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03.04.10 / Geteilte Stadt auf dem Weg zur Normalisierung / Der scheidende OB Martin Patzelt berichtet über die deutsch-polnische Zusammenarbeit in Frankfurt an der Oder

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-10 vom 03. April 2010

Geteilte Stadt auf dem Weg zur Normalisierung
Der scheidende OB Martin Patzelt berichtet über die deutsch-polnische Zusammenarbeit in Frankfurt an der Oder

An Oder und Lausitzer Neiße liegen vier Städte, die heute durch die Grenzziehung geteilt sind: Küstrin, Frankfurt, Guben und das schlesische Görlitz. Die östlich der Flüsse liegenden ehemaligen Stadtteile sind heute eigene polnische Gemeinden. Am bekanntesten ist wohl Frankfurt mit seiner polnischen Partnerstadt Slubice, früher der Stadtteil Dammvorstadt. In unserer Zeit deshalb bekannt, weil über Frankfurt die wichtigsten Ost-West-Verkehrsverbindungen nach Polen und weiter nach Osteuropa laufen sowie durch die Europa-Universität Viadrina. Und Dammvorstadt/Slubice hat für deutsche Bürger als Hauptanziehungspunkte Tankstellen, den Bazar und preisgünstige Dienstleistungen vom Friseur über Kfz-Werkstätten bis zum Zahnarzt. Seit die Grenzen völlig durchlässig wurden, läuft über die Stadt- beziehungsweise Oder-Brücke ein lebhafter Verkehr. Wer konnte einen besseren Einblick in die Probleme seiner Stadt und ihr Verhältnis mit dem polnischen Partner geben als Frankfurts Oberbürgermeister Martin Patzelt?

Im 24. „Märkischen Gesprächsforum“ des Hauses Brandenburg in Fürstenwalde/Spree stellte er sich einem interessierten und fachkundigen Publikum. Patzelt war acht Jahre Oberbürgermeister seiner Vaterstadt, bei der jüngsten Wahl im Februar durfte der 62-jährige CDU-Politiker aus Altersgründen nicht mehr kandidieren, was er bedauert. So war sein Auftritt auch eine sehr persönliche Bilanz seiner Tätigkeit. Und diese war nicht einfach, gerade was das Verhältnis zu den Polen angeht. Da ist zunächst die Sprachbarriere. Außer etlichen Studenten können sich nur sehr wenige Deutsche in Frankfurt auf Polnisch verständigen, umgekehrt sprechen viel mehr Polen Deutsch, denn Deutsch ist nach Englisch die zweite Fremdsprache an polnischen Schulen. Zwar gibt es seit 1992 ein deutsch-polnisches Gymnasium und weitere Schulen bieten freiwilligen Polnischunterricht an, das ist aber nicht genug, um die Sprachbarriere auch von der deutschen Seite her zu durchbrechen. Kontrovers ist nach wie vor der Bau einer Straßenbahn über die Oderbrücke nach Dammvorstadt/Slubice.

Die deutsche Bevölkerung in ihrer Mehrheit ist immer noch dagegen, obwohl die Finanzierung durch europäische Mittel erfolgen würde. Rational kann man das nicht ganz verstehen, aber die Stadtväter sind für die Zukunft zuversichtlich. Als positiv gilt die Tatsache, dass seit 1993 regelmäßig ein- bis zweimal im Jahr gemeinsame Stadtverordnetenversammlungen tagen, die immer wieder die Vision vertreten, dass sich aus den beiden Grenzstädten eine Europastadt entwickeln möge, womöglich mit dem gemeinsamen Namen „Slubfurt“. Dagegen allerdings gibt es regelmäßig auf deutscher Seite Widerspruch. Ganz anders einzuschätzen ist die deutsch-polnische Seniorenakademie, die im Collegium Polonicum in Slubice tagt. Deutsche und polnische Heimatvertriebene tauschen hier ihre Erfahrungen und Erinnerungen aus. Dies haben beide Städte seit 1945 gemeinsam; in Frankfurt blieben viele Vertriebene vornehmlich aus der ostbrandenburgischen Neumark hängen, in Dammvorstadt/Slubice dagegen Vertriebene aus den 1920 von Polen eroberten Teilen des Sowjetstaates, die sich dieser 1945 zurückgeholt hat. Die Erlebnisgenerationen treten langsam ab, doch die in der Akademie gesammelten Berichte werden als Zeitzeugnisse aufbewahrt. Patzelts Bilanz ist die Erkenntnis, dass eine mentale, kulturelle und menschliche Annäherung zwischen Deutschen und Polen ein langfristiger Prozess über Generationen sein wird, wobei die ersten 20 Jahre seit der Wende erst ein Anfang sein können. Er sieht das optimistisch.

Vielmehr Sorge bereitet Patzelt die nach wie vor rückläufige Einwohnerzahl seiner Stadt. Von 90000 Einwohnern zu DDR-Zeiten sind es gegenwärtig knapp 60000, während die Bevölkerung von Dammvorstadt/Slubice wächst – auf heute etwa 20000. Eine Durchmischung findet kaum statt. Nur 2000 Polen wohnen im Westteil der Stadt und nur wenige Deutsche östlich der Oder. Immer noch verlassen junge Leute Frankfurt, viele Angehörige der Viadrina pendeln nach Berlin, eine industrielle Basis – Stichwort Solarenergie – muss aufgebaut werden. Der scheidende Oberbürgermeister will als engagierter Frankfurter die kommenden Entwick-lungen kritisch und konstruktiv weiter begleiten. Die lebendige Art seines Vortrages zeigte auch, wie gern er Oberbürgermeister geblieben wäre. Karlheinz Lau


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