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03.04.10 / Braunkohle wichtiger als Brauchtum / Lausitzer Sorben (Wenden) fürchten um ihre Heimat – »Magisches Viereck« eines kleinen Volkes ohne Staat

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-10 vom 03. April 2010

Braunkohle wichtiger als Brauchtum
Lausitzer Sorben (Wenden) fürchten um ihre Heimat – »Magisches Viereck« eines kleinen Volkes ohne Staat

Alle Ostern wieder ziehen die Osterreiter durch die Lausitz – 1800 katholische Obersorben zu Pferde, die am Ostersonntag singend und betend durch ihre Region ziehen. In diesem Jahr werden sie zum 378. Mal reiten, seit 1541 in ungebrochenem Jahresrhythmus, nicht gerechnet Ritte aus heidnischer Vorzeit, als sie Schutz für heimische Fluren bringen sollten – Schutz, der auch gegenwärtig dringend nötig wäre.

„Boh knjez je stworil Luzicu/ a cert je zaryl brunicu“, heißt es in einem sorbischen Lied: Der Herrgott hat die Lausitz erschaffen, aber der Teufel vergrub dort Braunkohle. 13 Milliarden Tonnen liegen dort in dicken Flözen und in geringer Tiefe, so dass sie leicht erreichbar sind. 1911 wurde dieser Schatz entdeckt und von der AG Eintracht-Braunkohlenwerke rücksichtslos ausgebeutet: Schon 1913 fuhr das rein sorbische Dorf Bukojna (Buchwalde) „in die Grube“, weitere 82 folgten ihm in späteren Jahrzehnten. 1997 beschloss der Brandenburger Landtag die Zerstörung des Dorfs Horno, 2006 geriet die Region Slepo (Schleife) in Sachsen, unverzichtbar für sorbische Tracht, Musik und Sprache, in Gefahr. Und weitere tragische Fälle, für welche die „Domowina“ (Heimat), seit 1912 maßgebende Sorben-Organisation, 2007 bei Hoyerswerda eine Gedenkstätte einrichtete.

Bis heute bekämpft die „Domowina“ Lausitzer Tagebaue und scheute dabei sogar nicht davor zurück, vor dem Europäischen Gerichtshof zu klagen. „Blockieren“ will sie nicht, nur an Verpflichtungen erinnern, die das wiedervereinte Deutschland 1991 einging, und regionale Entwicklungskonzepte anmahnen, die sorbische Belange berücksichtigen. Das wird klappen: Sorben sind erfahrene Kämpfer für ihre Heimat, Braunkohlenkonzerne hüten sich, den Raubbau aus DDR-Zeiten fortzusetzen.

1957 bestimmte die SED Cottbus zum „Kohlebezirk der DDR“, aus dem jährlich 260 Millionen Tonnen gebaggert werden sollten. Nach den Ölschocks um 1980 stiegen die Planungen auf (nie erreichte) 330 Millionen Tonnen, und man stellte jede Rekultivierung ein. Cottbus und andere Kohleregionen wurden Mondlandschaften.

1985 kamen 20 Prozent der Weltfördermenge aus der Lausitz, aber die Schadstoffemissionen der örtlichen Kraftwerke belasteten Gesundheit und Natur extrem. Die Rohstoffarmut erzwang weitere „Devastierung“, bis 2050 sollten zwei Drittel des Bezirks Cottbus verschwinden. Volkszorn kochte 1984 hoch, als der Ort Klitten zur Zerstörung anstand.

Der Deutsche Peter Rocha dokumentierte mit dem Film „Die Schmerzen der Lausitz“ die amtliche Zerstörungspolitik, der sorbische Schriftsteller Jurij Koch stimmte den DDR-Schriftstellerverband gegen diese Politik ein (und spielte die entsprechende Resolution westlichen Medien zu), die Kirchen verteilten Briketts mit der Prägung „Betet für Klitten“. Dann kam Ende 1989 der Sturz des SED-Regimes und damit die Rettung Klittens um Fünf vor Zwölf. Seit 1944 sind 17 Gruben „ausgekohlt“ und beendet. Andere blieben und dritte sollen in den nächsten Jahrzehnten eröffnet werden.

Speziell um diese gibt es Krach: Ist der ökonomische Wert der Lausitzer Kohle höher als der Kulturwert des kleinsten Slawenvolks, der 60000 Lausitzer Sorben? Sollten Energie- und Arbeitsplatzsorgen nicht mehr Gewicht haben als sorbische Trachtenhauben und Lausitzer Osterritte? Ist die „Domowina“ käuflich, wenn sie Abmachungen trifft mit dem Energiekonzern Vattenfall, seit 2001 Gebieter über die Lausitzer Braunkohle?

Die „Domowina“ weiß, dass sie gegen staatlich abgestimmte Energiekonzepte keine Chance hat. Die aktuellen Konzepte werden das Lausitzer Revier bis 2030 sichern, besagte 2007 eine solide Studie der TU Clausthal. Bereits 2006 vereinbarten „Domowina“ und Vattenfall, dass sozialverträgliche Kohleförderung auch Kulturförderung sein kann, die sorbische Sprache, Schulen, Traditionspflege und Medien unterstützt. Dann werden noch lange Osterreiter unterwegs sein als Boten des magischen Vierecks der Sorben in Deutschland: slawische Identität, katholische Religiosität, Lausitzer Brauchtum und sorbische Sprache. Wolf Oschlies


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