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03.04.10 / Erfinder des Kommunismus / Wie aus einer Analyse des Kapitalismus eine mörderische Ideologie wurde

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-10 vom 03. April 2010

Erfinder des Kommunismus
Wie aus einer Analyse des Kapitalismus eine mörderische Ideologie wurde

20 Jahre ist es her, dass sich „die Herrschaft des Surrealen im Herbst 1989 lautlos verabschiedet hatte“, so Rolf Hosfeld, Autor des Buches „Die Geister, die er rief – Eine neue Karl-Marx-Biographie“. Inzwischen ist Karl Marx (1818–1878) mit seinen Gesellschafts-, Wirtschafts- und Staatstheorien in den Medien wieder im Gespräch. Etliche seiner Erkenntnisse – Stichwort: Entfremdung des Menschen von seiner Arbeit – könnten als Beiträge zur Analyse der gegenwärtigen Situation dienen, heißt es immer wieder. Nicht viele Interessierte, die dem so genannten „breiten Publikum“ zuzurechnen sind, dürften allerdings geneigt sein, das komplizierte „Kommunistische Manifest“ (1845) und das dreibändige „Kapital“ (erschienen seit 1867) im Original zu lesen, um sich mit den Grundlagen und Kernthesen der marxschen Gesellschaftskritik vertraut zu machen. An sie und an alle, die sich einen fundierten Überblick verschaffen wollen, richtet sich Rolf Hosfelds Buch. Das Leben des in Trier geborenen Philosophen und Nationalökonomen, der zum bedeutendsten Analytiker des Kapitalismus avancierte, war bewegt und verlief aufgrund von Ausweisungen zwischen Deutschland, Paris und London.

Doch ist in einer Biographie zweifellos dessen Ideen und seinem Werk, das in einer Epoche grundlegender gesellschaftspolitischer Umbrüche entstanden ist, im Sinne einer profunden Einführung der Vorrang zu geben. So ist Rolf Hosfeld verfahren, der auf 260 Seiten 670 Fußnoten zu bieten hat, was die ungeheure kompilatorische Leistung des erfahrenen Journalisten und Sachbuchautors erkenntlicher macht. Im historischen Kontext werden Marx’ bahnbrechende Ideen ebenso wie seine Fehleinschätzungen dargestellt. Knappe, leicht verständliche Erläuterungen der politischen Strömungen des 19. Jahrhunderts verhelfen zum Verständnis der Entwicklung, die Marx durchlief, seit er im Oktober 1842 25-jährig zum „Redakteuren Chef“ der Kölner „Rheinischen Zeitung“ ernannt wurde, die er zu einem führenden Oppositionsblatt machte. König Fried-rich Wilhelm wollte die brennenden sozialen Probleme im Staate Preußen unter den Tisch kehren und erließ ein Verbot der Zeitung, in der zunehmend radikale und demokratische Ideen formuliert und Pressefreiheit gefordert wurde. Hosfeld: „Marx’ erste Idee war die einer vernünftigen Freiheit. Sie scheiterte an den preußischen Verhältnissen seiner Zeit, und ihr Scheitern führte ihn auf den Weg der Revolution.“ 1845/46 begann Marx’ Zusammenwirken mit Friedrich Engels.

Enttäuscht von dem Ende der Revolutionen in Europa 1848, begann er nach seiner Rückkehr aus England mit der Errichtung eines Theoriengebäudes, das, im Sinne eines neuen Humanismus, die proletarische Revolution als Mittel für die Verwirklichung einer menschlichen Gesellschaft rechtfertigen sollte. Ausgangspunkt war seine Kritik an der hegelschen Philosophie. Bekanntlich erklärte Karl Marx später seiner Sicht der Geschichte entsprechend den Menschen zur „Wurzel des Menschen“. Das letzte der vier Kapitel des spannungsreichen Buches ist den „Folgen“ gewidmet. Der Werdegang der deutschen Sozialdemokratie zu Marx’ Lebzeiten wird ebenso erhellt wie, in gebotener Kürze, die Reaktion der russischen Intelligenzija: der Leninismus. „Die Ergebnisse sind bekannt“, schreibt Hosfeld. „Der damit verbundene Größenwahn der Machbarkeit von Geschichte erforderte allerdings Millionen Opfer. Sind sie Marx anzukreiden? Ja und nein. Hielt man an seiner Überzeugung fest, dass der Kommunismus das notwendige Ergebnis der Geschichte war, musste man ihn gewaltsam herstellen.“ Dennoch: „Als Theoretiker des Kapitalismus und der historischen Evolution ist (er) mit all seinen fragmentarischen Einsichten und Widersprüchen erst noch unbefangen zu entdecken.“ Dagmar Jestrzemski

Rolf Hosfeld: „Die Geister, die er rief – Eine neue Karl-Marx-Biographie“, Piper Verlag, München Zürich 2009, geb., 222 Seiten, 19,95 Euro


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