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03.04.10 / Der Wochenrückblick mit Klaus J. Groth

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-10 vom 03. April 2010

Tanz den Sirtaki / Die tollsten Geschichten erfanden schon immer die Griechen / Löcher mit Löchern stopfen / Das Gelbe vom Ei
Der Wochenrückblick mit Klaus J. Groth

Das müssen Sie nicht unbedingt wissen: 1. Demeters Priesterinnen verkündeten das Orakel aus einem Spiegel, den sie an einem Seil in einen Brunnen sinken ließen. 2. Die Emusen, schamlose Dämonen, hatten das Hinterteil eines Esels und trugen bronzene Sandalen. 3. Als Zeus der Nemesis lüstern nachstellte, floh sie vor ihm ins Wasser und wurde zu einem Fisch. Schnell verwandelte er sich in einen Biber und sprang ihr nach. Sie versuchte als Wildgans durch die Luft zu entkommen, da verwandelte sich Zeus zu einem Schwan und bemächtigte sich ihrer. Wie gesagt, das müssen Sie nicht unbedingt wissen. Obgleich es vielleicht besser gewesen wäre, sich daran zu erinnern. Dann hätten wir nämlich gewusst, dass es nirgendwo auf der Welt begabtere Märchenerzähler gibt als in Griechenland. Gegen die Schoten, die die Griechen von Göttern und Geistern mitsamt ihrer weitverzweigten Sippschaft ersannen, waren alle nachfolgenden Intrigen von Shakespeare bis Denver Clan Kaffeekränzchen. So hinterhältig und mies wie auf dem Olymp geht es heute allenfalls im Investmentbanking zu, aber dazu kommen wir später. Jetzt geht es erst einmal um die blühende Phantasie der Griechen. Wer sich schon im Altertum so tolle Geschichten ausgedacht hat, mit Verflechtungen und Stammbäumen, in denen sich nur noch bärtige Antikenforscher mit extrastarken Hornbrillen zurechtfinden, der kann heute doch nur nachsichtig lächeln, wenn er ein paar Bilanzen so frisiert und verschachtelt, dass nicht einmal mit Hilfe eines Ariadnefadens zum Ausgang zu finden ist. Trotzdem hätte man genauer hinsehen müssen, da es ja griechische Bilanzen waren. Hat man aber nicht. Das hätte das schöne Bild trüben können, das klassische Gemälde von Hellas. Von griechischem Wein und Alexis Sorbas. So etwas Schönes lässt man sich doch nicht kaputtrechnen. Wer das Land der Griechen mit der Seele sucht, der darf kein Pfennigfuchser sein. Nun ist der Schlamassel wirklich nicht mehr zu übersehen. Die Griechen müssen in den nächsten Wochen alte Schulden begleichen, doch leider fehlt ihnen neues Geld. So etwas kommt immer wieder mal vor, weshalb RTL ja auch zur Hauptsendezeit eine Serie ausstrahlt, in der ein Schuldenberater Mitmenschen aus der Schuldenfalle hilft. Das ist immer mit Verzweiflung und ein paar Tränen garniert, aber am Ende steht die Hoffnung, irgendwer werde es schon richten. So ist das richtige Leben bei RTL. Und so ist es auch im richtigen Leben bei den Griechen. Sie können aufatmen. Sie haben die Schuldenberater Angela Merkel und Nicolas Sarkozy an ihrer Seite, da kann gar nichts mehr passieren. Irgendwer wird es auch für die Griechen schon richten. Das große Geld vom Internationalen Währungsfond zum Beispiel. Und die vielen Euros aus den anderen Euro-Ländern. Und dann vor allem das viele Geld von den Banken. Die geben den Griechen jetzt neues Geld, damit sie damit die Schulden bezahlen können, die sie bei den gleichen Banken haben. Damit sehen wir wieder einmal ein schönes Beispiel des Kreislaufs des Geldes. Und weil immer ein biss-chen mehr Geld in diesen Kreislauf gepumpt wird, steigen die Zinsen immer ein wenig an und steigen die Schulden auch etwas mehr an, womit man richtig schön verdienen kann. Das ist den Banken zu gönnen, weil sie doch eine schwere Zeit durchstehen müssen. So lange einer genug neue Schulden machen kann, um die alten Schulden zu bezahlen, finden die Beteiligten diesen Kreislauf des Geldes richtig gut. Und weil nun die Angela Merkel und der Nicolas Sarkozy dem Alexis Sorbas versprachen, sie würden schon genügend Zaster auftreiben, falls die Banken nichts mehr rausrücken sollten, muss sich Alexis Sorbas keine Sorgen mehr machen. Selbstverständlich drehen die Banken jetzt den Geldhahn erst richtig auf, sie wissen ja, wer zahlt, wenn Alexis Sorbas nicht mehr zahlen kann.

