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20.03.10 / Keine Rückkehr des Personenkults / Debatte um Stalin-Plakate spaltet eine Nation – Mehrheit der Russen: Sieg rechtfertigt nicht Massenmorde

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 11-10 vom 20. März 2010

Keine Rückkehr des Personenkults
Debatte um Stalin-Plakate spaltet eine Nation – Mehrheit der Russen: Sieg rechtfertigt nicht Massenmorde

Der Streit um das Aufstellen und Zeigen von Stalin-Plakaten anlässlich der 65. Siegesfeier am 9. Mai auf dem Roten Platz in Moskau hält an. Regierungsnahe Vertreter spielen das Ganze als Bekenntnis zur historischen Wahrheit herunter, Oppositionspolitiker und Menschenrechtler kündigten eine Aufklärungskampagne über den Dikatator Stalin an.

Man stelle sich vor, welch ein Aufschrei durchs Land ginge, käme ein deutscher Politiker auf die Idee, anlässlich einer Staatsfeier ein Abbild Adolf Hitlers öffentlich aufstellen zu lassen. Undenkbar! Und zudem ist das Zurschaustellen faschistischer Symbole in der Bundesrepublik verboten. In Russland wird derzeit erst über den Umgang mit der eigenen Geschichte scharf diskutiert.

Nachdem Moskaus Oberbürgermeister Jurij Luschkow dem Antrag von Veteranen-Verbänden auf das Anbringen von Stalin-Plakaten während der diesjährigen Maiparade stattgegeben hatte, folgte der bloßen Ankündigung ein Sturm der Entrüstung. Viele Menschenrechtler, Vertreter der Gesellschaftskammer sowie der letzte Generalsekretär der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, reagierten entsetzt. Ljudmila Alexejewna, die bekannteste Menschenrechtlerin Russlands, sagte: „Stalin ist ein Krimineller, und es ist eine Schande, Plakate eines Regimes auszustellen, das Millionen Menschen umgebracht hat.“ Damit sprach sie nicht nur Oppositionellen aus dem Herzen, sondern auch Regierungsanhängern. Parlamentssprecher Boris Gryslow distanzierte sich von Luschkows Vorhaben und forderte ihn auf, seine Entscheidung, welche die eines Einzelnen sei, zurückzunehmen.

Ein Wiederaufkeimen des Personenkults käme der russischen Regierung ungelegen: Zum 65. Jahrestag des Kriegsendes werden Soldaten der anderen Siegermächte und viele Staats- und Regierungschefs, darunter Angela Merkel, erwartet. Die Regierung befürchtet, dass einige der geladenen Gäste ihre Teilnahme wieder absagen könnten. Sicher will die Regierung auch der Opposition nach den erfolgreichen Massenprotesten der vergangenen Wochen keine weitere Steilvorlage bieten. Sie fürchtet vielmehr eine Spaltung des Volkes in Stalin-Anhänger und Stalin-Gegner.

Dabei gilt der Stalinismus eigentlich als überwunden. Während Putins Regierungszeit hatte der Kult um Stalin zwar eine leichte Renaissance erlebt, doch spätestens seit Stalins Enkel Jewgenij Dschugaschwili seine Klage gegen die „Nowaja Gaseta“ wegen Verunglimpfung seines Großvaters verloren hat, dürfen auch russische Medien Stalin als Massenmörder bezeichnen.

Luschkow versucht derweil, die Wogen zu glätten, indem er Journalisten- und Politiker-Schelte betreibt. Er wirft ihnen vor, mit dem angekündigten „Krieg der Plakate“ ein politisches Spiel zu treiben. Trotzig erklärte er, selbst kein Anhänger Stalins zu sein, die Plakate hätten reinen Informationscharakter. Außerdem handele es sich nur um wenige Dutzend von über 2000 Plakaten, auf denen Stalin abgebildet werde. Er sei nun einmal während der Kriegsjahre Oberbefehlshaber des Landes gewesen und sein Name lasse sich aus der russischen Geschichte auch nicht mehr wegradieren.

Wie das russische Volk über die Angelegenheit denkt, erforschte das Levada-Zentrum in einer landesweit durchgeführten Umfrage. Dabei kam heraus, dass nur zwölf Prozent mit der Aufstellung von Stalin-Plakaten einverstanden sind. 22 Prozent befanden, dass dies „unmoralisch“ sei und „das Andenken von Millionen Menschen beleidigen würde, die in den Lagern und hinter den Mauern des NKWD umgekommen sind“. Ein Drittel der Befragten konnte zwar für die Gefühle der Veteranen, die in Stalin immer noch einen großen Mann sehen, Verständnis aufbringen, doch verbindet die Mehrheit mit dem Tod Stalins die Assoziation vom Ende des Massenterrors und der Befreiung von Millionen Menschen aus Gefängnissen. Die Mehrheit ist der Ansicht, dass die hohe Zahl der Opfer, die das russische Volk während der Stalin-Epoche erlitt, durch kein einziges der großen Ziele zu rechtfertigen sei. Obwohl inzwischen gerichtlich festgestellt wurde, dass Stalin ein Massenmörder war, ist die Hälfte der Befragten nicht bereit, ihn als Staatsverbrecher zu bezeichnen. Personenkult um Stalin lehnen die meisten Russen allerdings ab. Einer Rückbenennung der Stadt Wolgograd in Stalingrad, wie von KP-Chef Gennadij Sjuganow gefordert, verweigern 59 Prozent ihre Zustimmung.

Im Vergleich mit Hitler wird Stalin, gemessen am Grad des Bösen, von vielen Russen postiv bewertet. Doch nicht von allen. In der Internet-Ausgabe von „Ria Novosti“ fordert der Autor Alexander Archangelsk, mit Stalin-Symbolen nach deutschem Vorbild umzugehen und sie nur in Museen zu zeigen, ähnlich wie in Deutschland eine symbolische Grenze um sie zu ziehen, die Figur Stalin quasi in eine historische Quarantäne zu verbannen. „Blutvergießen bleibt Blutvergießen! Den Opfern konnte es gleich sein, ob sie in der Vernichtungsmaschinerie eines sowjetischen Gulags oder in Dessau ums Leben kamen.“ Rosenthal-Kappi


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