das nicht bedeutet, dass mit dem Abitur auch das Gymnasien als Schulform überall gewollt ist. Gymnasien gelten vor allen Vertretern der linken Parteien als Hort bürgerlichen Leistungsstrebens, das ihrem Ziel der Abschaffung von sozialen Ungleichgewichten entgegensteht.

Die Alternativen der Eltern zu überfüllten und überforderten Gymnasien, denen immer wieder die Abschaffung zugunsten einer Einheitsschule droht, tragen je nach Bundesland Namen wie Regionalschule, Stadtteilschule, Sekundarschule. „Wir wollen das Stigma ,Du bist Hauptschüler‘ abschaffen“, so die Linie von Politikern wie Steffen Zillich von der Linkspartei in Berlin. Daher schafft Berlin die Hauptschule ab und fusioniert sie mit der Realschule. Das Ganze heißt dann Sekundarschule. Ein ähnliches Konstrukt wollen die Hamburger auf den Namen Stadtteilschule taufen und in Schleswig-Holstein nennt man Derartiges Regionalschule. Das Kieler Kultusministerium gibt jedoch lieber demographische als ideologische Gründe für die Fusion der beiden Schulformen an, schließlich gebe es auf dem Land immer weniger Kinder, so dass man nicht mehr überall alle Schulformen halten könne.

Den meisten Eltern sind die Gründe egal, sie sind einfach skeptisch, ob man Schüler unterschiedlicher Leistungsstandards miteinander unterrichten kann. Viele versuchen am Ende, ihren Nachwuchs um jeden Preis aufs Gymnasium zu schicken. Dort verwenden die Schulleiter immer öfter das Wort „Umleiten“. Die meisten haben nämlich mehr Bewerber als Plätze. Da jedoch fast alle Gymnasien dieses Problem haben, gibt es keinen Ort, wohin sie die Schüler umleiten könnten. Die Folge sind größere Klassen, was wiederum die Qualität des Unterrichts weiter senkt.           Rebecca Bellano

Foto: Schule als Versuchslabor: Jedes Bundesland experimentiert an seiner eigenen Schulreform herum.           Bild: pa

 

Zeitzeugen

Anette Schavan – „Das Thema Bildungsgerechtigkeit wird im Vordergrund der Arbeit der Regierungskoalition stehen“, so die Bildungsministerin (CDU) bei der ersten Lesung des Haushalts 2010. „Kein Kind darf verloren gehen. Bildung ist ein Bürgerrecht und wir wissen, dass wir dabei noch nicht gut genug sind“, forderte die promovierte Philosophin. „Wie Annette Schavan leise wenig bewirkt“, lautet die Bilanz des „Spiegels“ nach fünf Jahren Schavan.

 

Ludwig Spaenle – Der Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK) und Bayerns Kultusminister (CSU) hat zusammen mit Schavan beschlossen, dass ab sofort ein Verbund deutscher Bildungsforschungsinstitute die Pisa-Studien durchführen soll. Ziel ist eine verstärkte deutsche Einflussnahme bei den internationalen Bildungstests und die Erlangung besserer Erkenntnisse.

 

Dorothea Henzler – Die hessische Kultusministerin (FDP) hat derzeit alle Hände damit zu tun, einheitliche Bildungsstandards in ihrem Land einzuführen. Sie sollen an Stelle der veralteten Lehrpläne treten, die noch nicht auf ein auf acht Jahre verkürztes Abitur ausgerichtet sind. Doch die Differenzen in den Arbeitsgruppen sind so groß, dass vor 2011 nicht mit einem Ergebnis gerechnet wird.

 

Christa Goetsch – Die Hamburger Schulsenatorin (Grüne) versucht, gegen Widerstände in der Bevölkerung ihre Schulreform durchzusetzen. Die sieht eine sechsjährige Grundschule und die Fusion der Haupt- und Realschulen vor. Vor allem die Verkürzung der Gymnasialzeit von nun acht auf sechs Jahre erzeugt Unmut. Der Sender „Radio Hamburg“ hat die ehemalige Studienrätin zu Diskussionsrunden mit ihren Gegnern gebeten, doch Goetsch reagierte auf keine der über 20 Einladungen.

 

Kathrin Wiencek – „Eine pluralistische Gesellschaft braucht eine pluralistische Schullandschaft und keine Einheitsschule“, so die Landesvorsitzende des Philologenverbandes Berlin-Brandenburg. Sie spricht für das „Aktionsbündnis gegliedertes Schulwesen Berlin-Brandenburg“, das sich für den Erhalt der Realschule einsetzt: „Wir fordern die konsequente Durchsetzung von Leistungsorientierung, Werteerziehung und Qualität an Schulen.“


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