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20.03.10 / Kapitalismus statt Guantánamo / Der Politologe Vali Nasr glaubt, dass die Weltwirtschaft die Islamisten besiegen kann

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 11-10 vom 20. März 2010

Kapitalismus statt Guantánamo
Der Politologe Vali Nasr glaubt, dass die Weltwirtschaft die Islamisten besiegen kann

Weder Konfrontation noch Appelle aus dem Westen, sondern eine in die Weltwirtschaft integrierte muslimische Mittelschicht soll islamistischen Terroristen das Handwerk legen.

„Ökonomie produziert Moral.“ Angesichts der weltweiten, desaströsen Folgen einiger Milliardengeschäfte von Spekulanten aus der Finanzbranche wirkt diese These des im Iran geborenen, heute in den USA lehrenden Politologen Vali Nasr äußerst kühn. Doch der 2009 zum US-Sonderbotschafter für Afghanistan und Pakistan ernannte Islam-Experte meint damit speziell eine in die Weltwirtschaft integrierte islamische Mittelschicht.

„Weil es in der islamischen Welt zu wenige Staaten gibt, deren Bürgern klar ist, dass die Terroristen ihre vitalen Interessen verletzen“, begründete der 49-Jährige gegenüber dem „Spiegel“ seine Theorie, dass eine muslimische Mittelschicht das beste Mittel gegen den islamistischen Terror sei. „Wer sich keine Sorgen machen muss, ob seine Produkte im Ausland verkauft werden, wer seinen Job nicht in der Privatwirtschaft ausübt und deshalb nicht unmittelbar von solchen Ereignissen bedroht ist, fühlt sich auch eben nicht betroffen.“ Wenn die Regierung eines Landes, von dem der islamistische Terror ausgeht, weiterhin Entwicklungshilfe bekommt und alle Staatsangestellten somit ihr Gehalt, egal was die aus ihrem Land stammenden Terroristen anrichten, warum sollten die Bürger dann gegen die Täter demonstrieren, fragt er provozierend. In seinem Buch „Forces of fortune“ erklärt Nasr, warum eine natürlich gewachsene, in den Weltmarkt integrierte Mittelschicht ein vitales Interesse daran habe, den internationalen Ruf ihres Landes zu gewährleisten. So erinnert er daran, dass Ägypter bereits mehrfach in ihrem Land aktive islamistische Terroristen an die Behörden verpfiffen hätten, um so Anschläge zu verhindern, die den Tourismus, von dem viele Ägypter leben, gefährdet hätten.

Der Autor weist darauf hin, dass es in Saudi-Arabien zwar eine Mittelschicht gäbe, diese jedoch nicht „echt“ sei, da sie keinen Wohlstand erzeuge, sondern den Wohlstand, den das Öl ihnen gewährt, verlebe. Nur eine Mittelschicht, die mit ihren Steuern auch den Staat finanziert, könne Druck auf diesen ausüben, damit dieser wiederum aktiv gegen Islamisten vorgehe.

„Die islamische Welt ist der letzte Teil der Welt, der noch nicht in den globalen Wirtschaftskreislauf eingebunden ist. Und das finde ich, erklärt die Probleme zwischen der islamischen Welt und dem Westen viel besser als alle kulturellen und religiösen Differenzen.“ Auch mit Ländern wie China, Indien, Brasilien und Südafrika gebe es kulturelle und religiöse Unterschiede, doch deswegen bedrohten noch lange keine Terroristen aus diesen Staaten den Westen.

Während seiner Arbeit in Ländern wie Pakistan und Afghanistan ist dem Politologen jedoch negativ aufgestoßen, dass der Westen immer loshetze, um den besonders Verwundbaren zu helfen. Zwar sei das durchaus logisch, denn bei Aufbau von Infrastruktur, Erziehungswesen und dem Schaffen der Grundlagen für ein erfolgreiches Wirtschaften könne der Westen vor allem finanzielle Starthilfe liefern, doch manchmal sei es sinnvoll, den Erfolgreichen zu helfen und denen, die an der Schwelle zum Erfolg sind wie die Türkei, Tunesien, Marokko und Jordanien. „Denn damit erzeugen wir eine Kraft, die in der islamischen Welt selbst wirkt.“ So seien beispielsweise die Indonesier dank ihres gemäßigten Präsidenten inzwischen weit mehr an Wirtschaft und Handel als an Extremismus interessiert. Rebecca Bellano


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