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20.03.10 / Von Tschechen verfolgt / Sudetendeutsche Jüdin überlebt Auschwitz und wird dann noch enteignet

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 11-10 vom 20. März 2010

Von Tschechen verfolgt
Sudetendeutsche Jüdin überlebt Auschwitz und wird dann noch enteignet

Selten bekommen wir die Möglichkeit, den Schmerz und die Verzweiflung eines Menschen zu verstehen, vielleicht weil uns die Phantasie fehlt oder weil man das Unfassbare, das Grausame niemals in dem Ausmaß kennengelernt hat, um die Gefühle der Protagonisten in solch einem Moment nachzuempfinden. Das Buch von Radka Denemarková „Ein herrlicher Flecken Erde“ überrascht daher mit einer unglaublichen Wucht der Worte.

Als Gita Lauschmann, eine jüdische Sudetendeutsche und Tochter eines Großgrundbesitzers, auf wundersame Weise die Hölle des Konzentrationslagers Auschwitz überlebt und in ihre Heimat Puklitz völlig erschöpft und ausgemergelt zurückkehrt, erlebt sie das nächste Inferno. Liebe, Zuflucht, Geborgenheit wünscht sich die 16-Jährige, bloß das Grauen des Konzentrationslagers vergessen, endlich wieder daheim sein. Auch wenn ihre Eltern und ihre kleine Schwester Rosalie tot sind, bald würde ihr Bruder kommen und ein neues normales Leben könnte anfangen. Schnell werden jedoch ihre Hoffnungen begraben, denn nicht nur, dass das Familienanwesen nicht mehr ihr Haus zu sein scheint, auch sie wird von den Tschechen als Eindringling empfangen. Statt der erhofften Liebe strömt Gita ein unglaublicher Hass entgegen. Als Nazi beschimpft und gequält, entkommt sie nur knapp mithilfe der Frau, die nun ihr Elternhaus bewohnt, einem Mord.

Das Buch berichtet von ihrem letzten Versuch, bereits als eine 70-jährige Frau Gerechtigkeit zu erfahren, ihre Familie zu rehabilitieren und ihren Familienbesitz zurückzuerhalten. Doch auch nach so vielen Jahren wird sie immer noch als Feind in dem Ort gesehen, in dem sie eine glückliche Kindheit verbracht hat. Schmerzliche Erinnerungen werden von Gita immer wieder eingeblendet. Kämpfen musste sie ihr Leben lang. Und auch dieser Kampf um einen „herrlichen Flecken Erde“ scheint bereits verloren, als sich plötzlich jemand aus der eingeschworenen Gemeinde der Puklitzer auf ihre Seite stellt.

Das Buch ist keine leichte Lektüre, man kann es aber auch nicht aus der Hand legen. Nicht die Geschichte an sich, sondern vielmehr die Gefühlswelt, die Radka Denemarková aufbaut, macht dieses Buch so unvergesslich. Ständig hoffend, dass Menschen das Grauen der Vergangenheit endlich erkennen und ihre Vorurteile und Gefühlskälte ablegen, erlebt der Leser die Enttäuschungen von Gita mit. Anna Gaul

Radka Denemarková: „Ein herrlicher Flecken Erde“, DVA, München 2009, gebunden, 294 Seiten, 19,95 Euro


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