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20.03.10 / Christ, Demokrat, Patriot und Arbeiterfreund / Vor 150 wurde Friedrich Naumann geboren – Er gilt als Begründer des modernen organisierten Liberalismus

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 11-10 vom 20. März 2010

Christ, Demokrat, Patriot und Arbeiterfreund
Vor 150 wurde Friedrich Naumann geboren – Er gilt als Begründer des modernen organisierten Liberalismus

Der Namensgeber der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, der das Kaiserreich nur um einige Monate überlebte, gehört mit dem Kanzler und Außenminister der Weimarer Republik Philipp Scheidemann sowie dem Präsidenten der Bundesrepublik Theodor Heuss zu den prominentesten

historischen Persönlichkeiten des deutschen Liberalismus. Des Weiteren gilt er als der prononcierteste Vertreter eines modernen Sozialliberalismus, weshalb er denn auch in der Zeit der sozialliberalen Koalition in der Bundesrepublik eine Renaissance erlebt hat.

Der Meister des gesprochenen wie geschriebenen Wortes war weniger ein Spalter, sondern nutzte vielmehr seine politische Ausstrahlung, sein persönliches Charisma und sein gewinnendes Wesen zum Mitteln und Integrieren. Im Kleinen einte Naumann den Linksliberalismus; im Großen bemühte er sich um den Bogen vom Großbürgertum bis zur Arbeiterschaft, von den Nationalliberalen bis zu den Sozialdemokraten.

Der vor 150 Jahren, am 25. März 1860, in Störmthal geborene Sachse entstammte einer evangelischen Pfarrerfamilie. Sein Vater war Pastor, seine Mutter Pasto­ren­tochter. In jungen Jahren spielte er mit dem Gedanken, Mathematik zu studieren, entschied sich dann aber für die Fortsetzung der Familientradition. Wie Johann Hinrich Wichern (1808–1881), Adolf Stoecker (1835–1909) und so viele andere aufgeweckte Theologen des Industriezeitalters erkannte auch er im Angesicht der sozialen Nöte im Proletariat und der Gefahr, die Arbeiterschaft an den atheistischen Marxismus zu verlieren, in der sozialen Frage eine Herausforderung.

Nach dem Studium in Leipzig und Erlangen leistete er ab 1883 als Oberhelfer Sozialarbeit an Wicherns „Rauhem Haus“, dessen Idee der Inneren Mission ihn stark beeinflusste. 1886 trat er eine Pastorenstelle in einem Arbeiterdorf an, dem sächsischen Langenberg. In dieser Zeit, 1889, veröffentlichte er seine erste Schrift, einen „Arbeiterkatechismus“. 1890 kehrte er zur Inneren Mission zurück. Als Vereinsgeistlicher diente er sozialen Einrichtungen in Frankfurt am Main als geistlicher Betreuer.

Im Evangelischen Arbeiterverein engagierte er sich ebenso wie im Evangelisch-Sozialen Kongress. Dort begegnete er Max Weber. Dieser wohl berühmteste Soziologe und Nationalökonom seiner Zeit lehrte Naumann, die Macht erkennen und schätzen zu lernen. Der Pastor kam zu der Erkenntnis, dass Politiker und Publizisten eher als Theologen die Möglichkeit hätten, die sozialen Verhältnisse zu ändern. Nachdem er sich als Publizist 1895 mit der Wochzeitschrift „Die Hilfe“ ein Sprachrohr geschaffen hatte, gründete er als Politiker 1896 die Partei „Nationalsozialer Verein“. Im darauffolgenden Jahr schied er aus dem Pfarramt aus und zog als politischer Publizist in das Zentrum des Reiches, Berlin.

Wenn Naumann auch mit Stoecker das Interesse an der sozialen Frage verband und beide 1890 den Evangelisch-Sozialen Kongress gegründet hatten, so trennten sich doch schließlich ihre Wege. Während Stoecker die soziale Frage auf konservativem Wege lösen wollte, versuchte es Naumann auf liberalem. Im Gegensatz zu vielen Sozialkonservativen, aber auch Wirtschaftsliberalen hatte Naumann ein entspanntes Verhältnis zur SPD, arbeitete später sogar mit ihr zusammen. Naumann wollte nicht nur wie die Sozialdemokraten das Los der Arbeiterschaft verbessern. Daneben verband ihn mit dem rechten Reformflügel und damit zumindest einem Teil der SPD der Wunsch nach einer parlamentarischen Demokratie ohne Dreiklassenwahlrecht und mit einer parlamentarischen Kontrolle der Regierung.

Andererseits gab es auch gravierende Unterschiede zwischen Naumanns Nationalsozialem Verein und der SPD. Naheliegenderweise lehnte der Theologe und Christ den marxistischen Atheis­mus der SPD ab. Das Gleiche galt für deren Klassenkampf und Internationalismus. Den Nationalstaat stellte Naumann ebenso wie die Monarchie und die Marktwirtschaft nicht in Frage. Im Gegensatz zum linken, radikalen, revolutionären, verfassungsfeindlichen SPD-Flügel glaubte er an die Reformierbarkeit des Kaiserreiches, was für ihn vor allem Demokratisierbarkeit bedeutete.

