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06.02.10 / Familienpolitik im Nebel / Mehr Kinder braucht das Land, doch Ministerin Köhler fördert Väter an den Windeln

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 05-10 vom 06. Februar 2010

Familienpolitik im Nebel
Mehr Kinder braucht das Land, doch Ministerin Köhler fördert Väter an den Windeln

Im Kampf um die kulturelle Deutungshoheit jedoch geraten Familien zwischen die Fronten“, schrieb Bundesfamilienministerin Kristina Köhler Ende Januar in einem Namensartikel im „Focus“. „Vor allem für Frauen entsteht der Eindruck: Egal, wie man’s macht, es ist verkehrt.“ Diese Erkenntnis kann die 32-Jährige auch auf sich in ihrer Funktion als Familienministerin übertragen, denn auch ihr neues Amt ist eng mit jener „kulturellen Deutungshoheit“ verbunden.

So war es eine der ersten Amtshandlungen der Ministerin, die Vätermonate beim Elterngeld von zwei auf vier zu erhöhen. Doch welches Ziel will sie damit erreichen? „Väter gewinnen an gemeinsamer Zeit mit ihren Kindern und erfüllen sich damit stärker als früher ihren Wunsch nach einer aktiveren Vaterschaft.“ Und weiter: „Auch Müttern hilft der neue Trend bei der Aufgabenteilung in der Familie: Sie kehren schneller wieder in ihren Beruf zurück, wenn ihr Partner sich für die Partnermonate entscheidet, und stabilisieren so das Familieneinkommen.“ Das klingt alles sehr schön, wirkt aber ideologisch motiviert.

Allerdings: Kritiker, die bisher annahmen, die Familienpolitik der letzten Jahre sei der Wirtschaft geschuldet, können sich sicher sein, dass Arbeitgeber über die Verlängerung der Vätermonate wenig erfreut sein dürften. Jetzt müssen sie nicht nur fürchten, dass weibliche Mitarbeiter bei der Familiengründung für einige Zeit ausfallen, jetzt fallen auch noch die Väter aus. Und während Arbeitgeber zumindest bei einer Auszeit von einem Jahr gezielt planen können und eine Vertretung auf dem Arbeitsplatz einarbeiten können, so ist das bei einem Ausfall von vier Monaten zu lange, um von Kollegen aufgefangen zu werden, aber zu wenig, um eine Vertretung einzuarbeiten. Im Grunde können sich nur Väter, die in großen Betrieben oder beim Staat tätig sind, diesen Luxus leisten, denn welcher Handwerksbetrieb oder kleine Mittelständler soll selbst bei bestem Willen dem frischgebackenen jungen Vater den Rücken freihalten?

Das Familienministerium geht davon aus, dass die Mehrkosten für die zwei zusätzlichen Vätermonate 80 Millionen Euro betragen.

80 Millionen Euro? Das ist in etwa die Summe, die es kosten würde, künstliche Befruchtungen wieder voll zu bezuschussen. Während der Koalitionsverhandlungen im Herbst letzten Jahres hieß es kurzfristig, der Staat wolle sich daran beteiligen, kinderlosen Paaren − etwa jedes siebente Paar in Deutschland ist ungewollt kinderlos − den Kinderwunsch zu erfüllen, doch dafür fehlte dann das Geld. Dabei war es stets das erklärte Ziel der ehemaligen Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU), die Zahl der Geburten in Deutschland gegen den demographischen Abwärtstrend zu erhöhen. Die Einführung des Elterngeldes hatte konkret das Ziel, besser verdienenden Frauen die Entscheidung zur Mutterschaft zu versüßen, indem sie ein Jahr lang 67 Prozent ihres Nettogehaltes bekommen sollten. Die Einführung der zwei Vätermonate war dann der Gleichberechtigung geschuldet. Erst sah es Anfang 2009 auch so aus, als hätte Ursula von der Leyen ihr Ziel erreicht, doch schnell stellte sich heraus, dass die Zahl der Geburten 2008 nicht zu-, sondern abgenommen hatte.

Seit 2004 zahlen die gesetzlichen Kassen nur noch 50 Prozent der ersten drei Kinderwunschbehandlungen, da eine künstliche Befruchtung nicht als medizinisch notwendig gilt. Für Dr. Thilo Schill vom Kinderwunschzentrum Langenhagen ist diese Argumentation nicht schlüssig. Wenn eine Frau wegen einer Entzündung ihr Bein verliert, würde alles für ihre Reha getan, verliert sie jedoch wegen einer Entzündung ihren Eierstock, müsse sie selber die Folgekosten tragen, klagt er gegenüber der PAZ. Eine Behandlung kostet bis zu 2000 Euro und hat eine Erfolgsquote von etwa 30 Prozent. Doch je älter die Frau, desto kleiner die Chance, selbst mit Hilfe aus dem Labor schwanger zu werden.

Durch den Wegfall der vollen Bezuschussung werden pro Jahr etwa 10000 medizinisch gezeugte Kinder weniger geboren, da sich nur noch besser verdienende Paare auf diese Weise ihren Kinderwunsch erfüllen können. Das Land Sachsen übernimmt seit 2009 den Teil der Kosten, den die Kassen nicht mehr zahlen. Bisher liegen Dresden Rechnungen über 550000 Euro für 550 Behandlungen in zwei Kliniken vor. Für eine Bilanz, wie viele Kinder für diese 550000 Euro das Licht der Welt erblickten, ist es noch zu früh.             Rebecca Bellano


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