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06.02.10 / Tod im Wendland / Atomprotest endet tragisch

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 05-10 vom 06. Februar 2010

Tod im Wendland
Atomprotest endet tragisch

Die Transporte zum Zwischenlager „Gorleben“ im bevölkerungsarmen Wendland waren in den 80er Jahren regelmäßig von Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und einem Großaufgebot der Polizei überschattet. Ins Jahr 1984, als erneut Tausende Atommüllgegner auf die Straße gingen, verlegte der Kölner Lektor und Schriftsteller Jo Lendle die Handlung seines neuen Romans „Mein letzter Versuch die Welt zu retten“. Als ein Atommülltransport bevorsteht, brechen der 17-jährige Schüler Florian und sechs Mitstreiter, alles Jugendliche aus gutem Hause, früh am Morgen des 28. April in einem Kleinbus ins Zonenrandgebiet auf, um sich an den Störaktionen zu beteiligen. Sie tragen ihre beste Kleidung, um möglichst ungehindert bis zum Ort der Ereignisse durchzukommen.

Nach einer Übernachtung in einem Gemeinschaftscamp werden sie am nächsten Morgen von Polizeibeamten aufgegriffen und in einer „Grünen Minna“ abtransportiert. Wieder auf freiem Fuß, beginnt für sie als Mitfahrer in fremden Fahrzeugen eine Odyssee über Neben- und Feldwege, da die Hauptstraßen abgesperrt sind. Die Gruppe ist inzwischen zersprengt worden; übrig bleiben am Ende nur Florian und das Mädchen Antonia, genannt Anton. Gegen Abend brennt der Wald. In Panik flüchten Florian und das Mädchen vor den Polizeieinheiten und den Flammen immer weiter in Richtung Zonengrenze. Am Grenzzaun stirbt Florian.

Erkennbar ist es das Anliegen des Autors, die protestbewegte Jugend der 80er Jahre zu charakterisieren, womit er auch durchweg überzeugen kann. Wie kommt es aber, dass sich schon beim Lesen der ersten Seiten dennoch ein Gefühl von Langeweile und Trübsinn einstellt, gepaart mit der Ahnung, dass sich daran bis zur letzten Seite nichts mehr ändern wird? Einerseits liegt das wohl im Thema selbst begründet. Die Anti-Atomkraft-Aktionen der 80er Jahre im Wendland bieten nun einmal keinen Handlungsrahmen, der aufhorchen lässt, trotz der Aktualität des Themas. Man weiß einfach zu viel darüber.

Dennoch: Hätte der Autor seinen Protagonisten mehr Leben eingehaucht und innerhalb des Handlungsablaufs funkelnde Akzente gesetzt, so wäre dieser Vorbehalt vermutlich hinfällig. Zum Beispiel hätten deutlich mehr und lebhaftere Dialoge dazu beitragen können. Stattdessen berichtet der verstorbene Ich-Erzähler Florian durchweg in einem gnadenlos ruhigen Ton. Seine Erzählung ist nahezu frei von inneren Monologen und Satire, von Überspitzungen und Witz. Eher ist es ein Protokoll der Ereignisse, unterbrochen von Rückblenden, die zwar Aufschluss über sein Elternhaus geben, weniger allerdings über seine Persönlichkeitsentwicklung. Teilweise liegt dies in der gewählten Perspektive begründet.

Unbedingt ist zu erwarten, dass der auf verhängnisvolle Weise Umgekommene „vom Jenseits her“ eine höhere Warte bei seiner Sicht auf das Geschehen einnähme. Doch das ist nicht der Fall. Ebenfalls wäre zu erwarten, dass von dieser Perspektive aus starke Gefühle zum Ausdruck gebracht würden: Reue, Freude, Zorn und Bedauern, und schließlich unbedingt, dass es irgendeine Botschaft gibt. Auch hier heißt es: Fehlanzeige. Dagmar Jestrzemski

Jo Lendle: „Mein letzter Versuch die Welt zu retten“, DVA, München 2009, geb., 249 Seiten, 19,95 Euro


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