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06.02.10 / Paris und die Bombe / 1960 explodierte die erste französische Atombombe, 1968 folgte die Wasserstoffbombe

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 05-10 vom 06. Februar 2010

Paris und die Bombe
1960 explodierte die erste französische Atombombe, 1968 folgte die Wasserstoffbombe

Am 13. Februar 1960 um 6.30 Uhr explodierte in der algerischen Sahara 50 Kilometer südwestlich von Reggane das Ergebnis der Operation „blaue Wüstenspringmaus“. Es besaß mit 70 Kilotonnen fast die vierfache Sprengkraft der Hiroshima-Bombe. So trat die „Force de frappe“ in die Welt, die „Macht, um zuzuschlagen“. Und Frankreich hatte, nach den Worten seines Staatschefs Charles de Gaulle, „ein politisches Mittel, um mit am Tisch der Großmächte zu sitzen“.

Für de Gaulle war die Verfügungsgewalt über Atombomben eine unabdingbare Voraussetzung nationaler Unabhängigkeit. Im Juni 1944 hatte er erfahren, dass die USA eine Atomwaffe entwickelten. Wollte er nach dem Kriege, seinem Lebensziel folgend, Frankreich wieder zu alter Größe erheben, dann musste es Mitglied des Klubs der Atommächte werden. Schon am 18. Oktober 1945 ließ er das „Commissariat a l’Energie Atomique“ (CEA) gründen, das nicht nur zivilen Zwecken diente und außerhalb des ordentlichen Staatshaushaltes abgerechnet wurde.

Nach seinem einstweiligen Rücktritt als Ministerpräsident der provisorischen Regierung im Januar 1946 machte sich die Vierte Republik seine Zielsetzung vollständig zu eigen. Frankreichs Machtpotential war deutlich geschrumpft, und nun bot ihm die Atombombe einen Ersatz für den Verlust seiner Kolonien, für die dabei in Indochina und Algerien erlittenen Niederlagen seiner Armee, für die in der Suez-Krise eingesteckte Demütigung. Nachdem de Gaulle im Mai 1958 wieder an die Macht gekommen war, trieb er die Entwicklung verstärkt voran und drang auch, ohne Rücksicht auf die Kosten, auf den Bau einer Wasserstoffbombe. Aber erst im August 1968 konnte die erste französische H-Bombe gezündet werden.

Ende 1959 erklärte de Gaulle in einem seiner legendären Fernsehansprachen die Gründe für Frankreichs Atomrüstung. So bestehe zwar zwischen Ost und West ein friedenserhaltendes Gleichgewicht des Schreckens, aber das könnte einmal kippen. Zudem könnten sich die Supermächte über den Kopf der Kleinen hinweg einigen, und dies am Ende gar darauf, einen Atomkrieg auf den europäischen Kriegsschauplatz zu beschränken. Würden zur Rettung von Paris oder Rom die USA wirklich sowjetische atomare Vergeltungsangriffe auf ihre Ballungszentren riskieren, fragte de Gaulle rhetorisch. Mit seinen Atomwaffen, so de Gaulles Quintessenz, diene Frankreich also der friedenserhaltenden Abschreckung. Gegen den Einwand, das französische Potenzial falle wegen seiner geringen Dimension nicht ins Gewicht, führten die Befürworter der „Force de frappe“ ins Felde, dass es immer noch groß genug sei, einem Angreifer einen Schaden zuzufügen der größer sei als jeder Vorteil, den ihm eine atomare Auslöschung Frankreichs bringen könne.

Die höchste Steigerung erfuhr der atomare Ehrgeiz Frankreichs durch das Streben nach der „defense tous azimuts“ (Rundum-Verteidigung). So verfocht de Gaulle das Ziel, dass sein Land mit seiner Atommacht überall auf dem Globus zuschlagen könne, um allen Eventualitäten zukünftiger politischer Entwicklungen gewachsen zu sein. Daraufhin wurde der Franzose des senilen Größenwahns bezichtigt. Angesichts der sich dabei aufdrängenden Frage, ob „tous azimuts“ auch gegen die USA gerichtet sei, wurde in den offiziösen Verlautbarungen ziemlich schnell zurückgerudert. 1968/69 war dann nur noch von einem hypothetischen Angriff aus dem Osten die Rede.

Die Atomtests erfolgten bis 1967 in der Sahara, dann lief die mit dem seit 1962 unabhängigen Algerien ausgemachte Frist aus. Nun mussten im pazifischen Französisch-Polynesien die Atolle von Mururoa und Fangataufa für Probe-Explosionen herhalten. Im März 1996 trat Frankreich dem Vertrag von Rarotonga bei, der den Südpazifik zur atomwaffenfreien Zone erklärte. Einen Monat später unterschrieb Präsident Jacques Chirac den „Comprehensive Test Ban Treaty“, der Atomversuche gänzlich verbot und nur noch die Computer-Simulation zuließ.

Die „Force de frappe“ bleibt ein Herzstück französischen Stolzes, egal, ob der Präsident gerade Gaullist ist oder nicht, denn nach dem Ende der Vier-Mächte-Verantwortung für Deutschland als Ganzes bleiben Frankreich nur noch zwei Trumpfkarten weltweiter Geltung: seine Veto-Macht als ständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrates – und seine Atomwaffen.            Bernd Rill


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