„Demokratie und Kaisertum“ lautet denn auch der Titel seiner großen programmatischen Schrift aus dem Jahre 1900. In dem viel gelesenen Buch spricht sich der Verfasser dafür aus, dass sich der junge und in vielerlei Hinsicht moderne Kaiser, gestützt auf die Mehrheit seines Volkes, an die Spitze des „Ringens um Fortschritt und Modernisierung“ stellt. Die politische Elite zwischen Kaiser und Volk spielt in diesem Traum keine nennenswerte Rolle. Ihr traute er wenig zu, weshalb er auch 1896 mit dem Nationalsozialen Verein eine neue Partei gegründet hatte.

Die von Naumann erstrebte Volksbewegung der Arbeiter und Bürger kann sich jedoch gegen die etablierten Parteien nicht durchsetzen. Weder bei der Reichstagswahl von 1898 noch bei der von 1903 gelingt es ihm, als Kandidat des Nationalsozialen Vereins ein Reichstagsmandat zu gewinnen. Aus der Unterschätzung des überkommenen Parteiensystems zieht er die Konsequenz, dass er das Projekt „Nationalsozialer Verein“ aufgibt und, gefolgt von vielen seiner politischen Mitstreiter, einer etablierten Partei beitritt. Der Demokrat mit Sinn für die soziale Frage entscheidet sich für die linksliberale Freisinnige Vereinigung. Als deren Kandidat zieht er mit Unterstützung seines jungen Wahlkampfleiters Theodor Heuss als Abgeordneter von dessen Heimatstadt Heilbronn 1907 in den Reichstag ein, in dem er mit einer kurzen Unterbrechung bis zur Novemberrevolution und dem Zusammenbruch des Kaiserreiches sitzt. Noch vor dem Ersten Weltkrieg gelingt es ihm, die linksliberalen Parteien in einer neuen Partei, der 1910 gegründeten Fortschrittlichen Volkspartei, zu vereinen.

Nach dem Kriegsausbruch trug Naumann den innenpolitisch versöhnlichen Kurs des „Burgfriedens“ mit. 1915 äußerte er sich in einem Aufsehen erregenden Buch mit dem programmatischen Titel „Mitteleuropa“. Ganz im Sinne seines politischen Weggefährten Max Weber wünschte Naumann ein großes, starkes, Weltmachtpolitik betreibendes Reich. Wie in der Tradition des Imperialismus kann man den „Mitteleuropa“-Autor aber auch in jener des europäischen Gedankens verorten. Dieses gilt um so mehr, als das Naumann vorschwebende Mitteleuropa in der Tradition des Heiligen Reiches und des Deutschen Bundes durchaus föderale Züge trug. Wenn in der Bundesrepublik Politiker, die nach dem Zweiten Weltkrieg für ein geeintes Westeuropa unter französischer Führung eintraten, als „große Europäer“ gefeiert werden, wird man einem Friedrich Naumann, der im Ersten Weltkrieg das Gleiche für ein geeintes Mitteleuropa unter deutscher Führung tat, schwerlich diesen Ehrentitel verwehren können.

Zwei Jahre später, als auf einen deutschen „Siegfrieden“ nicht mehr zu hoffen war, unterstützte Naumann die auf einen Verständigungsfrieden zielende Friedensresolution von Linksliberalen, Sozialdemokraten und Zentrum. Allerdings war er gegen einen Frieden um jeden Preis. So schrieb er zum Versailler Friedensvertragsentwurf, den er als Volksmord betrachtete, in der „Hilfe“: „Wir zahlen nicht, wir unterschreiben nicht, bis man bereit ist, uns als Menschen zu behandeln.“

Wenn Naumann auch der Sturz der Monarchie fern lag, so brachte er sich nichtsdetoweniger in die Gründung der neuen Republik ein. Mit Gleichgesinnten gründete er die linksliberale Partei der Weimarer Republik, die DDP. Ihn wählten die Parteifreunde 1919 zu ihrem ersten Vorsitzenden und Spitzenkandidaten für die Wahl zur Nationalversammlung. Dort gewann er die Sozialdemokraten dafür, den Kirchen in der neuen Verfassung den Status von Körperschaften des öffentlichen Rechts einzuräumen. Sich über die Verfassungsbildung hinaus in die Entwicklung der Weimarer Republik einzubringen war Naumann nicht mehr vergönnt. Durch Krankheit schon vorher zunehmend behindert verstarb er am 24. August 1919 während eines Urlaubs in Travemünde, keine zwei Wochen nach der Verkündung der Weimarer Verfassung. Manuel Ruoff


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