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20.03.10 / Versuch der »Gleichschaltung« der Auslandsdeutschen / Der Historiker Volker Koop schließt mit seinem Werk »Hitlers fünfte Kolonne« eine Lücke in der Forschungsliteratur

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 11-10 vom 20. März 2010

Versuch der »Gleichschaltung« der Auslandsdeutschen
Der Historiker Volker Koop schließt mit seinem Werk »Hitlers fünfte Kolonne« eine Lücke in der Forschungsliteratur

Wenig ist bisher über die Auslandsorganisationen der NSDAP und ihre Wirkung sowohl auf die Deutschen in der Fremde, als auch auf die Regierungen ihrer Gast- beziehungsweise neuen Heimatländer geschrieben worden. Der Journalist Volker Koop schließt mit seiner ersten Gesamtdarstellung dazu unter dem Titel „Hitlers fünfte Kolonne“ diese Lücke.

Ob es um Spionage, um Judenverfolgung, die Bespitzelung der Deutschen im Ausland oder um den Aufbau von Tarnorganisationen ging – der Oberbayer und renommierte Autor zahlreicher Werke zu NS-Organisationen zeigt die vielschichtigen Interessen und Anknüpfungspunkte nationalsozialistischer Gruppierungen jenseits der Reichsgrenzen auf. Der Publizist und Träger des italienischen Kulturpreises „Capo Circeo“ beschreibt von den Anfängen der NS-Auslandsstützpunkte an die Machtkämpfe um Einfluss auf die Auslandsdeutschen, Adolf Hitlers Unzufriedenheit mit dem diplomatischen Korps Deutschlands und die daraus entstehende Politik einer direkt von der Partei geleiteten Auslandsarbeit:

„Die ersten NS-Auslandsvereinigungen sollten ,die Verbundenheit mit der Freiheitsbewegung Adolf Hitlers bekunden‘. Im Herbst 1930 fanden sich dann in Hamburg ,ehemals auslandsdeutsche Männer‘ zusammen, um eine Dienststelle der Partei zu gründen, die Reichsorganisationsleiter Gregor Strasser zum 1. Mai 1931 als ,Auslands-Abteilung der Reichsleitung der NSDAP‘ institutionalisierte.“

Die behördliche Ausgestaltung des damals staatlich zielgerichtet inszenierten neuen Verbundenheitsgefühls der Deutschen im Zeichen der Partei schildert Koop genauso wie die rückblickend mitunter klischeehaft anmutenden Aktionen. Im Kapitel „Strümpfe stopfen für den Sieg“ setzt sich der Autor beispielsweise mit Forderungen an die deutschen Frauen im Ausland auseinander. Ihnen oblag es, nach den Vorstellungen der Vordenker der NS-Bewegung, „das fremde Haus im fremden Land mit jener Wärme und Liebe zu erfüllen, die auch aus einer Blockhütte im Urwald ein Heim macht, ihrer Hilfe und ihres Rates bedürfen deutsche Schwestern im gleichen Land, die durch die Ungunst der Verhältnisse in Not geraten sind, sie hat dem fremden Volkstum gegenüber Art und Würde der deutschen Frau zu wahren und falschen Vorstellungen oder bewussten Verleumdungen deutschen Frauentums entgegenzutreten“.

Solchen Aufforderungen zur Einigkeit stellt Koop die an Streit reiche Realität gegenüber. Vor allem die mangelnde Neigung vieler Auslandsdeutscher, ihre bestehenden Gruppierungen dem NS-Willen bedingungslos unterzuordnen, war ein Hindernis auf dem Weg zum vermeintlich allseits straff organisierten Deutschtum. Viele Patrioten protestierten, rechneten in Briefen nach Berlin mit den Einpeitschern des neuen Kurses ab.

Dennoch: „Den Nationalsozialisten in Berlin war solche Kritik einerlei. Sie gründeten immer mehr Ortsgruppen und setzten alles daran, die bestehenden Einrichtungen Deutscher und Deutschstämmiger unter ihre Kontrolle zu bringen“, wie der Autor nachweist.

Die Krise bricht über die Auslandsformationen der Partei erst 1941 mit dem Flug von Rudolf Heß nach Schottland herein. Dieser Flug ohne Wiederkehr bringt die Spitze der NS-Auslands-Organisation bei Hitler in Verruf. „Mit dem zusehends schrumpfenden ,Großdeutschen Reich‘ und mit der Tatsache, dass Deutschland mit immer mehr Staaten im Krieg lag, verlor die Auslandsorganisation ihr Betätigungsfeld und zugleich ihre Existenzberechtigung“, so Koop.

Den langen Arm der Ideologen verliert der Publizist dessen ungeachtet nicht aus den Augen, widmet den Folgen dieser Ein- und Übergriffe ausreichend Raum. Dazu gehört unter anderem die Hetze gegen Juden, wie sie beispielsweise vom Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebund (NSDÄB) in China betrieben wurde. Zu den dunkelsten Machenschaften der Auslandsorganisation zählte auch die Beteiligung an Geiselnahmen aus Rache für die kriegsbedingte Internierung Deutscher in niederländischen (nicht besetzten) Kolonien. „Als Antwort auf die Internierung waren auf Befehl Hitlers insgesamt 232 holländische Staatsangehörige festgenommen und ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht worden, unter ihnen Angehörige des Hofes.“ Teilweise wurden die Werber der NS-Bewegung aber auch zu Kompromissen genötigt: In Australien gab es für jüdische Mitglieder deutscher Vereine eine „Schonfrist“.

Spannend trotz wissenschaftlich präziser und durch Studium vieler Dokumente angereicherter Darstellung ist auch das kurze Kapitel über die Flucht einstiger NS-Größen ins Ausland – letzte Bewährungsprobe für die Parteistrukturen in Übersee.

Koops sachlich-fundiertes Werk lässt im Nachwort die vier Bedeutungsschwerpunkte der Auslandsgliederungen erkennen: Erstens das Parteinetz zur Entfaltung des „totalitären Anspruchs des NS-Regimes, seine Ideologie über die ganze Welt zu verbreiten“, zweitens die Durchsetzung der Rassenpolitik, drittens „lässt sich musterhaft zeigen, mit welchen Strategien die NSDAP schon frühzeitig eine Gleichschaltung von Verbänden und Vereinen erzielte“ und viertens die Dimension der „unzähligen Helfer im Ausland“. „Der Erfolg wäre ohne die aggressive Verbreitung der NS-Ideologie durch viele einfache Bürger nicht möglich geworden“, so Koop. Sverre Gutschmidt

Volker Koop: „Hitlers fünfte Kolonne – Die Auslands-Organisation der NSDAP“, bebra-Verlag, Berlin-Brandenburg 2009, geb., 301 Seiten, 24,95 Euro


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