Irgendwie kommt einem das alles bekannt vor. Hatten wir das nicht gerade? Tatsächlich, ein paar Rollen wurden neu besetzt, aber es ist die Wiederholung des Stücks, das gerade unter dem Titel „Globale Finanzkrise“ gegeben wurde. Dessen Inszenierung hat sehr viele Leute sehr viel Geld gekostet, nur nicht jene Leute, die das Drehbuch dazu schrieben. Und damit das Stück nicht noch teurer wird, hatten die Regierungen diverser Staaten ebenfalls versprochen, für zahlungsunfähige Banken in die Bresche zu springen. Deshalb dürfen die Banken auch immer noch ihre Schrottanleihen, die sonst niemand mehr haben will, bei der Europäischen Zentralbank als Sicherheit abliefern, dafür bekommen sie dann sehr günstig sehr schönes Geld. Deshalb wurden Steuermilliarden in marode Banken gepumpt, die trotzdem marode blieben. Irgendwie beschleicht unsereins der Verdacht, das so genannte Gerüst der Finanzwelt stehe zunehmend kippliger. Noch sind die Folgen der alten Banken- und Finanzkrise nicht ausgestanden, geschweige denn bewältigt, da wird der nächste Versuch am lebenden Objekt gewagt: Die Griechen sollen sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf ziehen. Wie das ohne kräftige Ankurbelung der Wirtschaft und ohne die Möglichkeit, die eigene Währung abzuwerten, funktionieren soll, das weiß niemand. Da heißt es tapfer ziehen, Alexis Sorbas. In solch unsicherer Zeit ist es doch schön, wenn ein paar verlässliche Größen bleiben. Bonuszahlungen zum Beispiel. Die sprudeln aus ausgedörrtem Boden offenbar besonders kräftig. Aber vielleicht räumen die Bankvorstände nur deshalb so gnadenlos ab, weil sie ahnen, dass ihr kippliges Finanzgerüst nicht mehr lange steht. Löcher kann man nicht mit Löchern stopfen. Die Löcher werden immer größer und die Flicken immer imaginärer. Folglich sahnen die Herren des Geldes während und nach der Finanzkrise mehr ab, als sie es vor der Finanzkrise taten. Wer ihnen damals bereits vorwarf, sie seien schamlos, der wusste nicht, wie einfach Schamlosigkeit zu steigern ist. Mal so eben um 40 Prozent angehobene Bonuszahlungen, warum denn nicht? Der Kollege von der Bank nebenan bekommt doch ebensoviel, obgleich er weiterhin Verluste macht. Stimmt, sagt der Kollege von nebenan, aber meine Verluste sind nicht mehr ganz so hoch – das ist doch auch wohl einen fetten Bonus wert, oder?

Je fetter die Beute, desto selbstverständlicher die Formel „Geld oder Leben“. Die kennen wir gemeinhin zwar nur aus Räuberpistolen, aber die sind inzwischen bereits alltäglich. Als Frage wurde diese Formel bei einer Umfrage gestellt: „Sind Sie bereit, für eine Million Euro Ihr Leben um ein Jahr verkürzen zu lassen?“ Jeder Fünfte war bereit, sich auf diesen Handel einzulassen, das ist noch nicht unbedingt überraschend. Ein großer Teil davon hatte den größten Teil seines zu erwartenden Lebens noch vor sich, auch das ist nicht überraschend. Aber die Zustimmung zu diesem Handel war nicht bei jenen Menschen besonders groß, für die eine Million Euro eine ziemlich abstrakte Größe sind. Mit der Einkommenserwartung stieg auch die Bereitschaft, sich für Bares Lebenszeit abzwacken zu lassen. Allerdings wurde die Frage nicht in jenen Sphären gestellt, in denen man Bonuszahlungen im zweistelligen Millionenbereich einstreicht. Da nämlich würde es gefährlich. Die verbleibende Lebenserwartung dürfte dann kaum die Laufzeit gegenwärtiger Arbeitsverträge übersteigen – zwei bis drei Jahre. Dann schon lieber Praktikant bleiben.

So wurden uns also wieder einmal etliche Eier ins Nest geschummelt, von denen wir nicht wissen, wie sie uns bekommen. Als besonders schneller Brüter beglückte uns der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan schon vor Jahren mit der Maßregelung, Assimilation sei ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Vor ein paar Tagen dann wollte er alle im Ausland lebenden Türken zu Lobbyisten der Türkei machen, mit doppelter Staatsangehörigkeit, versteht sich. Und jetzt fordert er türkische Gymnasien in Deutschland, damit die Türken in Deutschland Türkisch lernen können. Ob Angela Merkel dem Herrn Erdogan bei ihrem Besuch verklickerte, diese Idee sei nicht das Gelbe vom Ei?Alexis Sorbas aber hebt abwehrend die Hände: Sein Name sei Hase, von Tricksereien wisse er nichts.

Hans Heckel macht Urlaub und ist ab 12. April wieder für Sie da.


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