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20.03.10 / Verwöhnt mit den Schätzen der Natur / Entspannung im Heu, Schönheit durch Kalk – Angebote von Südtirol bis Rügen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 11-10 vom 20. März 2010

Verwöhnt mit den Schätzen der Natur
Entspannung im Heu, Schönheit durch Kalk – Angebote von Südtirol bis Rügen

Ob Kräuter, Sole, Moor – Wellness setzt auf natürliche Produkte und dabei auch gern auf regionale. So steht der alpinen Wellness ganz selbstverständlich die maritime gegenüber.

Seit über 100 Jahren schon pilgern Kurgäste nach Völs am Schlern in Südtirol, um inmitten des gärenden Dolomitenheus Gesundheit und Wohlbefinden zu finden. Es sind hier meist Blattpflanzen wie Frauenmantel, Edelraute, Arnika, Speik, Quecke, Lolch und Schwingel, die diesen Gärungsprozess bewirken und eine Temperatur von 40 bis 60 Grad erreichen. Bis zum Hals in den gärenden Heuhaufen eingegraben, beginnt man nach kurzer Zeit aus allen Poren heftig zu schwitzen – und den Stoffwechsel mächtig in Schwung zu bringen.

Rund 15 bis 20 Minuten dauert das traditionelle Heubad. Danach geht’s in Leinentücher und De-cken eingewickelt in einen Nebenraum zum Nachschwitzen. Eine Behandlung, der sich in dem kleinen Bergdorf schon vor 100 Jahren weit über 1000 Gäste jährlich unterzogen, wie die Begründer des dortigen Heubadebetriebes, der Gemeindearzt Dr. Josef Clara und der visionäre Wirt Anton Kompatscher, in ihrem Rechenschaftsbericht von 1903 und 1904 festhielten.

Erfunden hatten sie das Heubad nicht. Das waren die Bauern, die bei der Ernte auf den hochgelegenen Bergalmen ihr Nachtlager im Heustock nahmen und dabei die Erfahrung machten, dass danach die große Ermüdung vom Vortag wie weggeblasen war und sie wieder leicht und frisch an die Arbeit gehen konnten. Bald dienten Heubäder neben der Erfrischung auch zur Linderung rheumatischer Beschwerden. Wie es heißt, habe selbst der an Hydrops (Beinödem) leidende Ludwig van Beethoven bei seinem Bruder, einem Apotheker, reichlich Heu zur Durchführung von Heubädern angefordert. Wer heute ins Heu steigt, wünscht sich vor allem eines: erholsame Entspannung. Er sucht Wohlbefinden, er will Wellness.

Was den Menschen in den Alpen recht ist, ist den Meeresanrainern billig. Denn auch im Norden badet man nicht nur im Meerwasser, sondern auch in Kreide. Im weißen Gold der Ostseeküste, das auf der Insel Rügen seit über 250 Jahren im Tagebau gewonnen wird. Keine Angst: Die spektakuläre Küste mit ihren Kreidefelsen ist davon unberührt geblieben. Naturschützer hatten rechtzeitig protestiert und die Rügener Kreideproduzenten gebremst, bevor sie sich an den legendären Klinken vergreifen konnten. Die bizarre Landschaft steht seit 1929 unter Naturschutz. 1990 wurde das gesamte Gebiet der Stubnitz im Norden der Insel mit rund 3000 Hektar zum Nationalpark Jasmund erklärt, der eine Fläche von 30 Quadratkilometern umfasst und damit der kleinste Deutschlands ist.

Der Siegeszug der Heilkreide begann vor genau 100 Jahren in Saßnitz, wo sie ab 1910 erfolgreich eingesetzt wurde. 1932 lieferte der Universitätsprofessor Payer vom Chemisch-Physikalischen Universitäts-Institut in Breslau dazu die ersten wissenschaftlichen Untersuchungen. Im Rügenschen Kreiskrankenhaus kam Dr. Seiffert zu der Erkenntnis: „...in 90 Prozent der Fälle sind die Erfolge mit Rügener Heilkreide mehr als gut...“ Und der Sassnitzer Chefarzt Dr. Friedrich Karl Wünn bescheinigte schon seinerzeit bei 97 Prozent seiner Patienten „eine günstige Beeinflussung“.

Gegen Ende der 1960er Jahre gingen die Heilkreide-Behandlungen dennoch deutlich zurück, um 1972 endgültig in einen Dornrös-chenschlaf zu fallen, aus dem sie erst 1995 wieder erwachten. Mittlerweile ist das allergenfreie Naturprodukt, das so gut wie keine Nebenwirkungen hervorruft, aus dem Angebot der Ostseeinsel nicht mehr wegzudenken. Dabei kann man im Kosmetik- und Wellness-Bereich statt von einem Heilmittel von einem Schönheits- und Genussmittel sprechen.

Denn mit Wasser vermischt, entschlackt das feinkörnige, schneeweiße, geruchlose Material nicht nur den Körper und lindert Schmerzen, es zaubert auch noch ganz nebenbei eine „neue“ reine zarte Haut. Ob im Rasul- (entschlackendes Schlammbad) oder Serailbad (Saunavariante mit Heilschlamm), als Soft-Pack im Wasserbett, mit Meersalz, Algen, Seegras, Sole, Frucht-Trester, Tonerde, Honig, Stutenmilch oder mit duftenden Ölen versetzt, ein Bad oder eine Packung mit Kreide fühlt sich gut an, entspannt und macht schön.

Aufgrund des relativ hohen ph-Wertes der Kreide kann die Hautoberfläche allerdings trocken werden. Von den Zusätzen einmal abgesehen, kann im kosmetischen Bereich der Kreidebrei daher mit Sole statt mit Wasser angerührt werden, um den ph-Wert den individuellen Hautbedürfnissen anzupassen. Nach dem Kreidebad ist eine nachsäuernde Maßnahme empfohlen, wie zum Beispiel ein Ölbad oder eine Massage mit Öl. 20 Minuten wohlige Ruhe danach runden die Anwendung ab.

Etwa 98,2 Prozent reines Kalziumkarbonat und geringe Teile an Silizium-, Magnesium-, Aluminium-, Eisen-, Jod- und Phosphorverbindungen sorgen für eine besonders gute Speicherfähigkeit, sowohl für Wärme- als auch für Kälteanwendungen. Beide stimulieren den Stoffwechsel, regen die Regeneration der Hautzellen an und schaffen dadurch eine bessere Atemfunktion und Sensibilisierung der Haut. Auch die Sensibilisierung des Immunsystems und die Anregung der Durchblutung zählen zu den positiven Effekten. Helga Schnehagen


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