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03.04.10 / Die Schwarzen Witwen sind zurück / Russland streitet über das richtige Vorgehen gegen den Terror – Im Hintergrund der Kaukasus-Konflikt

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-10 vom 03. April 2010

Die Schwarzen Witwen sind zurück
Russland streitet über das richtige Vorgehen gegen den Terror – Im Hintergrund der Kaukasus-Konflikt

Mit dem Doppelanschlag vom Montag morgen in der Moskauer U-Bahn ist der Terror in die europäischen Hauptstädte zurückgekehrt. Doch die Attacken gegen Russland – oft von so genannten „Schwarzen Witwen“ aus dem Kaukasus ausgeführt – sind nicht direkt vergleichbar mit den Anschlägen in London und Madrid. Im Hintergrund steht der ungelöste Konflikt im Nordkaukasus.

Mindestens 37 Menschen sind bei den beiden Anschlägen in der Hauptverkehrszeit in Moskau ums Leben gekommen, die Zahl der Verwundeten lag noch weit höher. Die Sprengsätze detonierten im Abstand von 40 Minuten an zwei verschiedenen Stationen in voll besetzten Zügen, ein dritter Sprengsatz war offenbar nicht detoniert. Dazu passt die Meldung eines Twitter-Nutzers, wonach die Moskauer Polizei die Mobilfunkfrequenzen blockiert habe, um eine mögliche weitere Sprengsatzzündung per Handy zu verhindern.

Der erste Anschlag geschah ausgerechnet an der Station „Lubjanka“, der früheren Zentrale des KGB und heutigen Zentrale des FSB. Laut dem russischen Geheimdienst FSB wurde die Tat von zwei Selbstmordattentäterinnen verübt, von Frauen wohlgemerkt, und damit führte die Spur – wenn man nicht Desinformation über die Täter unterstellen will – direkt in den Kaukasus.

In der Tat vermuteten russische und auch nichtrussische Experten schon am Tag des Anschlags, dass es sich um Racheakte islamistischer Untergrundkämpfer aus dem von Russland mit harter Hand beherrschten Nordkaukasus handelt. Russische Sicherheitskräfte hatten in dieser Region, zu der auch Tschetschenien gehört, erst in den letzten Wochen wieder Dutzende Rebellen getötet.

Konkret wurde diskutiert, ob es sich um eine Vergeltungstat nach der Tötung von Alexander Tichomirow (alias „Sheich Abu Saad Said Buryatsky“) am 2. März durch eine russische Spezialeinheit handeln könnte. Er galt als Chef-Ideologe der kaukasischen Extremisten und zudem als einer der Drahtzieher der letzten Terrorwelle, deren Höhepunkt der Bombenanschlag auf den russischen „Newski Express“ im November 2009 war, wobei 26 Menschen starben. Zu diesem Anschlag, der ohnehin eine kaukasische Handschrift trug, hatte sich eine islamistische Gruppe bekannt.

Schon seit dem Jahr 2004 kam es in verschiedenen Teilen Russlands immer wieder zu Terroranschlägen kaukasischer Täter, blutiger Höhepunkt war die Geiselnahme von 1100 Schülern und einigen Lehrern in einer Schule in der nordossetischen Stadt Beslan im September 2004. Damals starben insgesamt 368 Menschen, die meisten allerdings bei einer nicht gerade professionell ins Werk gesetzten Befreiung der Schule durch russische Sicherheitskräfte, die unter anderem Panzergranaten verschossen. Der Anschlag geschah mitten im zweiten Tschetschenienkrieg, der 1999 begann und im April 2009 offiziell für beendet erklärt wurde.

Nach dem jetzigen Attentat fiel bald der Name Doku Umarow. Der 45-jährige sechsfache Familienvater ist selbsternannter „Emir“ des Nordkaukasus und hat zuletzt im Februar damit gedroht, den Krieg an die „russische Front“ zu tragen. Er gilt in Russland vielen als Staatsfeind Nummer 1, ob er aber tatsächlich hinter dem jetzigen Doppelanschlag steckt, war zunächst nicht klar.

Klar war und ist, dass in Russland die Meinungen über das richtige Vorgehen gegen den Terror weit auseinandergehen. Während in der Duma die Kremlpartei „Einiges Russland“ forderte, die Ideologie des Terrors auszurotten, kamen vom (an sich Moskau-treuen) tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow ganz andere Töne. Auch er forderte, den Kampf gegen die Terroristen zu verschärfen, betonte aber, die Ideologie als solche lasse sich nicht ausrotten. In Tschetschenien waren im Jahre 2009 offiziell die „Antiterroroperationen“ für beendet erklärt worden. Allerdings war der bewaffnete Untergrund – ähnlich wie im Falle Afghanistan/Pakistan – damals bereits in benachbarte Kaukasusstaaten ausgewichen.

Der islamistische Untergrund im Nordkaukasus bekommt immer wieder Zulauf von jungen Menschen – nicht nur Männern. Zu den Gründen gehören neben der russischen Fremdherrschaft auch soziale Probleme und die Perspektivlosigkeit vieler junger Menschen im Nordkaukasus. Der russische Oppositionspolitiker Boris Nemzow erklärte nach den Anschlägen, die russische Nordkaukasuspolitik sei gescheitert. So lange sich das „Putinregime“ auf korrumpierte Banditen stütze, würden sich die Reihen der Terroristen immer wieder füllen und die Russen die Gefahr, die davon ausgehe, zu spüren bekommen, schrieb die „Frankfurter Allgemeine“. Während in Moskau unschuldige Zivilisten – darunter auch Nichtrussen – leiden, befürchten russische Muslime eine Welle von Sondermaßnahmen und Hass gegen Muslime. Anders als das kleine Israel gegen das Westjordanland kann Russland kaum einen Sperrzaun zum gesamten Nordkaukasus hin errichten. Und so ist ohne politische Lösung der Kaukasus-Problematik ein Ende dieses Terrors wohl nicht zu erwarten. Konrad Badenheuer


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