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03.04.10 / Aufgeschlossen mit Vorurteilen / Holländische Autorin bereiste Osteuropa und traf binationale Familien

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-10 vom 03. April 2010

Aufgeschlossen mit Vorurteilen
Holländische Autorin bereiste Osteuropa und traf binationale Familien

Eine Reise von der lettischen Ostseeküste über Niederschlesien, die Bundesrepublik, bis in den Süden Ungarns und das nordrumänische Transsilvanien: Die holländische Journalistin Annemieke Hendriks hat über Jahre „sechs Familien in der Mitte Europas“ – so der Untertitel ihres informationsreichen Reiseberichts – besucht und dabei erfahren, wie zäh und beharrlich historische Stereotypen und Vorurteile in fast allen Ländern nach wie vor sind, dass es aber auch hoffnungsvolle Zeichen für ein langsam wachsendes europäisches Gemeinschaftsgefühl gibt. Die Familien leben alle, wie sie sagt, „im Spannungsfeld zwischen den Herausforderungen des vereinten Europa und den historisch bedingten Empfindlichkeiten ihrer Nationalstaaten“.

Im lettischen Seebad Riga-strand (Jurmala) bei Riga lebt eine lettisch-russische Familie, die den schroffen Gegensatz zwischen den Volksgruppen geradezu virtuos aushält. Im niederschlesischen Janowice Wielkie, dem früheren Jannowitz am Riesengebirge, betreibt eine polnisch-niederländische Familie mit großem Engagement einen alternativen Bauernhof und plant für Tourismus und Kultur inmitten gleichgültiger und misstrauischer Bewohner. Eine kärntner-slowenische Großfamilie in Globasnitz (Globasnica) erfährt mit ihren Angehörigen hüben und drüben der Karawanken fast täglich, wie weit das Zusammenleben der Menschen unterschiedlicher Nationalität glückt und wo es immer wieder hapert.

Im ungarischen Fünfkirchen/Pecs bemüht sich eine ungarisch-deutsche Familie mit mehr Idealismus als Erfolg, die Stadt als Kulturhauptstadt Europas 2010 (neben Essen und Istanbul) fit zu machen. Gleich hinter der Grenze lebt eine ungarisch-rumänisch-schwäbische Großfamilie in dem – typisch dreinamigen – Ort Petrifeld (rumänisch: Petresti , ungarisch: Mezöpetri) sie ist die Bürgermeisterin, die mit einigem Erfolg dem Ort ein neues Gesicht gibt. Schließlich ein deutsch-polnisches Lesbenpaar in Wiesbaden – allerdings mehr eine Geschichte über alternatives Leben als über unterschiedliche Nationalitäten.

Mit viel Anteilnahme schildert Hendriks den Alltag dieser Menschen. Zieht man ein vorsichtiges Resümee, so wird deutlich, wie schwierig der Reformprozess von der vormaligen sozialistischen Herrschaft zur Demokratie und zugleich zum europäischen Zusammenschluss ist. Die Menschen gewöhnen sich nur langsam an Neues, bleiben misstrauisch gerade gegenüber der Vorschriftenflut aus Brüssel (obwohl von dort Hilfsgelder kommen) und sind nach wie vor mit Korruption und Vetternwirtschaft (fast immer der alten Nomenklatura) konfrontiert. Kein Fremdenhass, aber doch Misstrauen gegen Fremde, dann aber auch wieder überraschende Offenheit, Bereitschaft zur gemeinsamen Arbeit und viel Lob für rumänische Toleranz zumindest in dem Vielvölkereck Transsilvanien. Dirk Klose

Annemieke Hendriks: „Unheilbare Heimat – Eine Reise zu Familien in der Mitte Europas“, edition Körber-Stiftung, Hamburg 2009, kartoniert, 331 Seiten, 20 Euro


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